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Champions-League-Halbfinale: Barcelona sucht die Leichtigkeit

Die erfolgreichste Vereinsmannschaft der letzten Jahre steht am Scheidepunkt: Nur ein Sieg gegen den FC Chelsea kann die Saison des FC Barcelona retten. stern.de klärt die wichtigsten Fragen vor dem Champions-League-Halbfinale.

Von Felix Haas und Marcus Krämer

Xavi, der kleine Spielmacher des FC Barcelona, saß nach seiner Auswechslung im Clasico gegen Real Madrid kopfschüttelnd auf der Bank. Er griff sich eine Wasserflasche, trank einen großen Schluck daraus und pfefferte sie anschließend frustriert durch die Gegend. Eine Szene mit Symbolcharakter: Der FC Barcelona, die vermeintliche Übermannschaft, steckt nach zwei Niederlagen in zwei wichtigen Spielen in einer Krise.

Ist es Zeit für eine Wachablösung in Europa? Und läutet diese Wachablösung ausgerechnet die alternde Mannschaft des FC Chelsea ein? stern.de klärt die wichtigsten Fragen vor dem Rückspiel im Halbfinale der Königsklasse.

1. Ist Barcelonas Erfolgsrezept entschlüsselt?

Auch wenn Chelsea mit einer anderen Ausrichtung ins Spiel gegangen ist als wenige Tage später Real Madrid, so eint die beiden Teams doch einiges. Sowohl die Blues als auch die Königlichen bauten auf eine kompakte Defensive und ließen Barca so im Angriff nicht wie gewohnt wirbeln.

Der Unterschied der Herangehensweisen von Chelsea und Madrid lag vor allem in den eigenen Ambitionen, am Spiel teilzunehmen. Während Chelsea daheim an der Stamford Bridge teilweise mit einer Fünferkette in der Abwehr agierte und die Katalanen so einem sehr disziplinierten Londoner Riegel gegenüber standen, fand Real-Coach José Mourinho nach einigen vergeblichen Anläufen in den letzten anderthalb Jahren die richtige Mischung aus defensiver Stabilität, dem richtigen Pressing und offensiven Nadelstichen gegen die Dreierabwehrkette von Barcelona.

Doch weder im spanischen noch im europäischen Fußball sollte das Wort Wachablösung vorschnell benutzt werden.

Denn: So gut Chelsea auch verteidigte, ohne Glück hätten die Londoner im Hinspiel nicht gewonnen. Barca traf zwei Mal Aluminium, Stürmer Alexis Sanchez brachte es dazu noch fertig, den Ball aus zwei Metern Entfernung am Tor vorbei zu schieben. Eine Wiederholung ist unwahrscheinlich. Schon heute im Camp Nou könnte die Tormaschine wieder anlaufen, und dann fallen auch schnell mal drei Treffer für die Blaugrana.

2. Barca: Taktisch zu unflexibel?

Pep Guardiola und seine Mannschaft werden überall bewundert, doch nach Niederlagen wie gegen Chelsea oder Real Madrid muss sich der Titelsammler dem Vorwurf stellen, zu starr an seinem taktischen Konzept festzuhalten.

Allzu leicht wird dabei übersehen, dass Guardiola durchaus flexibel sein kann. Er lässt je nach Gegner unterschiedliche Systeme spielen (4-3-3, 3-4-3, 3-1-3-3).

Richtig aber ist: An Tagen wie gegen Chelsea oder Real fehlt dem FC Barcelona ein Plan B. Das ist eine Tatsache, die in der Bundesliga auch dem FC Bayern unter Van-Gaal vorgeworfen wurde. Barca steht für schnelle Kombinationen, für Laufbereitschaft und schnelle Positionswechsel der Spieler. Die zentrale Frage ist: Würde das Chelsea-System mit einem großen zentralen Stürmer als Alternative abhilfe schaffen?

Mit Zlatan Ibrahimovic hat Guardiola bereits einmal in diese Richtung gedacht, der Schwede scheiterte nicht nur an persönlichen Differenzen mit dem Trainer sondern auch weil er im Spiel von Barcelona keinen Platz gefunden hat. Ein solcher Stürmer müsste also die entsprechende Klasse mitbringen, würde aber häufig auf der Bank sitzen. Ein durchdachter Plan klingt anders. Die Maßnahme, mit Neuzugang Fabregas und Messi ein Wechselspiel in der Spitze einzuführen, war dagegen der richtige Ansatz. Barcelona wird sich treu bleiben, auch in Spielen, die eng und schwierig sind.

