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Bernd Schuster: Miesepeter im Porzellanladen

Endlich darf er Trainer sein, wo er als Spieler ein Star war: bei Real Madrid. Sein Auftrag, schöner zu siegen, schreckt Bernd Schuster wenig - aber gelingt es ihm, den Traumjob zu genießen?

Endlich wieder große Oper. Nach solchen Abenden im Scheinwerferlicht Europas verzehren sie sich, olé, ist Real nicht ein Klub, der einst für diese Abende geschaffen wurde? So glauben sie es noch immer hier, im kolossalen Estadio Santiago Bernabéu zu Madrid. Das ehrwürdige Publikum jubiliert, 4 : 2 gegen Piräus in der Champions League, zwei Tore durch ihren Liebling Robinho. Noch Minuten nach dem Match tanzen die Real-Stars in der Umkleidekabine. Nur einer steht in der Ecke, so erzählen es Spieler später, er zieht ein Gesicht, als müsste er gleich zum Schaffott: der deutsche Trainer Bernd Schuster. Jetzt, nach Abpfiff, beginnt seine Leidenszeit. Auf ihn wartet das Auditorium im Untergeschoss des Baus. Der Pressesaal. Ein paar Dutzend Reporter hacken dort in ihre Laptops, quatschen oder warten. Keine besonders furchteinflößende Szenerie. Doch Schuster ringt mit sich, als er vor der Tür steht, mit bleicher Miene und heruntergezogenen Mundwinkeln. In den Saal kommt er schließlich getapst wie ein alter Bär, und nach ein paar Minuten tapst er hinaus wie ein alter Bär, und dazwischen hat er mit seiner tapsigen Rhetorik ausnahmsweise kein Porzellan zerdeppert.

Dies ist durchaus eine Nachricht. Es begann Ende August, nach dem 3 : 5 im Supercup-Finale gegen Sevilla, als Schuster die Journalisten anblaffte, sie sollten nicht versuchen, mit ihm auf Augenhöhe zu diskutieren. Eine Kriegserklärung. Ein Reporter hatte gewagt zu fragen, warum der Regisseur Guti zunächst auf der Bank gesessen habe. Doch für Schuster, 47, gibt es keine banalen Fragen. Er nimmt alles persönlich. So war er schon in den 80er Jahren als Spieler, und ein Staatsmann ist er seither nicht geworden. Seit Jahren hatte er davon gesprochen, wie sehr er wünschte, einmal bei Real anzuheuern. Doch nun lässt er mit nichts erkennen, dass er angekommen sein könnte: der Blonde Engel im Himmel. Zurzeit nennt man ihn hier nicht mal "Nibelungo", wie sonst gern. Schuster wird nur als "Mala Leche" bezeichnet, wörtlich "saure Milch". Als Miesepeter. Dabei hat der neue Trainer bislang noch gar nichts aushalten müssen, keine Krise, keine bösartige Kritik. Er hat den Meister wieder an die Spitze der Primera División geführt, in der Champions League fehlt ein Punkt zum Weiterkommen, schon bei Werder Bremen kommenden Mittwoch kann es so weit sein. Real Madrid bietet wieder mehr Spektakel, manchmal unfreiwillig, aber das Bernabéu leuchtet wieder öfter. Das ist sein Job.

"Es ist hier nicht mehr so wie zu meiner aktiven Zeit"

Drei titellose Jahre hatte es gegeben, 2004, 2005 und 2006, die längste Dürre seit den 50er Jahren. Das Real der galaktischen Zidane, Beckham, Figo war verwelkt, es gab viele Gründe: die Ohnmacht im Umgang mit den Stars, der nicht ausbalancierte Kader. Aber manche glaubten auch an eine schaurige Laune des Schicksals. Als am Morgen des 11. März 2004 zehn islamistische Bomben an drei Bahnhöfen der Stadt fast 200 Menschen in den Tod rissen, hatte Real gerade das Viertelfinale der Champions League erreicht. In der Meisterschaft stand man an der Spitze, im Pokal im Finale. Danach ging alles verloren, es war beinahe unheimlich. Erst im Juni 2007 zwang der italienische Trainer Fabio Capello wieder das Glück, holte die Meisterschaft, jedoch mit freudlosem Gekicke. Real muss vollkommen spielen, wie ein perfekt bgestimmtes Sinfonieorchester. Der Anspruch, eleganter zu siegen als alle anderen, ist so etwas wie das Glaubensbekenntnis des Klubs. Während der FC Barcelona, der verhasste Rivale, sich als Gesandter der Region Katalonien versteht, hat Real Madrid, einst Günstling Francos, keine politische Botschaft. Stattdessen eine romantische: Seit den Tagen Di Stéfanos und Puskás versteht man sich als Gralshüter des schönen Spiels. Hässliche Siege sind Real peinlich. Also hat man Capello und seinen zynischen Ergebnisfußball nach dem Titelgewinn zum Teufel gejagt.

