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Favoriten-Check: Erst die Bayern und dann?

Tippt irgendjemand nicht auf den FC Bayern als zukünftigen Meister? Kaum! Zwar hört man aus anderen Topclubs immer, die Meisterschaft werde eine ganz enge Kiste, aber so recht glaubt keiner daran. Wie stark sind die Bayern-Konkurrenten? Der Favoriten-Check von stern.de.

Von Tim Schulze

Die Zahlen sprechen für sich: Die Bayern haben 70 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben. Sie haben ihren Kader mit Fußball-Schwergewichten wie Franck Ribéry, Luca Toni oder Miroslav Klose verstärkt. Die Münchner Macher um Manager Uli Hoeneß wollen um jeden Preis die vergangene Saison vergessen machen: Platz vier erreicht und nur für den Uefa-Cup qualifiziert, im DFB-Pokal-Achtelfinale gegen Aachen ausgeschieden. Erzrivale Werder Bremen spielte eine zeitlang Zauberfußball, Schalke war auch nicht schlecht und der VfB Stuttgart holte sich die Meisterschale.

Das darf sich nicht wiederholen, sagen sie in München. Zu schwer wiegt die Schmach einer verpatzten Saison. Als die Bayern nach dem Aus in der Champions League ihren Tiefpunkt erreicht hatten, kündigte Hoeneß bereits das Programm für die kommende Saison an: "Wir müssen dafür sorgen, dass wieder das Wehklagen einsetzt, wenn die anderen uns in der Tabelle mit dem Fernglas anschauen." Also wurde das berühmte Festgeldkonto geplündert und so kräftig investiert, dass die Konkurrenz vor Neid erblasst.

Die Lage scheint klar: Die Bayern marschieren vorneweg

Die Summen, die die anderen Clubs ausgaben, nehmen sich dagegen bescheiden aus: Werder Bremen investierte rund 18 Millionen, Wolfsburg 15,45, Bayer Leverkusen 13,7, Stuttgart 10,7 und Schalke bescheidene sieben Millionen. Die Lage scheint klar: Die Bayern marschieren vorneweg und der Rest darf um Platz zwei bis fünf spielen. Tapfer gab Stuttgarts Trainer Armin Veh im "Kicker"-Interview die Parole aus, die für die gesamte Bayern-Konkurrenz gelten kann: "Wir werden nicht in Ehrfurcht erstarren, sondern das Beste daraus machen". Der mühsame Bayern-Sieg gegen den Regionalligisten Wacker Burghausen im DFB-Pokal dürfte die Konkurrenz gefreut haben.

Wie groß sind die Chancen der Bayern-Verfolger tatsächlich und wie haben sie sich verstärkt? Haben die anderen Teams überhaupt eine Chance gegen übermächtig erscheinende Bayern oder ist der Rekordmeister nur ein Schein-Riese? Antworten auf diese Fragen finden Sie im stern.de-Favoritencheck. Außerdem: In unserem Bundesliga-Extra finden Sie alles Wichtige rund um die neue Saison. Viel Spaß damit!

VfB Stuttgart

Wenn es um die Meisterschaftschancen geht, hat niemand den Meister auf der Rechnung. Stuttgart und die Titelverteidigung? Glaub' ich nicht! Stattdessen zeigen alle mit dem Finger nach München, zum großen FC Bayern, der sich mit rund 70 Millionen Euro verstärkt hat, und zwar mit Spielern, die allein schon eine Bundesliga-Spitzenmannschaft bilden könnten.

Und Meister VfB Stuttgart? Trainer Armin Veh und Manager Horst Heldt konnten mit dem Titelgewinn im Rücken und als Champions-League-Teilnehmer immerhin die Abwerbeversuche von Juventus Turin ablocken. Die Italiener wollten Fernando Meira und Mario Gomez verpflichten, zwei der wichtigsten Spieler des Meister-Teams. In der Schwabenmetropole sind sie aber ambitioniert und wollen kein "Ausbildungsverein für europäische Spitzenclubs" sein, wie Heldt es formuliert.

Die Stuttgarter wollen wieder ganz oben mitspielen und haben entsprechend investiert. Der 21-jährige rumänische Stürmer Ciprian Marica wurde für rund acht Millionen Euro von Schachtjor Donezk geholt und ist damit der teuerste Einkauf der Club-Geschichte. Spielerisch bedeutsamer ist die Verpflichtung von Yildiray Bastürk, der ablösefrei von Hertha BSC Berlin kam und dem VfB-Spiel die nötige Kreativität verleihen soll. Zusätzlich verstärken der Bundesliga-Rückkehrer Ewerthon und der Innenverteidiger Gledson den Kader der Schwaben. Als Timo-Hildebrand-Nachfolger war frühzeitig der Nürnberger Torwart Raphael Schäfer verpflichtet worden.

