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Champions League: Warum Juventus Turin in Berlin triumphieren wird

Der FC Barcelona ist der Favorit, den kaum ein Fußballfan in Frage stellt. Dabei bietet das Finale der Königsklasse ein Parkett, das für die ausgebufften Juve-Stars wie gemacht ist.

Torwart Gigi Buffon und Juventus sind im Champions-League-Finale die Außenseiter, mit denen zu rechnen ist

Torwart Gigi Buffon und Juventus sind im Champions-League-Finale die Außenseiter, mit denen zu rechnen ist

Ein blau-weißes Spielerknäuel wälzt sich vor Freude auf dem Spielfeld. Wie eine Armee aus Ameisen strömen auch Ersatzspieler, Trainer und Betreuer auf den Rasen, um mit den Kollegen zu feiern. Italienische Siegesgesänge hallen durch das Berliner Olympiastadion. Der Abend war lang und ereignisreich: Zinedine Zidane hatte einen Elfmeter auf genial-arrogante Weise zur frühen französischen Führung verwandelt, Marco Materazzi mit bedingungslosem Kopfball für die Italiener ausgeglichen, in der Verlängerung waren beide Torschützen dann folgenschwer aneinandergeraten. Und gerade hat Fabio Grosso den fünften und entscheidenden Elfmeter für die Squadra Azurra verwandelt - Italien ist Weltmeister. Mittendrin im grenzenlosen Jubel: Gianluigi Buffon, Andrea Pirlo und Andrea Barzagli.

Das war vor knapp neun Jahren. Zum Champions-League-Endspiel 2015 kehrt das Trio von Juventus Turin jetzt an den Ort seines größten Triumphs zurück - als krasser Außenseiter. Gegen die geballte Offensivwucht des spanischen Meisters trauen die meisten neutralen Beobachter dem Überraschungsfinalisten nicht viel zu. Ein Fehler, den die Barça-Stars besser nicht machen sollten. Denn für die Wiederauflage einer italienischen Nacht in Berlin sprechen gute Gründe:

Die Erfahrung
Juve stand zuletzt 2003 im CL-Finale (und verlor gegen den AC Mailand), der FC Barcelona in der Zwischenzeit drei Mal - und jedes Mal siegreich (2006, 2009, 2011). Trotzdem verteilt sich die Endspielerfahrung des italienischen Rekordmeisters auf noch breitere Schultern: Buffon stand schon 2003 gegen Mailand im Tor (und parierte zweimal im Elfmeterschießen) und will unbedingt seinen ersten Champions-League-Titel, Patrice Evra spielt sogar sein fünftes Finale in der Königsklasse (zwei Siege), Tevez gewann 2008 mit Manchester United. Dazu kommen die genannten Weltmeister Pirlo (zwei CL-Titel mit Milan) und Barzagli. Bei Barça ist ein Welt- und Europameister wie Piqué dagegen schon länger nur noch ein Schatten früherer Tage, Genie Andres Iniesta klagte zuletzt über Wadenprobleme. Nur Lionel Messi spielt seit mehreren Monaten noch ein bisschen besser als je zuvor - das könnte für Barcelona schon reichen. Wird es aber nicht.

Die Außenseiterrolle
Wenn keiner mit ihnen rechnet, sind italienische Mannschaften traditionell am stärksten. Vor der WM 2006 erschütterte ein Manipulationsskandal den Fußball des Landes, Juve-Manager Gianluca Pessotto sprang bei einem Selbstmordversuch aus dem Fenster - wie die italienische Nationalmannschaft währenddessen beim Turnier in Deutschland abschnitt, ist bekannt. Ganz so schlimm steht es um Juve vor diesem Finale zwar nicht, aber der Ausfall von Stammverteidiger Chiellini sorgt für Personalprobleme beim Außenseiter. Ersatzgeschwächt gegen den besten Sturm aller Zeiten: Eine Ausgangslage, wie sie die Italiener lieben. Für Chiellini spielt übrigens: Barzagli - einer der drei Turiner Helden von 2006.

Die Durststrecke
In den neun Jahren nach ihrem Zwangsabstieg 2006 legte Juventus Turin eines der bemerkenswertesten Comebacks der jüngeren Fußballgeschichte hin. In Italien ist der Rekordmeister längst wieder konkurrenzlos: Seit 2012 wurden vier Meistertitel in Folge geholt, in der abgelaufenen Saison gar das Double. Auch Spieler wie Mittelfeld-Maestro Andrea Pirlo, vom AC Mailand Anfang des Jahrzehnts aussortiert, stehen für diese Renaissance. Ebenso Torwart-Ikone "Gigi" Buffon, der mit inzwischen 37 Jahren jede Saison jünger zu werden scheint. Zur geballten Erfahrung gesellt sich zudem "King" Arturo Vidal - der Chilene will endlich seinen ersten internationalen Titel holen.

Die Expertenmeinungen
Ganz ehrlich, gerade wir in Deutschland geben doch gerne ungeheuer viel auf die Meinung der Experten. Wer den Thesen pro Juve also keinen Glauben schenken mag, dem sei gesagt: Sie werden von höchster Stelle gestützt! Franz Beckenbauer antwortete der "Bild"-Zeitung auf die Frage, wer den "MSN-Sturm" (Messi, Suarez, Neymar) stoppen könne: "Wenn, dann nur Juventus! Die Turiner stehen hinten sicher und kontern brilliant. Mich hat das 3:0 beim Achtelfinale in Dortmund beeindruckt." Und auch Michael Ballack schwärmt zwar vom überragenden Kader der Katalanen, sagt aber: "Ich glaube, Juventus tut die Außenseiterrolle ganz gut, und ich würde mal auf eine Überraschung, auf ein 1:0 für Juventus tippen." Begründung des Ex-Nationalmannschaftskapitäns: "Dieses Zerstören, dieses typische Catenaccio, das können sie einfach."

Die Stabilität
Vielleicht das entscheidende Wort im Vergleich der beiden Teams. Es könnte auch lauten: Robustheit. Bei Juve ist von Abwehr bis Angriff fast jeder Spieler ein Baum. Auch Offensivkräfte wie Supertalent Pogba und Sturmbulle Tevez gehen in jeden Zweikampf ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit - von der des Gegners ganz zu schweigen. Die knüppelharte Basis wird durch Geniestreiche von Einzelkönnern wie Pirlo und Pogba ausbalanciert. Arturo Vidal würde wohl - ähnlich wie Bastian Schweinsteiger im WM-Finale 2014 - auch mit klaffender Wunde am Kopf noch durchspielen. Solche Spieler gewinnen große Spiele. Sicher ist Messi inzwischen härter im Nehmen als noch vor zwei, drei Jahren, und Suarez kann kräftig zubeißen. Trotzdem sind die Spieler von Barcelona den Turinern körperlich deutlich unterlegen - und es wäre in der Fußballgeschichte nun wirklich nicht das erste Finale, das durch diesen Faktor entschieden wird.

Juves Kämpfertruppe wird den katalanischen Künstlern einen heißen Tanz liefern, den viele Fußballfans in der Form nicht erwarten. Für den Finalabend in Berlin wurde eine Unwetterwarnung ausgegeben. Pünktlich zum Anpfiff könnte es krachen. Aber ein Donnerwetter erwartet den FC Barcelona gegen Juventus Turin ohnehin.

tim

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