Und deswegen holten sie im Sommer Bernd Schuster vom Vorortverein FC Getafe. Der Deutsche hatte sich den Ruf erarbeitet, mit billigen Teams ansehnlichen Fußball zu bieten, manchmal Wundertaten, wie das 4 : 0 Getafes über den FC Barcelona. Vor allem erinnern sich die spanischen Fans an Schuster als einen Maestro auf dem Platz, ob er für Barça, Atlético Madrid oder eben für Real auflief, wo er von 1988 bis 1990 das Spiel inszenierte. Nun soll Schuster die weißen Trikots wieder zum Schweben bringen. Dass er seine Ablösesumme selbst zahlte, 480.000 Euro, zeugte von Entschlossenheit. Nur erfahrene Beobachter ahnten, was kommen musste. Und es ging ganz schnell. Anfang September sagte Schuster: "Wenn ich könnte, würde ich zehn Jahre bei Real bleiben." Doch zwei Wochen später maulte er im deutschen TV: "Es ist hier nicht mehr so wie zu meiner aktiven Zeit. Es werden keine Informationen, sondern nur Meinungen weitergegeben. Ich muss sehen, ob das hier auf längere Sicht das ist, was ich später einmal machen möchte." Manche nannten seine Worte naiv. Viele schüttelten den Kopf. Es war nicht mal klar, wen er meinte. Die Klubpolitik, die Einflüsterer? Real Madrid muss man sich im Innersten vorstellen wie eine Partei.

"Man muss verstehen, wie man mit den Medien zusammenlebt"

Es gibt viele Ambitionen, immer wieder Intrigen. Neuerdings begeistern sich die Klatschmagazine für Schusters offenbar gescheiterte Ehe und seine neue Freundin, die angeblich ein Kind von ihm erwartet. Und die Fachreporter spielen ihr eigenes Spiel. Vicente Del Bosque, 56, ist ein erdiger Typ, mit buschigem Schnurrbart, und auch wegen dieses Schnurrbarts haben sie ihn bei Real damals gefeuert. Der Trainer gewann zweimal die Champions League, 2000 und 2002, doch ein Jahr später verlor er seinen Job. Zu altmodisch sei er. Zu wenig präsentabel für Real Madrid. 35 Jahre hat er für den Klub gearbeitet, nein, über Bernardo Schuster werde er nicht urteilen. Aber, ja, hier Trainer zu sein, das sei schwer. "Der Job ist extrem kompliziert, weil so viele mitreden wollen", erzählt er. "Du bist permanent im Schaufenster. Man muss verstehen, wie man mit den Medien zusammenlebt." Versteht Schuster das? Im Verein beobachten sie mit wachsender Sorge, wie er die Journalisten zu demütigen pflegt. Oder die Schiedsrichter, wie nach dem 0 : 2 gegen Sevilla. Dabei ist gerade erst an Spieler und Trainer eine Benimmfibel ausgegeben worden. "Wenn er verliert, gibt er die Hand, ohne Neid und ohne Zorn, wie ein guter und treuer Bruder", heißt es in der Klubhymne aus grauer Vorzeit. Man übt sich gern in Noblesse.

Dazu passt nur ein Trainer mit Stil. "Wir wollen nicht, dass sich Bernardo komplett verändert, das würde komisch wirken. Aber er darf nicht an jeder Ecke nur Feinde sehen", hat Ramón Calderón, seit 2006 Präsident, zu Vertrauten gesagt. Als er den Coach präsentierte, versprach er "Exzellenz im Spiel". Schusters Verhalten erklären sich nun die einen mit Launenhaftigkeit. Die anderen mit Größenwahn. Er ist für sie jedenfalls ein Fremder. Deutsche mögen mit dem muffeligen Augsburger wenig anfangen können - in Spanien finden sie ihn trotz seiner rund 20 Jahre im Lande unglaublich deutsch. Wenn Schuster in einer Umgebung ist, in der er sich wohl fühlt, spricht er zwar ein ganz weiches Spanisch, fast perfekt, nur mit leichtem Akzent. Doch wenn er sich unwohl, angegriffen, kritisiert fühlt, wird es härter, vor allem abgehackter. Deutscher. Ganz anders als bei Christoph Metzelder. Kürzlich hat der Nationalverteidiger seine Wohnung bezogen, im Stadtteil Salamanca, auf halber Strecke zwischen Prado und Bernabéu. Mitten in der Vier-Millionen-Stadt. Metzelder redet öffentlich über das Leben und die Sitten in Madrid, als sei er seit seiner Jugend da.

