Bundeliga-TV-Rechte Das zweifelhafte Milliarden-Geschäft


Längst ist die TV-Zukunft nicht mehr so sicher, wie das die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und die Clubs ihren Konsumenten weismachen wollen. Was sich rund um die Bundesliga-Fernsehrechte abspielt, droht aus dem Ruder zu geraten. Schuld daran hat auch Leo Kirch.
Von Frank Hellmann

Es ehrt ja die Deutsche Fußball-Liga (DFL), das sie seit geraumer Zeit auch die Muße findet, eine eigene Hochglanzzeitschrift an die Kioske zu bringen. "Bundesliga-Magazin" nennt sich das mehr als 80 Seiten dicke Werk, im der werte Leser den Eindruck nicht los wird, dass Autoren und Liga im ureigenen Sinne den simplen Doppelpass pflegen. Kritische Töne? Fehlanzeige! Hintergründige Enthüllungen? Leerstelle! So findet sich in der jüngsten April-Ausgabe zwar eine Lobhudelei auf den Content-Anbieter DFL, eine Hommage auf den Vorzeigeverein Eintracht Frankfurt, dazu Elogen auf Bochums Japaner Shinji Ono, Kölns 120-Minuten-DVD, Hannovers Trainer Dieter Hecking oder die neue Baby-Offensive der Liga, doch was die DFL derzeit in Angst und Schrecken versetzt, wird tunlichst verschwiegen.

Man muss schon zwischen den Zeilen fahnden, um wenigstens in Nuancen etwas zum längst unsicheren neuen TV-Vertrag zu erfahren. Immerhin verrät der ZDF-Starmoderator Johannes B. Kerner in einem 90-Minuten-Gespräch, dass ihn einst die gute alte ARD-Sportschau überhaupt an die Bundesliga band. Und dass er sich noch heute mit der ganzen Familie mitunter die "volle Dröhung" Bundesliga-Fußball im Fernsehen gebe: Premiere, Sportschau, Sportstudio. Das ganze Programm auf allen Kanälen. An dieser Stelle wäre es ganz dienlich gewesen, der Herausgeber des Magazins, der Liga-Verband, hätte etwas zum gefährdeten Status quo der ganzen Fernsehsache verraten. Aber nein. Vielleicht verkneifen sich die DFL-Oberen aus gutem Grund jede Kommentierung in ihrer Hauspostille.

Die Macht außerhalb der Liga

Denn was sich um die Bundesliga-Fernsehrechte abspielt, droht aus dem Ruder zu geraten - das gesamte Konstrukt zwischen der DFL und der Sirius Sport Media GmbH, einer Tochter der KF 15 GmbH von Medienmogul Leo Kirch, ist ins Wackeln geraten. Schuld ist zum einen der 81-jährige Strippenzieher selbst, der wie schon bei seiner Pleite 2002 ein so undurchschaubares Firmengeflecht zu installieren scheint, dass niemand genau weiß, was Kirch wirklich mit der Liga treibt. "Die DFL hat damals eine einsame Entscheidung getroffen. Und nun entsteht eine Macht außerhalb der Liga, und keiner weiß, wer da eigentlich wen steuert", schimpft ein anonymer Kritiker aus dem Lager der Klubs. Zum anderen hat das Bundeskartellamt die für die Profiklubs lebenswichtige Zentralvermarktung der Fußball-Bundesliga im Visier. Wird die gekippt, drohen jene Ungleichgewichte, die schon jetzt im spanischen und italienischen Fußball zu besichtigen sind - und ganze Vereine an den Rand des Existenzminimums drängen könnten.

Denn welcher TV-Sender zahlt bitteschön für Arminia Bielefeld gegen Energie Cottbus oder Hansa Rostock gegen MSV Duisburg? "Die Kartellwächter sind ganz heiß auf den Fußball. Da kommen sie auch mal in die Zeitung", lästert Frankfurts Vorstandsboss Heribert Bruchhagen. Immerhin hat DFL-Geschäftsführer Christian Seifert Signale empfangen, dass die Kartellbehörde unter Umständen das bewährte deutsche Modell billigt. Doch dann ist noch immer nicht gewährleistet, dass die Rechte so teuer weggehen, wie DFL und Kirch das gerne hätten. Nur zur Erinnerung: Für die Zeit von 2009 bis 2012 sollen laut einer DFL-Studie zunächst 538 Millionen im Schnitt pro Jahr an Medieneinnahmen erlöst werden, für die nächsten drei Jahre bis 2015 dann 614 Millionen Euro. Kirchs Agentur garantiert über die sechs Jahre das Mindesthonorar von drei Milliarden Euro - 460 Millionen Euro in 2009/2010, bis hin zu 550 Millionen in 2014/2015. Ehrgeizige Ziele.

