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Der Fall Ballack: Klinsmann fordert von Ballack Einsicht

Lange Zeit hat Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann zum Streitfall Ballack gegen Löw geschwiegen. Damit ist jetzt Schluss. "Michael muss sich entschuldigen", setzt der Ex-Nationaltrainer Ballack unter Druck. Klinsmann wirft dem deutschen Kapitän unter anderem auch unkollegiales Verhalten vor.

Nach zwei Tagen Funkstille haben Joachim Löw und Michael Ballack erstmals wieder zueinandergefunden und bei ihrer Kontaktaufnahme die vom Bundestrainer geforderte Aussprache in Deutschland verabredet. Auch wenn Zeitpunkt und Ort des Treffens geheim gehalten werden, soll es wohl ganz schnell zum Krisentreffen kommen. Der Ausgang des von Ballack angezettelten Machtkampfes auf höchster Nationalmannschafts-Ebene bleibt bis dahin offen und lässt Raum für vielfältige Spekulationen über mögliche Konsequenzen für den Kapitän. Mit dem Verzicht auf weitere öffentliche Kommentare könnte jedoch eine erste Stufe der Deeskalierung gezündet worden sein.

Löw hatte nach Angaben des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) am Donnerstagmittag einen ersten Kontakt mit Ballack aufgenommen, am Abend habe sich der verletzte Mittelfeldspieler des FC Chelsea dann beim Bundestrainer gemeldet. "Es wurde vereinbart, sich so schnell wie möglich zu treffen und ein Vier-Augen-Gespräch zu führen", berichtete DFB-Mediendirektor Harald Stenger am Freitag.

Klartext von Klinsmann

Nach Ballacks heftiger Kritik an dem Kurs und Löws jüngsten Personalentscheidungen - unter anderem die Degradierung von Torsten Frings zum Reservisten in den WM-Qualifikationsspielen gegen Russland (2:1) und Wales (1:0) - muss das Gespräch weisen, ob und wie das gestörte Verhältnis zwischen Chefcoach und Kapitän repariert und der erfolgreich eingeschlagene Weg Richtung Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika fortgeführt werden kann. "Das hängt natürlich auch in starkem Maße von diesem Gespräch ab", hatte Löw betont, als er den 32-jährigen Ballack am Mittwoch zum Rapport einbestellte.

Es dürfte viel diplomatisches Geschick notwendig sein, wenn eine tragfähige gemeinsame Zukunft verabredet werden soll - mit einem starken und in seiner Autorität unbeschädigten Bundestrainer und einem sportlich weiterhin wertvollen "Leitwolf" Ballack. Deutlich Position bezog am Freitag Jürgen Klinsmann, der Ballack 2004 nach seinem Amtsantritt als Bundestrainer zum Kapitän befördert hatte. "Die Situation ist recht einfach: Für diese Aussagen hat er sich beim Trainer und den Teamkollegen zu entschuldigen", befand Klinsmann, der davon ausgeht, "dass Michael den Fehler einsieht und eingesteht".

Ballack schwer ersetzbar

Klinsmann vertraut darauf, dass sein einstiger Assistent Löw das brisante Problem mit angemessenen Maßnahmen aus der Welt schafft: "So wie ich Jogi kenne, wird er das gemeinsam mit Michael optimal lösen." Ob Ballack als Kapitän noch tragbar sei, könne er nicht beurteilen, sagte der Trainer des FC Bayern: "Jogi ist der Chef und entscheidet."

Nationalspieler Bastian Schweinsteiger forderte, "das Thema so schnell wie möglich aus dem Verkehr zu ziehen". Ihn interessiere einzig und allein, dass die Angelegenheit bis zum Länderspiel am 19. November in Berlin gegen England "geklärt" sei. Nach der fast einhelligen Kritik an Ballacks Vorgehensweise und der Zurückweisung der Kritik an Löws Arbeit streicht die deutsche Fußball-Prominenz unterdessen den sportlichen Wert des 89-maligen Nationalspielers heraus. "Ich hoffe nicht, dass es zum totalen Bruch kommt. Eine Nationalmannschaft ohne Ballack ist für mich derzeit schwer vorstellbar", äußerte Franz Beckenbauer in der "Bild".

Verständnis von Daum

Der langjährige Ballack-Trainer Christoph Daum bezeichnete seinen ehemaligen Schützling als "absoluten Gerechtigkeitsfanatiker, der sich für die Gruppe auf und außerhalb des Platzes stark macht". Auch der ehemalige Nationalmannschafts-Kapitän Karl-Heinz Rummenigge votierte im Sinne des deutschen Fußballs für eine "rationale Lösung" als Ausweg aus dem Machtkampf. "Und die heißt: Ballack entschuldigt sich und spielt weiter als Kapitän in der Nationalmannschaft."

Auch Löw weiß um Ballacks Bedeutung als Leistungsträger. Von den 33 Länderspielen in seiner Amtszeit fanden 19 mit Ballack statt. Bilanz: 15 Siege, zwei Unentschieden, zwei Niederlagen, die letzte im EM-Finale gegen Spanien (0:1), in dessen Anschluss es zum großen Streit zwischen Ballack und Teammanager Oliver Bierhoff kam. In den 14 Partien ohne Ballack erzielte Löw mit der DFB-Auswahl neun Siege, drei Remis und ebenfalls zwei Niederlagen. Acht Tore erzielte Ballack zudem in der Ära Löw, das wichtigste beim 1:0-Sieg gegen Österreich bei der EM. Der Freistoß des Kapitäns bewahrte Deutschland vor dem Vorrunden-K.o. - und rettete Löw womöglich den Bundestrainer-Posten.

DPA/jef / DPA

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