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CHAMPIONS LEAGUE: Toppmöllers schlimmster Tag

Bayer Leverkusen ist auch im dritten Anlauf gescheitert. Der deutsche Fußball-Vizemeister verlor in Glasgow das Finale der europäischen Champions League mit 1:2 gegen Real Madrid.

Bei den Siegesfeiern zum Gewinn der Fußball-Champions-League durch Real Madrid ist es in der spanischen Hauptstadt zu schweren Ausschreitungen gekommen. Randalierende Hooligans lieferten sich in der Nacht zum Donnerstag Straßenschlachten mit der Polizei. Nach einer ersten Bilanz wurden mehr als 30 Beamte und Gewalttäter verletzt. Sechs Randalierer wurden festgenommen.

Randale nach 2:1 Sieg Real Madrids

Nach dem 2:1-Sieg von Real Madrid im Finale über Bayer Leverkusen in Glasgow hatten Hunderttausende von Madridern den neunten Europacupgewinn ihres Clubs gefeiert. Mehr als 300 000 Fußball-Fans versammelten sich am Cibeles-Brunnen im Zentrum der Stadt. Randalierer bewarfen Polizeibeamte mit Flaschen und Steinen. Sie griffen Reporter und Kameraleute an und rissen Verkehrsampeln aus den Verankerungen. Die Sicherheitskräfte gingen mit Tränengas und Schlagstöcken gegen die Gewalttäter vor.

Höheres Sicherheitsaufgebot

Der Cibeles-Brunnen, eines der Wahrzeichen von Madrid, war von der Polizei vorsorglich hermetisch abgeriegelt worden. Schon in der Vergangenheit war es dort bei Siegesfeiern von Fußballfans zu Ausschreitungen gekommen. Die Sicherheitskräfte hatten vorsorglich mehr als 1000 Beamte aufgeboten.

Bayer Leverkusen ist indes beim dritten Gipfelsturm innerhalb von elf Tagen gescheitert und damit seinem Ruf als »ewiger Zweiter« auf beinahe tragische Weise treu geblieben. Nach der verspielten deutschen Meisterschaft und dem verlorenen Pokal-Finale ging der Werksclub am Mittwochabend mit der unglücklichen 1:2 (1:2)-Niederlage im Endspiel der Champions League gegen Real Madrid auch auf der internationalen Bühne leer aus. Während die Spanier vor 51 456 Zuschauern im ausverkauften Hampden Park von Glasgow ihren dritten Triumph in der Königsklasse des europäischen Fußballs seit 1998 und den neunten im Landesmeister-Wettbewerb insgesamt feierten, endete für die Elf von Trainer Klaus Toppmöller trotz erneut bravouröser Leistung eine große Saison in Tristesse.

Ein Alles-oder-Nichts-Spiel

»Das war heute der schlimmste Tag für mich. Denn die Mannschaft hat gefightet bis zum Schluss. Wenn man gesehen hat, welch dumme Tore wir bekommen haben, ist das schon sehr ärgerlich«, sagte Toppmöller sichtlich deprimiert. »Zum Schluss war es ein Alles-oder-Nichts-Spiel. Wir hatten unsere Chancen, aber wir haben die einfachsten Bälle nicht über die Linie gebracht.« Auch Torhüter Hans-Jörg Butt war untröstlich: »Das ist sicherlich bitter. Wir haben eine tolle Saison gespielt und stehen am Ende doch mit leeren Händen da.«

2:1 kurz vor der Halbzeit

Zum Knackpunkt aus Leverkusener Sicht wurde wie bei der 2:4-Pokal-Schlappe gegen Schalke am Samstag ein Gegentor Sekunden vor der Halbzeit. Mit seinem Treffer zum 2:1 zum psychologisch ungünstigsten Zeitpunkt für Bayer stellte Welt- und Europameister Zinedine Zidane für Real die Weichen auf Sieg. Zuvor hatte Lucio (14.) in einem eine Halbzeit lang temporeichen und hochklassigen Finale die frühe Madrider Führung durch Raul (9.) ausgeglichen. In der siebenminütigen und hochdramatischen Nachspielzeit schnürten die Deutschen ihren Gegner regelrecht in dessen Strafraum ein, doch trotz Großchancen durch Butt, Yildiray Bastürk und Dimitar Berbatow fiel der eigentlich verdiente Ausgleich zum 2:2 nicht mehr.