Stuttgart ist für die neue Saison gut gerüstet und personell mindestens so stark wie in der vergangenen Spielzeit. Sie haben ein eingespieltes Team, das taktisch flexibel ein 4-4-2 oder ein offensives 4-3-3-System spielen und die Philosophie des Trainers zum Teil perfekt umsetzen kann. Die große Frage bleibt, wie Stuttgart die ungleich höhere Belastung aus Meisterschaft, Champions League und DFB-Pokal bewältigt. Trotzdem: Der Meister wird wieder ganz oben mitmischen.

Schalke 04

Der Vize-Meister formuliert seine Ansprüche vor Beginn der 45. Bundesliga-Saison etwas bescheidener als noch vor einem Jahr. Eine klare Ansage zum Titelgewinn ist von den Club-Verantwortlichen nicht zu hören. Auf Schalke sind sie vorsichtig mit den Titelträumen geworden. In der vergangenen Saison wurde "die Meisterschaft leichtfertig verschenkt", sagt Manager Andreas Müller. Diese Erfahrung wirkt nach. Über die Ziele in der neuen Saison äußerte sich Aufsichtsrat-Boss Clemens Tönnies nüchtern: "Für uns geht es in erster Linie um die direkte Qualifikation zur Champions League. Mehr als Platz zwei ist nicht drin. Dafür haben die Bayern zu sehr aufgerüstet."

Auf dem Transfermarkt agierte Schalke zunächst zurückhaltend. Nach dem Abgang des divenhaften Spielmachers Lincoln zu Galatasaray Istanbul wurde kein Nachfolger verpflichtet. Talent Ivan Rakitic, der vom FC Basel kam, ist mit 19 Jahren zu unerfahren, um die Chefrolle im Mittelfeld zu übernehmen. Ansonsten verpflichtete Manager Müller umstrittene Spieler wie Jermaine Jones, der in erster Linie durch Verletzungen von sich Reden machte, oder Mimoun Azaouagh, der an Mainz ausgeliehen war.

Zuletzt bekamen die Schalker kalte Füße angesichts ihrer zurückhaltenden Transferpolitik und der Lücke, die Lincoln im kreativen Bereich hinterlassen hat. Hieß es zu Beginn der Sommerpause, die Mannschaft sei stark genug, den Weggang von Lincoln zu kompensieren, sollte jetzt doch ein gestandener Mittelfeldmann geholt werden. Aber das Buhlen um den Ghanaer Stephen Appiah von Fenerbarce Istanbul blieb ohne Erfolg. So gesehen gibt es der Einschätzung von Aufsichtsrat-Boss Tönnies nichts hinzuzufügen. Mehr als Platz zwei ist nicht drin.

Werder Bremen

Das Thema Klose wird bei Werder Bremen nachwirken. Der beste deutsche Stürmer hinterlässt im Angriff eine Lücke, die schwer zu schließen sein wird. Mit Markus Rosenberg holten die Werderaner bereits in der vergangenen Winterpause einen Stürmer mit Potential. Zuletzt kam Boubacar Sanogo vom Hamburger SV, ein Spieler, von dem nicht klar ist, ob er die offensiv starken Bremer verstärken kann. Deshalb gibt Trainer Thomas Schaaf unumwunden zu: "Miro hat eine Qualität, die uns sicher fehlt."

Die Erwartungshaltung gegenüber Carlos Alberto, den 22-jährigen Brasilianer, ist dagegen eindeutig. Der teuerste Einkauf in der Club-Geschichte soll als technisch versierter, schneller und torgefährlicher Spieler der Offensive noch mehr Qualität verleihen. Allerdings ist Alberto als Mittelfeldspieler kein Klose-Ersatz. Mit Diego, Alberto, Borowski und Frings verfügen die Norddeutschen nominell über ein Weltklasse-Mittelfeld, das den Kern ihres 4-4-2-Systems darstellt. Aber: Alberto stieß erst spät zur Mannschaft, Leitwolf Frings verletzte sich schwer und fällt zu Saison-Beginn aus.

Geht es nach Nationalspieler Tim Borowski, der zuletzt mit vielen Verletzungen zu kämpfen hatte, muss das Ziel für Bremen klar sein: "Es wird mal wieder Zeit, dass wir einen (Titel) holen." Das Team ist eingespielt, Spielmacher Diego wurde zum besten Spieler in der zurückliegenden Saison gewählt, in der Abwehr, früher oft das Sorgenkind, stehen mit Naldo und Mertesacker die zweikampfstärksten Spieler der Liga. Das Minimalziel lautet Champions-League-Qualifikation. Das sollte zu machen sein, wenn Werder die magere Form der Vorbereitung überwindet und in die Gänge kommt. Dem eigenen Verständnis nach sehen sich die Bremer auf Augenhöhe mit den Bayern. Der aus dem Urlaub zurückgekehrte Diego machte klar: "Werder ist so stark, dass wir wieder um den Titel spielen werden."