DFL drohen Millionenverluste

Und schon jetzt steht fest: Der einst so ambitionierte Zeitplan, den Seifert bei einem Medienworkshop Anfang des Jahres verkündete wie ein siegessicherer Trainer den nächsten Titelgewinn, ist längst nicht mehr einzuhalten. Immerhin: Mittwoch vergangener Woche hat die DFL angekündigt, die Rechte bis 2012 auszuschreiben. Die Ausschreibung selbst erfolgt dann im zweiten Quartal 2008, Verträge sind dann erst einen Monat später zu schließen. Doch das ist unwahrscheinlich: Denn noch sind nicht einmal alle Fragebögen zurück, die die Wettbewerbshüter in Bonn den TV-Sendern geschickt haben. Bis zum Donnerstag, den 24. April, soll beantwortet werden, ob die über DFL und Sirius abgewickelte Zentralvermarktung den freien Wettbewerb auf dem deutschen Fernsehmarkt verhindert. Selbst wenn die zentrale Vermarktung - die allein den halbwegs fairen Wettbewerb innerhalb der Liga garantiert - gerettet wird, ist nicht sicher, ob DFL und Sirius zu weit gegangen sind. Sie wollen nämlich - bis heute gegen den Willen des Pay-TV-Senders Premiere - den Pay-TV-Partnern ein eigenes sendefertiges Produkt aufzwängen.

Produziert von DFL und Sirius gemeinsam - mit Abnahmepflicht. Ist das rechtens? Das interessiert eben auch das Kartellamt. Ligachef Reinhard Rauball ist bereits in Sorge: "Sollte das Modell mit Sirius nicht zustande kommen, müssen wir zeitlich immer noch die Möglichkeit haben, die Rechte so wie früher auszuschreiben. Das wäre unsere letzte Option." Rauball erwartet eine Klärung bis zum Herbst dieses Jahres, warnt aber: "Ob wir dann dieselben Summer erzielen, ist äußerst fraglich. Das Ziel, mehr Wettbewerb zu schaffen, wäre verfehlt." Ergo: Der DFL und seinen Profiklubs drohen Millionenverluste - und das könnte auch damit zu tun, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wohl bereits still und heimlich mit den Öffentlich-Rechtlichen Übereinkunft erzielt hat, den am 30. September 2009 auslaufenden Länderspielvertrag zu verlängern. Der Deal über fünf Jahre war ARD und ZDF bislang stolze 390 Millionen Euro wert, der neue Kontrakt soll nur über drei Jahre gehen und beinhaltet wieder alle Länderspiele inklusive der Frauen, DFB-Pokal und Amateurfußball.

Risiken und Nebenwirkungen

Für den neuen Vertrag sollen ARD und ZDF bereit sein, eine Summe von rund 250 Millionen Euro zu zahlen - der DFB wird wohl zustimmen, denn den erhofften Mehrwert erlöst der reiche Verband mit der Zustimmung, einen Teil der Pokalspiele zusätzlich an den TV-Sender Premiere verhökern zu können. Unter dem Strich hat der DFB damit ohne viel Aufhebens auf dem TV-Markt zu einem guten Preis ein gutes Produkt verkauft. Was dies mit den Bundesliga-Rechten zu tun hat? Sehr viel, denn ARD und ZDF hätten damit eine gewisse Grundversorgung gewährleistet - und sind nicht dazu verdammt, um die Bundesliga-Rechte auf Gedeih und Verderb mitzubieten. Das aber müssen die Sender. Wie kommen sonst die neuen Summen zusammen? Eigentlich ist das neue Konzept nur zu finanzieren, wenn alle bisherigen Bundesliga-Sender ein ähnliches Konzept dulden, aber deutlich mehr zahlen. Bruchhagen ahnt bereits, "dass "die Konferenz und Premiere bleiben werden." Unterschiedliche Spieltagsmodelle stehen zur Auswahl.

Favorisiert wird das Szenario mit einem Freitag-Spiel, fünf Samstag-Partien und drei Sonntag-Begegnungen. Die große Frage des Fans, ob die Sportschau bleibt, konnte bislang in der Gemengelage noch gar nicht beantwortet werden. Dafür sind in dem Deal mit immer neu auftauchenden Risiken und Nebenwirkungen schlicht zu viele Baustellen entstanden. Die DFL-Bosse wirken dabei wie ein Bautrupp auf Montage, der notdürftig auf einer alten Landstraße immer neue Schäden repariert - und für den Bau der eigentlich geplanten neuen Autobahntrasse noch nicht mal die Baugenehmigung hat.


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