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Champions League: Auferstehung der königsblauen Armada

Muss eine Nullnummer zwangsläufig öde sein? Mitnichten! Der FC Schalke 04 hat sich nach einem begeisternden 0:0 gegen Chelsea mit den eigenen Fans versöhnt. Verantwortlich hierfür zeichnet der am meisten unterschätzte Trainer der Bundesliga. Mirko Slomka ist nicht mehr der nette Grußonkel von nebenan.

Von Klaus Bellstedt, Gelsenkirchen

Mirko Slomka lächelte mal wieder, der Trainer des FC Schalke 04 lacht sowieso schon nicht gerade selten. Manche sagen gar, er lache zuviel. Böse Menschen sagen, er habe kein Ecken und Kanten. Alles Quatsch. Nach dem blamablen 0:1 in der Bundesliga beim Abstiegkandidaten Nummer 1, Energie Cottbus, nagelte Slomka sein eigenes Team coram publico an die Wand, kritisierte einzelne Spieler vor der Presse. So etwas passiert nicht oft in der Bundesliga, Slomka kann sehr wohl anders. Er ist nicht der liebe Grußonkel aus der Nachbarschaft, für den ihn viele halten.

Der sympathische Niedersachse gehört auch deshalb zu den am meisten unterschätzen Trainern in Deutschland, weil viele ihm nicht zutrauen, eine Mannschaft wirklich weiterzuentwickeln und aus jedem einzelnen seiner Spieler das letzte Körnchen Leistungsvermögen herauszukitzeln. Vielleicht war sein Lächeln auf der Pressekonferenz nach dem Champions-League-Highlight gegen den FC Chelsea also auch deshalb so breit, weil sein Team beim mitreißenden 0:0 eine famose Vorstellung abgeliefert hatte. Eine Vorstellung, die gerechterweise sogar mit drei statt mit einem Punkt hätte belohnt werden müssen. Also doch auch eine Art Genugtuungs-Lächeln bei Slomka? Verständlich wäre das. Im Herbst 2007 scheint es auf Schalke manchmal so, dass sie lediglich auf den nächsten Ausrutscher dieses teuersten Teams der Vereinsgeschichte warten würden. Um endlich wieder ein Stückchen mehr am Coach herumzumäkeln und zu kritisieren. Aber da müssen sie sich noch gedulden.

Augenreiben in der Arena

"Ich verspüre keinerlei Genugtuung", diktierte Slomka den andächtig lauschenden Journalisten im Presseraum der Veltins-Arena in die Blöcke. Glauben mochte ihm freilich niemand. Zumal sich der Trainer kurz zuvor eigentlich schon verplappert hatte. Er begann nämlich sein Statement zum Spiel gegen Chelsea mit folgenden Worten: "Die Mannschaft hat heute eine richtig gute Reaktion auf das Spiel gegen Cottbus gezeigt. Sie hat mit Leidenschaft gekämpft und sich taktisch voll an die Marschrichtung gehalten." Warum zeigt eine Mannschaft eine Reaktion? Weil ein Trainer diese von ihr einfordert. Slomka tat dies. Erst die öffentlichkeitswirksame Schelte nach der Blamage in der Lausitz. Und dann aber auch unter der Woche, intern und mit jedem einzelnen. Herr Slomka, gönnen Sie sich das bisschen Genugtuung!

Der FC Schalke 04 lieferte gegen die zuletzt sieben Mal in Folge siegreichen "Blues" aus dem Londoner Westen eine derart rassige Leistung ab, dass sich so mancher der gut 54.000 Zuschauer im Eisschrank Veltins-Arena die Augen reiben musste. Waren das wirklich die zuletzt so mausgrauen Königsblauen, die da von der ersten Minute ein mörderisches Tempo vorlegten und sich Chancen im Minutentakt erarbeiteten? Oder hatten Chelsea und Schalke vor dem Anpfiff etwa doch noch schnell die Trikots getauscht? Von den Engländern um Superstar und Kapitän Frank Lampard hätte man das Abbrennen eines spielerischen Feuerwerks erwarten können. Aber doch nicht von den Knappen.

Westermann und Rafinha überragend

Dass es doch die blaue Schalke-Armada war, die an diesem Abend Fußball der Extraklasse anbot, lag in erster Linie an der beeindruckenden mannschaftlichen Geschlossenheit, mit der das Team dem FC Chelsea den Schneid abkaufte. Pressing vom Feinsten, dazu eine fast perfekte Raumaufteilung, die den sonst so gefährlichen Offensiv-Kräften der "Blues" wie Drogba, Malouda oder Joe Cole das Leben schwer machte. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Aus dem Mannschaftsgefüge ragten drei königsblaue Spieler hervor: Die beiden Außenverteidiger Heiko Westermann und der Brasilianer Rafinha sowie der junge, technisch versierte Spielmacher Mesut Özil, der bis zu seinem verletzungsbedingten Ausscheiden wie aufgedreht agierte und immer wieder geschickt Angriff um Angriff einleitete.

Westermann und Rafinha beackerten ihre Seiten so, als hätten sie anstatt der Stollenschuhe Siebenmeilenstiefel an den Füßen. Verrückterweise waren es auch die beiden Defensivkräfte, die am meisten Torgefahr ausstrahlten. Alleine Westermann hatte in der ersten Hälfte drei (!!!) hervorragende Einschussmöglichkeiten, scheiterte aber entweder an Torwart Petr Cech oder an Juliano Belletti, der in der 27. Minute das Leder so gerade noch von der Linie kratzen konnte. Rafinha war es, der eine gute Viertelstunde vor Schluss mit einer Mischung aus Heber und Flanke nur das Aluminium traf. So wie übrigens auch der spät eingewechselte Lövenkrands, der zwei Minuten vor Ende der regulären Spielzeit völlig freistehend das Kunststück fertigbrachte und die Kugel an den Innenpfosten zirkelte.

Kein Jammern wegen Kuranyi

Bezeichnend für den fast schon berauschenden Abend auf Schalke war auch, dass hinterher kein Mensch über Kevin Kuranyi sprach. Der Nationalstürmer hätte, anders als der in der Arena als Chancentod bekannte Lövenkrands, die Großchance kurz vor Ultimo vielleicht genutzt. Aber wegen eines Muskelfaserrisses musste der Torjäger gegen Chelsea auf der Tribüne Platz nehmen musste. Hätte, wenn und aber: Über die unfreiwillige Kuranyi-Abstinenz jammerte niemand. Dafür war die Grundstimmung nach dem 0:0, das dem FC Schalke weiterhin Chancen auf das Erreichen des Achtelfinales in der Königsklasse lässt, viel zu positiv. Dazu passte, dass Mirko Slomka am Ende seiner Mannschaft für die dargebotene Leistung fast schon mit feierlicher Stimme gratulierte. Lachen tat er dabei übrigens nicht.

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