FC Bayern München

Kaum einer zweifelt daran, dass die Bayern nach Ende der Saison ihre 21. Meisterschaft feiern können. Warum auch? Mit rund 70 Millionen Euro haben sie fast eine komplette Spitzenmannschaft hinzugekauft und damit die Konkurrenz, was die Investitionen angeht, weit hinter sich gelassen. Zum Vergleich: Werder Bremen gab ca. 18 Millionen Euro aus, der VfL Wolfsburg 15,45, Bayer Leverkusen 13,7 , Meister VfB Stuttgart 10,7 und Vize-Meister Schalke knapp 7 Millionen.

Acht Topspieler holten sie an die Säbener Straße: Ribéry, Toni, Klose, Hamit Altintop, Schlaudraff. Sousa, Jansen, Ze Roberto. Erster Erfolg: Liga-Pokal gewonnen. Zuvor wurden die direkten Konkurrenten Werder Bremen, VfB Stuttgart und Schalke 04 des Feldes verwiesen. Die Spiele machten immer den Eindruck, als hätten es die Bayern mit unterklassigen Gegnern zu tun.

Und vor allem: Endlich begeisterten die oft unterkühlt daherkommenden Münchner mit schnellem Kombinationsfußball, der Spaß macht. Da ist es fast egal, ob sie nun im 4-2-3-1-System mit nur einem Stürmer antraten oder ob sie das klassische 4-4-2-system mit Mittelfeld-Raute spielen. Nun ist der Liga-Pokal nicht mehr als eine zur Show aufgeblasene, hübsch anzuschauende Testspielphase für die Clubs, in der sie bei Erfolg Geld verdienen können. Sportlich taugt er nur bedingt als Gradmesser.

Aber die Bayern haben den großspurigen Ankündigungen erste Taten folgen lassen. Sie haben sich vor der Saison eindeutig in die Pole Position gebracht, würde man in der Formel 1 sagen. Und in der Formel 1 gewinnt fast immer der Fahrer, der von der Pole aus startet. Michael Ballack, ein ehemaliger Bayern-Spieler, hat es so ausgedrückt: "Für mich stellt sich nicht die Frage, wer Meister wird. Fraglich ist, mit wie viel Punkten Bayern gewinnt."

Bayer Leverkusen

Zuletzt landete Bayer Leverkusen zweimal in Folge auf Platz fünf und sicherte sich die Teilnahme am Uefa-Cup. Damit ist man in Leverkusen durchaus zufrieden. Vom spielerischen Potential war in der vergangenen Saison mehr drin, aber viele Tore und eine wechselhafte Leistung verhinderten eine höhere Platzierung.

Für die neue Saison ist Leverkusen stärker als früher finanziell in die Offensive gegangen. Über 13 Millionen wurden in neue Spieler investiert. Torschützenkönig Theofanis Gekas kam aus Bochum, den als hoch talentiert eingeschätzten chilenischen Verteidiger Arturo Vidal, gerade Mal 20 Jahre alt, ließ sich Bayer sogar 5,2 Millionen Euro kosten. Zusätzlich wurden Gresko aus Nürnberg, Sinkiewicz aus Köln, Sascha Dum aus Aachen und Sarpei aus Wolfsburg verpflichtet.

"Wir wollen hier attraktiven, erfolgreichen Fußball bieten", sagt Geschäftsführer Hans Holzhäuser selbstbewusst. Und Rudi Völler betont: "Wir schüren bewusst den Konkurrenzkampf, um ständig Druck zu haben." Leverkusen geht gut aufgestellt in die neue Saison. Platz fünf ist wieder drin und mit Glück sogar mehr.

Hamburger SV

Der Hamburger SV steht vor einer wegweisenden Saison. Noch eine Saison wie zuletzt können sich die hoch ambitionierten Hanseaten nicht leisten. Der Kader wurde zwar abgespeckt, ist nach wie vor aber teuer. Das Erreichen eines Uefa-Cup-Platzes, oder besser der Champions-League-Qualifikation, ist nötig, um auch in Zukunft den Anspruch erheben zu können, oben mitzuspielen.