"Schuster geniesst sein Amt nicht"

Sein Spanisch hat bereits den schnellen Sound der Einheimischen, nach vier Monaten. In Schusters Elf muss Metzelder die Drecksarbeit machen, es gibt hier noch die klassische Aufteilung zwischen Zulieferern und Zauberern. Von DFB-Chefanalyst Urs Siegenthaler hatte sich Metzelder eine DVD zusammenschneiden lassen mit Spielszenen von Real. Er wirkt bestens vorbereitet auf seine Aufgabe in Madrid. Doch er ist mit einer Hypothek gekommen - er war ablösefrei. So jemand wird automatisch als Ergänzungsspieler gesehen, anders etwa als Pepe, der für 30 Millionen Euro vom FC Porto kam. Pepe jedoch verletzte sich gleich im ersten Spiel, und deshalb durfte Metzelder in vielen Partien ein Duo bilden mit Fabio Cannavaro, dem Weltfußballer des Jahres. Aber als er ein paar Mal wackelte und kürzlich gegen Sevilla patzte, setzte ihn Schuster auf die Tribüne. Da ist kein Band zwischen den Deutschen zu spüren. Metzelder sagte beim ersten Auftritt in Madrid mit seiner stets leicht heiseren Stimme, "für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen", und bis heute äußert er sich stets voller Respekt "über den größten Klub der Welt". Wahrscheinlich müsste so auch Schuster reden, aber Schuster redet so nicht. Er sagt ohnehin nicht mehr viel, auch nicht zu deutschen Journalisten.

"Schuster geniesst sein Amt nicht", sagt Santiago Segurola, der angesehenste Sportschreiber des Landes. "Dabei wäre jetzt der Moment zu genießen. Schuster aber wirkt, als sei er der unglücklichste Mensch der Welt." Zuletzt hat Segurola das Kulturressort des Renommierblatts "El País" geleitet, dann wechselte er zu "Marca", der größten Zeitung Spaniens, 2,5 Millionen Leser, das Thema: Fußball. "Schuster ist ein Planet für sich, anfällig fürs Jammern. Ich sehe bei ihm die Neigung zu einer Dynamik der Selbstzerstörung. Und ich bin mir nicht sicher, ob er über eine Elefantenhaut verfügt." Halbwegs glücklich wirkt der Übungsleiter nur, wenn er einen Trainingsanzug trägt. Wenn er in der "Ciudad Real Madrid", der Real-Madrid-Stadt, mit seinen Spielern arbeiten darf. Das vor zwei Jahren bezogene Areal im Nordosten der Kapitale ist 2,7-mal so groß wie der Vatikanstaat. Das religiöse Zentrum des Madridismus. Pilger allerdings sind hier unerwünscht. Schuster kommt als Erster auf den Trainingsplatz. Die Einheit eröffnet der Coach mit einem Kick auf kleinem Feld. Er mittendrin, wie um zu sagen: Ich bin einer von euch. Er war früher ein so außergewöhnlicher Spieler, dass er noch halbwegs mithält mit den Jungen, aber wenn ihm etwas misslingt, lachen sie. Der Trainer rede nicht viel, meinen die Profis, aber sage das Nötige. Schuster gilt als wenig autoritär, als einer, der versucht, im kapriziösen Kader eine kameradschaftliche Atmosphäre zu fördern. Er ist alles, aber kein Zampano. Dafür umso mehr Stratege.

Selbst das Angeben misslingt dieser Tage

Die Anführer brachte Schuster auf seine Seite. Den kriselnden Kapitän Raúl hat er gestützt, den wankelmütigen Guti stellt er nun immer auf. Das Team kämpft mit Moral, vorn trifft Ruud van Nistelrooy, und gelegentlich lässt Robinho sein Talent aufblitzen. Aber so sehr auch Präsident Calderón betont, "wir machen wieder Angst in Europa": Genau dieses Gefühl will sich nicht einstellen. Es fehlt etwas. Sind es Ausnahmespieler? Ein Funke, den Schuster noch entzündet? Aber wird er seine erste Krise überstehen? Die wird kommen, Real ist der Klub des großen Theaters. Und der großen Erwartungen. Der Transfersaldo der vergangenen beiden Sommer beträgt minus 165 Millionen Euro. Doch weil sich Stars vom Kaliber eines Kaká verweigern, der Glamour rar geworden ist, gehen die Marketingeinnahmen zurück. Die Finanzreserven haben sich in den zurückliegenden zwei Jahren fast halbiert. Hinter der glänzenden Fassade ist Real erstaunlich mittelmäßig. Selbst das Angeben misslingt dieser Tage. Gerade hat man sich unter viel Brimborium ein eigenes Flugzeug spendiert. Alles nur vom Feinsten, hieß es. In Bremen aber wird die Delegation aus Madrid nach Spielende übernachten müssen. Die Maschine unterliegt vielerorts dem Nachtflugverbot. Sie ist zu laut, ein Modell aus alten Zeiten.

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