Carlos Alberto Sechserpack, Zigaretten und Kondome


Diskonächte, Schlägereien mit Kollegen, eine mysteriöse Krankenakte: Carlos Alberto, Werders teuerster Einkauf der Clubgeschichte, entpuppt sich immer mehr als fataler Fehlgriff. Die Geduld der Bremer Bosse mit dem Super-Brasilianer scheint am Ende.
Von Frank Hellmann, Bremen

Es ist ein halbes Jahr her, da hatte Carlos Alberto Gomes die Lacher auf seiner Seite. Ein warmer Juli-Tag in Bremen, Pressekonferenz im Mediensaal in der Ostkurve des Weserstadions. Ein aufgeweckter Brasilianer mit auffälligen Rasta-Locken saß im lässigen Hemdchen am Mikrofon und seine Sätze wurden von Roland Martinez, dem Dolmetscher von Werder Bremen, übersetzt. Mit 7,8 Millionen Euro saß der teuerste Einkauf der Vereinsgeschichte auf dem Podium und entsprechend groß war der Andrang und hoch die Erwartung. Am Ende seiner Präsentation sagte Carlos Alberto auf Deutsch: "Ich mach (mag) Werder!" Gelächter. Es herrschten kaum Zweifel, dass dieser Mann wieder so ein Spieler sein würde, über den die Bundesliga staunt. Denn was versprach der gerade transferierte Topstar von Corinthians Sao Paulo an diesem Tag noch: "Als ich jung war und Profi wurde, hatte ich Flausen im Kopf. Jetzt konzentriere ich mich nur auf meine Karriere."

Im Rückblick wirkt der damalige Auftritt wie eine Schmierenkomödie. Und Carlos Alberto erntet dieser kalten Tage weder Gelächter, ja noch nicht einmal Mitleid. Wenn er morgen oder übermorgen zum Weserstadion fährt, ist es nicht nur für ihn bitterkalt, sondern es wird einsam für den 23-Jährigen. Denn seit Dienstag weilt der Werder-Tross wie jedes Jahr im Winter-Trainingslager in Belek - ohne ihn. Im Rixos Premium Hotel fehlt es dem Bundesliga-Zweiten an nichts - nur Carlos Alberto ist nicht dabei. Mal wieder. Denn am Montag wurde neben einer aus dem Brasilien-Urlaub eingeschleppten Virusinfektion noch eine Schilddrüsenfunktionsstörung festgestellt. Ergo blieb der Brasilianer in Bremen - und die Wiedereingliederung im neuen Jahr bleibt ein schöner Traum.

Lange Liste von Ausfällen und Verfehlungen

"Es macht keinen Sinn", sagt Trainer Thomas Schaaf genervt - und es ist generell die Frage, ob es mit dem Mann noch Sinn macht, der eigentlich im Mittelfeld neben Landsmann Diego wirbeln sollte, aber bislang ganze 43 Bundesliga-Minuten gespielt hat. Stattdessen summiert sich längst eine Liste der Ausfälle und Verfehlungen, Krankheiten und Kapriolen, die länger ist als die aller Mitspieler zusammen.

"Der Rückschlag war nicht zu erwarten. Ich versuche immer noch das Positive zu sehen, vielleicht kann er nachreisen", erklärt Sportchef Klaus Allofs, doch im Grunde ist das Fass übergelaufen. Schließlich hat Carlos Alberto in einem halben Jahr kein Fettnäpfchen ausgelassen - da waren mysteriöse Schlafstörungen, obskure Essstörungen, diverse Sonderheiten und eine dümmliche Prügelei (mit Boubacar Sanogo) nebst Suspendierung. Allofs: "Wir haben wirklich eine Engelsgeduld mit ihm gehabt."

Die einer mit Füßen tritt, als ihm vergangene Woche ein Taxifahrer vier Minuten vor dem eigentlichen Trainingsbeginn Sack und Pack in die Kabine schleppte. Statt zum Laktattest ging Carlos Alberto anschließend direkt zum Arzt. Aus seiner Heimatstadt Rio de Janeiro hatte er nicht nur einen dicken Ehering aus Weißgold - am 29. Dezember heiratete er seine Freundin Caroline - mitgebracht, sondern auch Mandelbeschwerden.

Ein Leben in Fastfood-Restaurants und Diskotheken

Wer glaubt, Carlos Alberto habe krankheitsbedingt nur ein bisschen Pech, der irrt. Es ist längst kein Geheimnis, dass sich der Problemfall einer für einen Profi nicht unproblematischen Lebensweise hingibt. Er ist in Fastfood-Restaurants ebenso Stammgast wie in der Studentendiskothek Stubu. Deshalb kündigt Allofs unmissverständlich an: "Profis können sich nicht so verhalten wie andere in ihrem Alter. Sie müssen Opfer bringen. Wir werden in den nächsten Wochen ein Auge auf ihn haben und verstärkt auf sein gesamtes Verhalten haben."

Überliefert ist schließlich auch die Begebenheit in der Nacht vom 11. Dezember an einer Bremer Tankstelle, wo sich Carlos Alberto an seinem Geburtstag mit einem Sechserpack Bier, Zigaretten und Kondomen eindeckte. Am Tag danach verließ der Lebemann vorzeitig die Werder-Weihnachtsfeier im Szene-Lokal Hudson, um mit Freunden an der Schlachte zu feiern. Vielleicht unterschätzt er die verheerende Wirkung solcher Extratouren, die diese auf den Betriebsfrieden im funktionierenden grün-weißen Mikrokosmos haben. So etwas konnte sich ein Ailton leisten, der Tor um Tor schoss. Oder es wird geduldet, dass Diego derzeit noch in Sao Paulo ein Reha-Programm absolviert, weil der Spielmacher die Liga dominiert.

Doch Neuzugänge wie er haben sich zunächst in die Werder-Familie zu integrieren - und das gelingt nicht einmal in Trippelschritten. Schon jetzt gilt Carlos Alberto als größter Flop der Ära Allofs/Schaaf. Eigentliche wollte die sportliche Leitung den fünffachen Nationalspieler, der schon bei Corinthians Sao Paulo wegen einer Rauferei aus dem Team geflogen war und dem ein Ruf als Nachtschwärmer anhing, auch zunächst nur für ein Jahr ausleihen. Doch als der Transfer sich Anfang Juli verzögerte, plötzlich der Hamburger SV mitbot und die abstrusen Besitzverhältnisse öffentlich wurde - Carlos Alberto gehörte der umstrittenen Investorengruppe MSI, die im Verdacht der Geldwäsche stand - war Werder zum vorschnellen Handeln gezwungen. Auch weil die Millionen aus dem Klose-Verkauf immer noch nicht reinvestiert waren. Schlussendlich überwiesen die Bremer eine überhöhte Millionen-Ablöse an die Investoren mit Sitz in London.

Allofs denkt nun erstmals laut über einen Weiterverkauf nach: "Das ist im Moment kein Thema, aber es ist klar, dass so etwas mit der Zeit als Option im Raum steht. Das hängt davon ab, wie sich der Spieler verhält." Und da sind keine Fragen offen.


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