3. Ist Pep Guardiola amtsmüde?

Barcelonas Coach schließt grundsätzlich nur Einjahresverträge ab. "Ich denke, dass jeder Trainer für kurze Zeiträume unterschreiben sollte, in denen er sich Dinge verdienen muss", hat Guardiola mal erzählt. Auch deshalb wird Jahr für Jahr darüber spekuliert, ob Guardiola der Trainer der erfolgreichsten Mannschaft der letzten Jahre bleibt - oder eben nicht.

Guardiola kokettiert gerne, auch weil er den Job in Barcelona für einen der schwierigsten hält. Vor Angeboten kann er sich ebenfalls nicht retten, vor allem in England (Nationalmannschaft, Chelsea, Man City) wird Guardiola geschätzt und gehandelt.

Vor dem Clasico machte Guardiola in der Pressekonferenz allerdings Andeutungen, in Barcelona bleiben zu wollen, auch im Falle einer Niederlage: "Wir können nur gewinnen, sollte uns das nicht gelingen, ist Real Meister. Ich würde ihnen dann gratulieren und mit den Vorbereitungen für die neue Saison beginnen."

4. Und Chelsea? Können die Blues im Camp Nou bestehen?

Chelsea verteidigte im Hinspiel enorm stark. Jeder Spieler war sich seiner Aufgabe bewusst. Seit Roberto di Matteo den erfolglosen Villas-Boas als Chefcoach ersetzte, verloren die Blues wettbewerbsübergreifend erst ein Mal.

Lionel Messi schießt eigentlich Tore nach Lust und Laune, doch ausgerechnet gegen Chelsea wartet "La Pulga" immer noch auf seinen ersten Treffer. Barcelonas Leistungsträger wie Iniesta, Xavi und Fabregas sind nicht in allerbester Form. Dazu verlor das sonst so enorm heimstarke Barca zuletzt vor eigenem Publikum gegen Real Madrid.

Die Argumente für Chelsea sind also nicht die schlechtesten. Dennoch: Barca ist nach wie vor international das konstanteste Team der letzten Jahre. Ein Tor wird Barcelona im Camp Nou mit großer Wahrscheinlichkeit schießen. Chelsea wird also wohl ein Auswärtstor erzielen müssen, um weiter zu kommen.

5. Ist di Matteo der richtige Trainer für Chelsea?

Die Experten in England sind sich einig: Roberto di Matteo hat wohl nur eine Chance, auch im kommenden Jahr Cheftrainer bei den Blues zu bleiben, wenn er die Champions League gewinnt. Viele Namen werden an der Stamford Bridge gehandelt. Guardiola gehört dazu, Rafael Benitez ist bereit, José Mourinho wurde schon in London gesichtet, neueste Gerüchte nennen Laurent Blanc als heißen Kandidaten.

Di Matteo hat sportlichen Erfolg, ein paar prominente Fürsprecher und die Erkenntnis, aus einer misslichen Lage fast das Optimum herausgeholt zu haben, entgegen zu setzen. In 14 Spielen unter di Matteo gab es nur eine Niederlage, von der erneuten Champions League-Qualifikation über den FA Cup-Sieg ist noch vieles möglich. Doch auch mit leeren Händen können die Blues am Saisonende noch dastehen.

Der ruhige Trainer hat einige richtige Entscheidungen getroffen. Er hat den alten Haudegen John Terry, Frank Lampard, Ashley Cole oder Didier Drogba wieder das Gefühl gegeben, gebraucht zu werden. Damit war die Balance in der Mannschaft hergestellt. Auch die Entscheidung, Ergebnis orientieren Defensivfußball zu spielen, war richtig. Mehr ist mit dem Kader in der derzeitigen Zusammensetzung nicht möglich. Deshalb und weil ein Umbruch mit einem Trainer ohne Weltruf sicher einfacher ist, sollte di Matteo eine dauerhafte Chance bekommen.

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