HOME

Stern Logo Bundesliga

FC St. Pauli vor dem Abstieg: Sie wollten nur spielen

Endstation Zweite Liga. Nach nur einem Jahr Oberhaus steigt der FC St. Pauli wieder ab. Auf dem Kiez stört das niemanden. Warum eigentlich nicht? Zeit für eine Abrechnung.

Von Klaus Bellstedt

Helmut Schulte ist ein freundlicher Mensch - auch zu seiner einzigen Zimmerpflanze. Mit viel Liebe gießt er das Grünzeug in seinem kleinen Büro auf der Geschäftsstelle des Millerntor-Stadions. Dem Sportdirektor des FC St. Pauli sieht man die Sorgen um seinen Club, der vor dem Abstieg in die Zweite Bundesliga steht nicht an. Schulte wirkt entspannt, gelassen, fast fröhlich. Wenn ein Spielerberater auf seinem Mobiltelefon anruft, scherzt er: "Wen willst Du mir jetzt schon wieder andrehen?" Spielerberater rufen in letzter Zeit häufiger bei ihm an. Zwei Spieltage vor Schluss ist für die Kiezkicker rein rechnerisch der Relegationsplatz möglich, aber Schulte beziffert die Chance, den 16. Rang doch noch zu schaffen auf "ein Prozent, maximal".

Ein Umbruch muss her. Wieder mal. Spieler werden den Verein verlassen. Helmut Schulte findet das nicht schlimm. Er wehrt sich fast ein bisschen gegen das Wort "Umbruch". Aber was ist es dann? Die Verträge von Mathias Hain, Florian Lechner, Timo Schultz, Ralph Gunesch, Richard Sukuta-Paso, Bastian Oczipka und Marcel Eger enden am 30. Juni. Gerald Asamoah und Thomas Kessler haben nur für die Erste Liga unterschrieben. Die Leistungen von Max Kruse, Fin Bartels sowie Matthias Lehmann sind anderen Vereinen nicht verborgen geblieben. "Wir werden unsere Spitzenspieler verlieren, wir müssen einen Schritt zurück machen, weil wir diese Spieler nicht adäquat ersetzen können", gibt Schulte zu. Dann lacht er: "Die Anforderungen an die Mannschaft sind in der 2. Liga ja aber auch andere."

Vielleicht liegt es daran, dass Schulte aus dem Sauerland stammt. Sauerländern sagt man nach, in kritischen Situationen besonders stoisch zu reagieren. Vielleicht liegt seine Besonnenheit aber auch darin begründet, dass der 53-Jährige während des Orkans Kyrill durch einen umstürzenden Baum schwer verletzt wurde und für kurze Zeit in Lebensgefahr geschwebt hat. "Man muss der sportlichen Krise den Geschmack der Katastrophe nehmen. Wenn St. Pauli absteigt, dann ist das normal. Es gibt wirklich viel Schlimmeres auf der Welt." Schulte weiß das selbst am besten - auch deshalb argumentiert er so.

Sind die alle irre?

Die Fans des FC St. Pauli nehmen den drohenden Abstieg in die Zweite Liga ebenfalls locker. Tränen, Trauer, Wut? Keine Spur! Wenn man sich in den Fan-Foren umschaut, meint man, dass der Verein die Saison mit einem Platz im gesicherten Mittelfeld abschließen wird. "Ich finde, es war 'ne gute Saison weil wir mit wenig Kohle eine Mannschaft in die Saison geschickt haben, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten gut geschlagen hat", schreibt "Earthworm" im St.Pauli Fanforum. So wie er denken viele auf dem Kiez. "Der Abstieg ist doch kein Beinbruch", meint "Boris Laurent", der sich schon auf die Zweite Liga freut: "Wir haben ein deutlich aufgewertetes Stadion und gehören zu den namhaften Mannschaften der Zweiten Liga. Die Finanzen sind konsolidiert. Und die Führung des Vereins ist unangefochten und hat alles richtig gemacht." Und was sagt die Führung? "Wir haben angeblich 19 Millionen Sympathisanten. Die will ich doch nicht mit falschen Zielen frustrieren. Von den Möglichkeiten sind wir ein Verein für die 1,5. Liga. Das wissen die", meint Helmut Schulte. Sein Plan scheint aufgegangen. Die Fans bejubeln den Abstieg. Seliger FC St. Pauli.

Oder sind sie auf dem Kiez nicht vielmehr alle irre? Ist es nicht falsch, sich dem Abstiegsschicksal so widerstandslos zu fügen? Muss man die Gründe für den sportlichen Totalabsturz (nur ein Punkt aus den letzten zehn Spielen) nicht auch mal hinterfragen? Nach dem 22. Spieltag stand der FC St. Pauli mit 28 Punkten auf Platz elf der Tabelle. Zu diesem Zeitpunkt war die Mannschaft von Trainer Holger Stanislawski sogar das beste Rückrundenteam, hatte gerade sensationell das Derby gegen den verhassten HSV gewonnen. "Nach dem HSV-Spiel ging die Planung in Richtung Erste Liga zu 90 Prozent", gibt Helmut Schulte zu. "Irgendwann hat sich das dann umgedreht." Kann man so sagen.

Das Schlimme daran: Entscheidend für die Krise waren neben den dramatischen Verletzungssorgen in der Defensive vor allem hausgemachte Probleme. Damit ist weniger die Bierbecherwurf-Affäre oder Gerald Asamoah gemeint, der nach einem Streit mit seiner Frau und zwei leichten Damen bei der Polizei aussagen musste. Es geht auch nicht um Fan-Probleme, die der Club mit der Ultra Gruppierung "USP" ("Ultras Sankt Pauli) oder den "Sozialromantikern" immer mal wieder hat. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Personalie Holger Stanislawski. Nach 18 Jahren Clubzugehörigkeit verkündete der Mann, den sie rund um das Millerntor-Stadion alle nur "Stani" nennen, seinen Abschied in Richtung Hoffenheim.

