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Champions League Droht England ein Champions League-'Desaster'?


Der Untergang des britischen Empire scheint vor der Tür zu stehen, wenn man so manchen Champions League-Artikel liest. Warum? Ausnahmsweise sind drei von vier Premier League-Clubs vor dem letzten Spieltag noch nicht sicher fürs Achtelfinale qualifiziert. Krise oder Panikmache? Wir klären das per Fallanalyse.

Aufruhr in der europäischen Medienlandschaft: Drei Premier League-Clubs stehen einen Spieltag vor dem Ende der Vorrunde vor dem Aus. So zumindest sieht es die Deutsche Presse-Agentur, die Manchester United und Chelsea gar "zum Siegen verdammt" wähnt - dabei reicht beiden Clubs ein 0:0, um sicher das Achtelfinale zu erreichen.

Nach dieser Logik müsste allerdings auch Napoli in der Gruppe A "vor dem Aus" stehen, reicht den Italienern doch nicht einmal ein Punkt in Villarreal, um sicher die KO-Phase zu erreichen. Um die Situation richtig einschätzen zu können, müsste man aber in einem ersten Schritt bewerten, wie groß die Gefahr für die englischen Topclubs wirklich ist, das Achtelfinale zu verpassen - und danach klären, ob das tiefere Gründe hat oder einfach nur eine unglücklich verlaufene Vorrunde.

Arsenal können wir aus dieser Betrachtung herausnehmen. Ausgerechnet die Gunners, zu Saisonbeginn mit den größten Problemen aller Premier League-Teilnehmer, haben inzwischen als einziger englischer Club sogar schon den Gruppensieg in der Tasche. Wie aber sieht es für die restlichen drei Teams von der Insel aus?

Fall 1: Manchester City

Die Ausgangslage
City spielt zu Hause gegen Bayern und braucht in jedem Fall einen Sieg, um noch Zweiter zu werden. Der reicht aber nur, wenn Napoli im Parallelspiel nicht in Villarreal gewinnt.

Wo liegen die Probleme?
Die stärkste Mannschaft Europas in den nationalen Ligen, und das in der stärksten Liga - normalerweise müsste City das sein, was Roberto Mancini in fataler Selbstüberschätzung vor dem Spiel in Neapel verkündete: "auf Augenhöhe mit Real Madrid und Barcelona". So dominant und begeisternd das Team aber in der Premier League auch auftritt - in der Champions League hat es bisher nur gegen Villarreal zu Siegen gereicht, gegen Bayern und Napoli sprang in drei Spielen nur ein Punkt heraus.

Wie ist diese Diskrepanz zu erklären? Ein einfacher Ansatz wäre im Trainer zu sehen. Roberto Mancini hat in seiner Trainerkarriere drei nationale Meistertitel und fünf Pokalsiege gefeiert - aber in der Champions League nie ein Halbfinale erreicht und in KO-Spielen überhaupt noch nie einen Gegner aus einer großen Liga ausgeschaltet. In den Spielen sowohl in München als auch in Neapel war seine Aufstellung fragwürdig, seine Wechsel kamen deutlich zu spät für die jeweiligen Erfordernisse.

Im luxuriös besetzten Kader Citys fehlt zudem ein klassischer Spielmacher, der, wie Michael Cox im Blog Life's a Pitch treffend fest gestellt hat, gegen tief stehende, aber technisch versierte Gegner Gefahr durch die Mitte kreieren kann und nicht nur über die Außen. Bislang ist das Team beim Versuch, seine Spielkontrolle in Torchancen umzusetzen, zudem sehr anfällig für schnelle Konter, was gerade Napoli immer wieder demonstiert hat, und das in beiden Spielen.

Wie groß sind nun die Chancen für City? Auf dem Papier natürlich am schlechtesten, weil selbst ein eigener Sieg allein nicht reicht. Zudem ist der gegen Bayern alles andere als sicher. Doch so ausgemacht wie allgemein angenommen ist Napolis Sieg in Villarreal auch nicht, obgleich die Ausfälle von Nilmar und Giuseppe Rossi die Spanier hart treffen.

Chancen aufs Achtelfinale
30 Prozent. Die Chancen auf einen Heimsieg gegen Bayern liegen vielleicht bei 60 Prozent, die Chancen für Villarreal sind allerdings nicht so gut, eine Kombination beider Ereignisse ist nicht all zu wahrscheinlich. Aber nicht ausgeschlossen.

Fall 2: Manchester United

Die Ausgangslage
United spielt in Basel und darf dort nicht verlieren. Ein Punkt reicht in jedem Fall fürs Achtelfinale, Platz eins ist aber nur noch drin, wenn Benfica zu Hause nicht gegen Otelul Galati gewinnt.

Wo liegen die Probleme?
Zu Beginn der Saison sah noch alles nach einer furiosen Spielzeit der Red Devils aus. 14 Tore in drei aufeinanderfolgenden Heimspielen gegen Tottenham Hotspur, Arsenal und Chelsea verdeckten aber schon damals einige Defensivprobleme. Der wesentlich attraktivere Fußball als in der erfolgreichen Vorsaison war um den Preis erkauft worden, dass das zentrale Mittelfeld Uniteds weniger Zugriff aufs Spiel bekam und Torchancen in beunruhigender Anzahl zuließ.

