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Bundesliga-Start: Bayern gegen HSV - Auftakt ins Ungewisse

Das Bundesliga-Eröffnungsspiel zwischen dem FC Bayern und dem Hamburger SV (ab 20.15 Uhr im stern.de-Liveticker) ist das Kräftemessen zweier Veteranen der Eliteliga. Doch beide Teams stehen vor einem Umbruch. Besonders im Fokus: die beiden neuen Spielführer. Sie versprühen unerschütterliches Selbstvertrauen.

Von Martin Sonnleitner, München

Mark van Bommels dunklen Augen funkeln unheimlich, dann hebt er die Stimme. "Wie sagt man in Deutschland?", grinst der neue Bayern-Kapitän die fragenden Reporter einen Tag vor dem Bundesliga-Eröffnungsspiel gegen den Hamburger SV an, dann macht der Niederländer eine Pause und gibt die Antwort selber: "Man kann sich auch verrückt machen." Von Bommel ist gefragt worden, ob er seine Spielweise denn nun ändern würde, wo er doch der neue Bayern-Anführer ist. Er, den sie in der Liga ehrfürchtig einen "Aggressive Leader" nennen, einer, dem stets das Gift aus allen Poren zu spritzen scheint. Van Bommel geht keinem Zweikampf aus dem Weg und agiert häufig am Rande eines Platzverweises.

Beide Teams stehen vor einem Neuanfang

Doch der neue Trainer der Bayern, Jürgen Klinsmann, schenkte eben ihm das Vertrauen, nachdem der alte Leitwolf Oliver Kahn abgedankt hatte. "Sicher muss ich in einigen Momenten ruhiger sein", gibt van Bommel doch noch zu und schaut erneut kokett in die Runde. "Gelbe Karten gehören zu meinem Spiel. Wenn ich in dieser Saison sieben bekomme und wir werden Meister, ist alles okay." Van Bommel, der neue Bayern-Chef, setzt ein Zeichen, schon bevor die Saison überhaupt erst begonnen hat. "In Wahrheit mache ich mir keine Gedanken darüber, Spielführer zu sein. Das ist wichtiger für den Verein als für mich."

Wenn die beiden Traditionsvereine Bayern und Hamburg heute Abend (ab 20.15 Uhr im stern.de-Liveticker) in der Münchner Allianz-Arena aufeinandertreffen, liegt auch ein Hauch von Stunde Null in der Luft. Denn in beiden Klubs formiert sich eine neue Hackordnung. Klinsmann hier, Klinsmann da. Doch bei all dem Wirbel um den neuen Bayern-Trainer und seine vermeintlich innovativen Methoden wurde fast vergessen, dass beim deutschen Rekordmeister in der Nach-Kahn-Ära vor allem auf dem Platz ein neues Zeitalter angebrochen ist.

Die neue Hierachie

"Es stimmt, die Hierarchie muss sich neu finden", pflichtet auch Fast-Kapitän Philipp Lahm bei. Und sein lammfrommer Blick verrät ein wenig Tücke, denn der Leistungsträger der deutschen Nationalmannschaft weiß: "Hierarchie bildet sich nur über Leistung heraus." Ein wenig Enttäuschung sickert dann schon durch, denn Lahm hat nie einen Zweifel dran gelassen, sich ebenfalls das Amt des Spielführers beim FC Bayern zuzutrauen.

Es ist auf alle Fälle ein ernstzunehmendes Zeichen von Klinsmann, sich aber für van Bommel entschieden zu haben. Denn unterschiedlicher könnten beide Charaktere nicht sein. "Ich muss zwei, drei Momente pro Saison drauf achten dass ich mich unter Kontrolle habe", zeigt sich Heißsporn van Bommel zumindest theoretisch geläutert. Er wird nicht vergessen haben, dass er in einer Ahnengalerie mit Stefan Effenberg und eben Kahn steht. Zumindest Effenberg ist in seiner Karriere nicht gerade durch sanfte Diplomatie aufgefallen. Bei Kahn als Kapitän war dann eine Art Altersmilde zu beobachten. In den Jahren zuvor fiel er mit spektakulären Aangriffen auf seine Gegenspieler auf: Vom Kung-Fu-Tritt über Beißattacken bis hin zu ausufernden Schimpftiraden war alles dabei. Nun ist also van Bommel der neue Bayern-Anführer.

Jarolim soll HSV anführen

Beim Hamburger SV wird die Hierarchie ebenfalls neu gebildet - allerdings äußerst notgedrungen. Denn der alte Leitwolf und Spielführer Rafael van der Vaart wurde unter schmerzhaften, aber finanziell lukrativen Bedingungen zu Real Madrid transferiert. Zur Überraschung vieler ernannte der neue Chefcoach Martin Jol Mittelfeldmann David Jarolim zum neuen Mannschaftskapitän.

Jarolim gehört sicherlich zu den fünf unbeliebtesten Gegenspielern der Liga und kann diesbezüglich getrost mit van Bommel in eine Reihe gestellt werden. Während beim Niederländer vor allem die Zweikampfhärte als Aushängeschild gilt, hing dem Tschechen bis dato das Adjektiv "fallsüchtig" an. Intern als intelligenter Fußballer und disziplinierter Wettkämpfer über alle Zweifel erhaben, provozierte Jarolims leichtfüßige Spielweise immer wieder Körperkontakt zum Gegner. Zu oft landete er danach auf dem Hosenboden. Auch der tschechische Internationale muss also seinen in der Liga ein wenig ramponierten Ruf aufpolieren. Zudem muss er natürlich Sorge tragen, dass die neue Hackordnung beim HSV greift und sportlich Früchte trägt. Doch Trainer Jol wollte unbedingt einen Feldspieler als Kapitän, sonst wäre es wohl Frank Rost geworden. "Er ist ein Roboter", charakterisiert Jol seinen Schlussmann und dessen unantastbaren Rang ganz oben in der Teamhierarchie. "Die ganze Mannschaft muss mehr Verantwortung übernehmen", fordert Jol. Aber die Verantwortung muss auf viele Schultern verteilt sein.

Teams sind heiß auf die neue Saison

Wenn sich Jarolim und van Bommel kurz vor dem Anpfiff die Hand geben, Wimpel tauschen und kurz darauf der Anpfiff für die neue Bundesligasaison 2008/2009 ertönt, beginnt für ihre Teams eine neue Zeitrechnung. Die Bayern können schon einmal prüfen, welche Spieler sich bei Abstinenz der beiden verletzten Superstars Luca Toni und Franck Ribéry in den Vordergrund spielen. Beim HSV dreht sich dagegen alles um das Kompensieren des Weggangs von Superstar van der Vaart. "Wir sind ohne ihn schwerer auszurechnen", warnt Neu-Kapitän Jarolim. "Eine Kampfansage gibt es nicht", lautet hingegen das Mantra seines Pendants Mark van Bommel. Seine dunklen Augen funkeln immer noch.

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