Torhüterdiskussion ohne Not

Der Zeitpunkt der Bekanntgabe hätte ungünstiger nicht sein können. St. Pauli war Mitte April Tabllen-17., drei Tage später stieg die wegweisende Partie beim VfL Wolfsburg. Natürlich hat Stanislawskis Abgang für Unruhe im Club gesorgt. Und natürlich färbt das auf die Spieler ab, Stanislawskis "Jungs". Die Identikation mit dem Trainer gilt schließlich als außerordentlich hoch bei St. Pauli. Doch Helmut Schulte will davon nichts wissen. "Als Fußball-Profi muss man mit so etwas umgehen können. Sonst fällt man durch das Raster. Ich habe das Gefühl, dass es der Mannschaft keine Probleme bereitet hat." Aber der Sportdirektor sagt auch: "Das hört sich jetzt vielleicht etwas doof an, weil uns die Punkte ja fehlen."

Wichtige Punkte fehlen dem Club wohl auch deshalb, weil Stanislawski auf der Zielgerade der Saison seine Torhüterhierarchie ohne Not über den Haufen geworfen hat. Im Derby gegen den HSV hatte Stanislawski seine Nummer Eins, Thomas Kessler, das erste Mal aus dem Tor genommen und Pliquett nominiert. Es handelte sich um eine punktuelle Maßnahme. Danach stand Kessler wieder im Tor. Aber nur bis zum Heimspiel gegen den FC Schalke 04 (0:2). Im Vorwege der Partie war bekannt geworden, dass Kessler sich seine Zukunft in der Bundesliga abgesichert hatte. In dem bis 2012 datierten Vertrag über das Ausleihgeschäft mit Köln gab es eine Option, die ihm nach dieser Serie eine Rückkehr nach Köln ermöglicht. Diese Option zog er. Stanislawski soll darüber verärgert gewesen sein. Kessler war seinen Nummer-Eins-Status los - dabei hatte er eine fast fehlerlose Saison gespielt, gespickt mit starken Matches. Zwischendurch hieß es dennoch gar, "Oldie" Matthias Hain solle ins Tor zurückkehren, der verletzte sich aber schwer. Inzwischen ist auch Kessler verletzt, so dass sich Debatten um die Nummer 1 ohnehin erübrigt haben.

"Ich habe dem Trainer nur gesagt, er soll in dieser Frage tief in sich hineinhorchen. Am Ende war es 'Stanis' Entscheidung. Und ich gebe zu: Sie war nicht ohne Risiko", gesteht Schulte. Eine weitgehende Äußerung für ihn, denn er würde nie einem Trainer in den Rücken fallen. Stanislawski schon gar nicht.

Schulte glaubt immer an das Gute

In einer Woche ist Stanislawski bei den Hamburgern nur noch Geschichte. Als Nachfolger seines ehemaligen "Frontmanns" hat Schulte nach Wochen der Suche nun André Schubert aus dem Hut gezaubert. Der 39-Jährige ist noch bis zum Ende dieser Spielzeit sportlicher Leiter und Coach des SC Paderborn. Ein Zweitliga-Trainer für einen Zweitliga-Club, sagen böse Zungen. Helmut Schulte ist das egal. Er hat vor dem Spiel gegen die Bayern andere Sorgen. Der Sportchef ist kurz vor Ende der Saison erstmals selber in die Kritik geraten. Es geht um Vertragsfragen. Fast alle Leihspieler besaßen ursprünglich Verträge für zwei Spielzeiten, können nun aber durch Optionen schon nach einem Jahr St. Pauli wieder verlassen - und machen das auch. Vertragsverhandlungen sind vor allem die Aufgabe des Sportdirektors. Schulte wird derzeit mangelnde Kommunikation vorgeworfen. Dagegen wehrt sich der Sportchef: "Fast alle Spieler wissen, wie wir planen. Dass wir die Stammspieler behalten. Bei zwei, drei anderen will ich erst noch mit dem neuen Trainer sprechen."

Und dann ist da noch die Sache mit Charles Takyi Die "Hamburger Morgenpost" hatte berichtet, dass Schulte die Frist für eine Option zur Vertragsverlängerung mit dem begabten, aber oft phlegmatisch wirkenden Mittelfeldspieler um eine weitere Saison verschlafen habe. Nach Schultes Ansicht hat der Verein die Option aber ausgeübt - und zwar per Einschreiben in der vergangenen Woche. "Damit hat sich der Vertrag bis 2012 verlängert, das ist völlig unstrittig", so Schulte. Wenn es ganz blöd läuft, gibt es jetzt noch eine Gerichtsverhandlung zwischen St. Pauli und Charles Takyi. Eine Zwangsvorstellung für Helmut Schulte, der kein Interesse daran hat, Kicker per Gerichtbeschluss zum Fußballspielen auf St. Pauli zu verdonnern.

Schulte glaubt immer an das Gute. Auch jetzt noch, so kurz vor dem Abstieg: "Nächste Saison steht aller Voraussicht nach eine 2 vor der Liga, aber das wird der Freude und der Bereitschaft unserer Mannschaft gegen Bayern München zu gewinnen keinen Abbruch tun." Und dann wird Schulte noch philosophisch: "Das Spiel steht im Vordergrund. Es soll so bleiben wie es ist: Ein Spiel für die Zuschauer transportiert durch die Mannschaft." Der Mann ist romatischer als jede Fan-Bewegung.

Wissenscommunity