Bestes Beispiel für die riskante Anfälligkeit des Teams war das 1:6 im Derby gegen Manchester City. Auch die drei Gegentore gegen Basel in Old Trafford hätten unter normalen Umständen niemals fallen dürfen. Wenn Sir Alex Ferguson versuchte, seine Mannschaft besser zu strukturieren, dann führte das schnell zu sehr unansehnlichen Spielen wie dem 1:1 in Liverpool, die dann wieder an die schlechteren Darbietungen der Vorsaison erinnerten.

Nichtsdestoweniger hat die Mannschaft erst zwei Pflichtspiele verloren - neben der Derbyschlappe nur noch im Ligapokal gegen Crystal Palace in der vergangenen Woche. Auch sind 33 Punkte aus 14 Ligaspielen eine sehr achtbare Bilanz, so dass man von einer Krisensaison objektiv gar nicht sprechen kann. Viele Fans sind - auch angesichts der Stärke des Lokalrivalen - momentan verbittert, aber es spricht wenig dafür, dass ein Team, das zu den besten Fünf Europas gehört, in Basel keinen Punkt holen kann.

Chancen aufs Achtelfinale
90 Prozent. Ein Baseler Sieg wäre ein historisches Fußballwunder.

Fall 3: Chelsea

Die Ausgangslage
Die Blues spielen zu Hause gegen Valencia in einem direkten Endspiel ums Achtelfinale, das nur eine von beiden Mannschaften erreichen kann. Ein Sieg oder ein 0:0 würde den Londonern reichen, jedes höhere Unentschieden aber hilft nur Valencia, das nach dem 7:0 über Genk die bessere Tordifferenz aufweist. Eine Niederlage würde ohnehin das Aus bedeuten. Wenn Leverkusen parallel in Belgien gewinnt, kann Chelsea nur noch Zweiter werden, bei einem Unentschieden der Deutschen reichte ein Sieg in jedem Fall für Platz eins, falls Bayer 04 verliert, wäre schon das 0:0 gleichbedeutend mit dem Gruppensieg.

Wo liegen die Probleme?
Wir haben erst vor zwei Wochen die taktischen Umbaumaßnahmen von André Villas-Boas in Chelsea ausführlich beschrieben. Daher hier nur die Kurzversion: In der Absicht, die Blues attraktiver und offensiver spielen zu lassen als unter seinen Vorgängern, lässt der neue Coach Chelsea viel höher stehen und ein aggressiveres Pressing praktizieren.

Das macht die Mannschaft anfälliger für schnelle Gegenstöße, zumal die Innenverteidiger weder besonders schnell noch all zu ballsicher sind. Anders als im Fall von Manchester City ist dies allerdings ein Problem, das in der Premier League genau so fatal sein kann wie in der Champions League, was sich vor allem beim 3:5-Debakel gegen Arsenal an der Stamford Bridge zeigte. Dass Chelsea international noch zittern muss, liegt so nicht primär daran, dass die Mannschaft spezifische Defizite im Vergleich mit Europas Topteams hätte. Vielmehr ist Valencia ein guter Gegner, gegen den ein Auswärts-1:1 durchaus ehrbar ist, Leverkusen wurde zu Hause geschlagen, so dass nur der Punktverlust in Genk und die sehr unglückliche Niederlage in Leverkusen zum Problem werden könnten.

Der Trend zeigte beim überzeugenden 3:0 in Newcastle am Wochenende aber leicht nach oben, zumal Romeu im Mittelfeld die Defensive eindrucksvoll stabilisierte. Das spricht dafür, dass Villas-Boas und sein Team am Dienstag leichte Vorteile haben - zumal Valencia mindestens ein Tor erzielen muss.

Chancen aufs Achtelfinale
60 Prozent. Chelsea hat mehr personelle Möglichkeiten im Kader und die taktisch leichtere Ausgangsposition. Aber Unai Emery ist ein Taktikfuchs, und es ist nicht undenkbar, dass er die richtigen Schachzüge anbringen kann - zumal ein früher Treffer der Gäste die Belastbarkeit des kleinen Aufwärtstrends von Chelsea auf die Probe stellen würde. 

In den acht Jahren, in denen es zuletzt ein Achtelfinale direkt nach der Gruppenphase gab (davor wurde noch eine zweite Gruppenphase ausgespielt), scheiterten nur zwei von insgesamt 31 Premier League-Clubs in der Champions League-Vorrunde. Seit 2004 gab es keine einzige Saison, in der irgendeine Liga mehr Clubs ins Achtelfinale der Champions League entsandte als die englische. So gesehen ist es völlig unangemessen, von einem "Ende der englischen Dominanz" zu sprechen. Erst recht, bevor die letzten Spiele absolviert sind.

England wird ein bis vier Teams ins Achtelfinale entsenden, wahrscheinlich drei. Spanien zwei bis drei, Italien zwei bis drei und die Bundesliga zwei bis drei. Mit anderen Worten: Im schlechtesten Fall wird es das erste Jahr seit 2004, in dem die Premier League nicht die beste Bilanz in der Champions League hat. Im wahrscheinlichsten Fall wird es ein durchschnittliches Jahr.

Daniel Raecke

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