Die UEFA-Prämie von 4,08 Millionen Euro für die Final-Teilnahme stellte für die Verlierer am Ende nur einen schwachen Trost dar. Insgesamt hat Bayer in der nun abgeschlossenen Saison der Champions League rund 35 Millionen Euro an Einnahmen erlöst. Vier Tage nach der Pokal-Pleite mobilisierte Bayer im Duell gegen den in dieser Saison national ebenfalls titellosen spanischen Rekordmeister noch einmal alle Kräfte. Nach dem Motto »Jetzt erst recht« steckte die von Toppmöller glänzend eingestellte Mannschaft den frühen Rückstand weg, ließ sich von den großen Namen des Gegners nicht ins Bockshorn jagen und setzte gegen das Starensemble aus Madrid selbst spielerische Glanzlichter. Dreh- und Angelpunkt bei den Leverkusenern, die ebenso couragiert und diszipliniert auftraten wie bei den Spielen in Liverpool und Manchester, war Michael Ballack. Bei seinem letzten Auftritt im Bayer-Trikot schwang sich der Hoffnungsträger der deutschen Nationalmannschaft zum Ideengeber und Spielgestalter auf. An seiner Seite leisteten Bernd Schneider und Diego Placente ein enormes Laufpensum.

Konzept der Leverkusen untauglich

Nach 8:01 Minuten schien das Konzept Leverkusens durch Rauls Führungstor bereits über den Haufen geworfen. Reals Torjäger nahm einen weiten Einwurf von Roberto Carlos auf, spurtete seinem Bewacher Lucio davon und erwischte Butt mit einem haltbar scheinenden Schuss auf dem falschen Fuß. Doch das insgesamt 34. Champions-League-Tor von Raul schockte den deutschen Vizemeister keineswegs und wenig später machte Lucio seinen Fehler wieder wett. Nach einer Freistoß-Flanke von Bernd Schneider überwand der von den Madridern heiß umworbene Brasilianer den beim Herauslaufen zögernden Real-Torhüter Cesar per Kopfball zum viel umjubelten Ausgleich.

Danach streifte die Werkself endgültig die anfänglichen Hemmungen ab und bot Real auch spielerisch Paroli. Zum Staunen der rund 14 000 mitgereisten Fans entwickelte Bayer mehr Tordrang als die vor allem in der Abwehr verwundbaren »Königlichen«. In der 22. Minute warf sich Cesar dem freistehenden Thomas Brdaric vor die Füße, der den gelb- gesperrten Brasilianer Ze Roberto auf der linken Seite bis zu seiner Auswechslung (39.) gut vertrat. Danach prüfte Boris Zivkovic (27.) Reals Schlussmann mit einem Flachschuss aus 16 Metern. Als das Führungstor für die Deutschen nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien, wurden sie wieder Sekunden vor der Halbzeit eiskalt erwischt. Eine Flanke von Roberto Carlos jagte Zidane (45.) aus der Drehung unhaltbar für Butt in den Torwinkel.

Ulf Kirsten: Toppmöllers Joker

Mit großem Einsatz versuchte Bayer nach Wiederanpfiff, das Blatt noch einmal zu wenden, doch lief das Kombinationsspiel nicht mehr so flüssig wie zuvor. Als die spanischen Fans auf den Rängen nach gut einer Stunde bereits erste »Viva Espana«-Gesänge skandierten, schickte Toppmöller mit dem 36-jährigen Ulf Kirsten seinen Joker auf den Rasen. Doch auch dem Teamsenior blieb in seinem 74. Europacup- Spiel der Ausgleich und damit sein 42. Tor im internationalen Geschäft versagt.

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