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Chelsea-Stürmer Didier Drogba Einer zum Fürchten


Diesen Mann fürchten sie bei den Bayern am meisten: Didier Drogba. Auf Chelseas charismatischem Stürmer ruhen die größten Hoffnungen der Engländer für das Champions-League-Finale.
Von Klaus Bellstedt, München

Drüben auf der Insel nennen sie Didier Drogba gern die "Ein-Mann-Büffelherde". Dahinter steckt folgendes metaphorisches Bild: Wenn der Angreifer vom FC Chelsea erst mal Fahrt aufgenommen hat, kann ihn kein Verteidiger der Welt mehr stoppen. Dann überrollt der mittlerweile 34-Jährige Angreifer alles und jeden. Der liebe Gott hat dem Mann von der Elfenbeinküste den Körper eines Bronzekriegers geschenkt. "Ich habe in meiner Karriere noch nie einen so durchtrainierten Profi gesehen wie Drogba." Das hat Oliver Kahn einmal über die Ikone des FC Chelsea gesagt. Aber Drogba, der sich im Champions-League-Finale gegen die Bayern wohl letztmals das blaue Trikot überstreifen wird, ist nicht nur stark, schnell und wuchtig - ihn umgibt auch eine Aura. Eine, die man bei Fußballern nur sehr selten erlebt.

Der Autor dieser Zeilen hatte das Reporterglück, Drogba einmal 2006 an einem verregneten Abend kurz vor Weihnachten an der Stamford Bridge nach einem Premier-League-Spiel zwischen Chelsea und Newcastle United sprechen zu dürfen. Drogba kam, wie immer, als Letzter aus der Kabine. Das Haar samt Zöpfchen perfekt gegelt, die Perlenkette um den Hals und den Edel-Kulturbeutel in der Hand. Bei dem lockeren Geplauder sollte es auch um seinen damaligen Teamkollegen Michael Ballack gehen, aber darauf wollte sich der Ausnahme-Profi nicht einlassen. "Sprechen wir nicht über Namen, sprechen wir darüber, wie schön Fußball eigentlich sein kann. Und darüber, wie furchtbar schlecht wir diesen Sport heute Abend ausgeübt haben." Chelsea gewann damals ein grauenhaftes Spiel mit 1:0. Torschütze: Didier Drogba. Aber darüber sagte der Matchwinner keine Silbe.

Überragende Champions-League-Torquote

Es ist genau diese Einstellung, die Drogba auszeichnet und für die er geliebt wird - in London wie an der Elfenbeinküste. "Am Samstag geht es nicht um mich", betont er jetzt auch vor dem großen Finale von München, "es geht einzig um allein um Chelsea". Ja, das stimmt. Und doch hat gerade für Drogba dieses Endspiel das entscheidende bisschen mehr an Bedeutung. Als Kapitän der Elfenbeinküste verlor er 2006 und 2012 zwei Afrika-Cup-Endspiele. Mit seinem ehemaligen Club Olympique Marseille, zu dem er nach der Saison möglicherweise zurückkehren wird, unterlag er 2004 im Uefa-Pokal-Finale dem FC Valencia. Und dann das totale Trauma: 2008 scheiterte Drogba in Chelseas bisher erstem Champions-League-Endspiel dramatisch an Manchester United. Im Elfmeter-Krimi fehlte der Stürmer, weil er in der 116. Minute wegen einer Tätlichkeit Rot sah. Auf Didier Drogba lastet ein Endspiel-Fluch.

"Ich habe sehr viele Enttäuschungen erlebt, aber auch einige großartige Momente", sagt Drogba. Seit seinem Wechsel von "OM" zu den "Blues" vor acht Jahren hat der 34-Jährige mit Chelsea stolze elf nationale Titel gewonnen - oft genug wegen seiner Tore. In letzter Zeit traf der stolze Ivorer nicht mehr gar so regelmäßig, aber seine Quote - gerade auch in der Champions League - ist immer noch extraklasse. In sieben Königsklassen-Spielen in dieser Saison schoss er insgesamt nur acht Mal aufs Tor - doch fünf Mal war der Ball drin. Zuletzt erzielte Drogba im Halbfinal-Hinspiel den 1:0-Treffer gegen den FC Barcelona. Natürlich wissen sie bei den Bayern um die Stärken des ivorischen Stiernackens. Kapitän Philipp Lahm nennt ihn einen "herausragenden Stürmer", Bastian Schweinsteiger verdrehte bei dem Thema lächelnd die Augen. Erst wollte er gar nichts über Drogba sagen, dann kam dem Vize-Kapitän doch noch ein "überragend" über die Lippen.

Friedensstifter in Afrika

Man merkt den Bayern, bei denen sich am Samstagabend wechselseitig die beiden Innenverteidiger Jerome Boateng und Anatoliy Tymoshchuk abarbeiten "dürfen", den Respekt vor dem FC Chelsea an. Aber vor niemandem fürchten sie sich mehr als vor Didier Drogba. Selbst die eigenen Mitspieler sprechen mit Ehrfurcht über ihren Anführer. "Er ist einzigartig, unersetzlich, eine Mascheine, ein Bulldozer", sagt Frank Lampard über seinen Teamkollegen. Aber das Alter! Lampard lacht. "Keine Sorge, Tito hat nichts von seiner Schnelligkeit und von seinem Instinkt eingebüßt. "Tito" rufen ihn seine Jungs beim FC Chelsea. Bei der Nationalmannschaft wird Drogba seit Jahren nur "das Pferd" genannt - wegen seiner enormen läuferischen Qualitäten und seiner kämpferischen Spielweise.

"Wenn ich einen Spieler wählen müsste, mit dem ich in die Schlacht ziehe, wäre es Didier", hat sein ehemaliger Coach bei den Blues, José Mourinho, einmal über Drogba gesagt. Ob man mit ihm allerdings auch richtige Schlachten gewinnen kann, wird sich erst am Samstagabend um kurz nach halb elf zeigen. Für den Stürmer wäre der Gewinn seines ersten internationalen Titels die Krönung seiner Ausnahme-Karriere. Den Menschen Didier Drogba würde der Champions-League-Triumph indes nicht ändern. Vor wenigen Tagen hat er angekündigt, auch in dieser Sommerpause wieder als Friedensstifter in Afrika unterwegs sein zu wollen. Der Fußball braucht mehr Profis dieser Sorte.


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