Das Problem ist nur: Angesichts der starken Konkurrenz dürfte das angepeilte Ziel schwer zu erreichen sein. Nach einer desaströsen Hinrunde spielten die Rothosen eine starke Rückrunde und schlossen die vergangene Saison auf Platz sieben ab. Daher rührt die Hoffnung, wieder oben mitmischen zu können. Es gibt nur ein Problem: Die Hamburger sind zu abhängig von Form und Fitness ihres Spielmachers Rafael van der Vaart, der sich in den letzten zwei Jahren sehr verletzungsanfällig war. Fehlt der Holländer, schwächelt der HSV.

Wurden vor einem Jahr 28 Millionen in neue Spieler investiert, sind es diesmal nur acht Millionen. Torjäger Mohammed Zidan kam aus Mainz, kürzlich wurde noch der Holländer Romeo Castelen für die Außenbahn verpflichtet. Das ist dringend notwendig, wenn Trainer Huub Stevens sein bevorzugtes 4-2-3-1-System spielen will. Dafür benötigt er starke Flügelspieler. Flügel werden dem Hamburger SV deswegen aber nicht wachsen.

Borussia Dortmund

Die Ergebnisse in der Vorbereitung lassen in Dortmund wieder die Hoffnung auf erfolgreicheren Fußball wachsen. Mit 4:0 watschten die Borussen den italienischen Vizemeister AS Rom in der Vorbereitung ab. Der Kader wurde, das hat die Testphase gezeigt, erfolgversprechend verstärkt.

Im Mittelfeld soll der Kroate Mladen Petric die Fäden ziehen. Er kommt mit vielen Vorschuss-Lorbeeren aus Basel. Der polnische Nationalspieler Jakub Blaszczykowski, in seiner Heimat "Kleiner Figo" genannt, verspricht mit seinen 21 Jahren eine neue Attraktion in der Liga zu werden. Diego Klimowicz aus Wolfsburg gilt als solide Ergänzung zum besten Dortmunder Spieler, Alexander Frei, der mit seinen Toren in der abgelaufenen Saison mithalf, das Schreckgespenst Abstieg wegzuschießen. Für den zu Real Madrid abgewanderten Christoph Metzelder wurde der erfahrene Bundesliga-Abwehrrecke Robert Kovac geholt.

Für den Erfolg soll Thomas Doll sorgen. Er hat es geschafft, aus einem zerstrittenen Häuflein wieder eine Mannschaft zu formen. Zuvor waren Bert van Marwejk und Jürgen Röber an dieser Aufgabe gescheitert. Der Grat zwischen Himmel und Hölle ist schmal beim BVB. Der Fußballwahn der Westfalen kennt keine Grenze. 50.000 Dauerkarten wurden verkauft, trotz der zum Teil in der vergangenen Saison peinlichen Vorstellungen in den Heimspielen. Motivator Doll ist sich aber sicher: "Wir können mit dieser Mannschaft viel erreichen." Den Dortmundern ist am ehesten zuzutrauen, eines der Überraschungsteams in der neuen Saison zu werden.

VfL Wolfsburg

Felix Magath wurde als der unumschränkte Alleinherrscher in Wolfsburg inthronisiert. Als Trainer und Manager in Personalunion soll der Ex-Bayern-Trainer in der VW-Stadt endlich für Erfolg sorgen. Muss nicht in der neuen Saison sein, aber perspektivisch will man in Wolfsburg endlich auf eine Augenhöhe mit Leverkusen oder Berlin kommen. Oder vielleicht sogar noch höher. In der Stadt ohne Fußball-Tradition träumen sie seit langen davon, endlich in die große, weite Fußballwelt hinein zu schnuppern. Es soll Schluss sein mit der grauen Maus aus der deutschen Fußballprovinz. Ob sie dann ihr Stadion ohne VW-Angestellte voll bekommen, bleibt zu bezweifeln. Ohne Freikarten des Welt-Konzerns läuft nicht viel im Wolfsburger Stadion.

Mit Felix Magath wurde ein ausgewiesener Experte für den Aufbau erfolgshungriger und erfolgreicher Mannschaften engagiert. Magath hat einen guten Draht zu VW-Boss Martin Winterkorn. Er hat freie Hand und konnte 15 Millionen in neue Spieler investieren. Aber außer dem Defensivkünstler Ricardo Costa, der für 4 Millionen Euro vom FC Porto kam, wurden keine Schwergewichte verpflichtet. Der Erfolg soll mit eher unbeschrienbenen Blättern wie Vlad Munteanu (von Cottbus) oder dem jungen bosnischen Stürmer Edin Dzeko kommen. Um den Spielmacher Marcelinho, der in Top-Form ist, hat Magath eine Truppe gebaut, der sehr viel mehr zuzutrauen ist als der miserable 15. Platz in der vergangenen Saison.

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