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Der Fall Breno und die Integration Abseits im Multikulti-Paradies


Der deutsche Fußball rühmt sich für seine Integrationskraft. Ausländer, die nicht in Deutschland aufgewachsen sind, spüren davon aber oft wenig - wie der Fall Breno zeigt.
Von Malte Arnsperger und Klaus Bellstedt

Wie integriert man einen Ausländer in Bayern? Man ziehe ihm eine Lederhose an und schicke ihn aufs Oktoberfest. Das sehr einfache Rezept scheint auch bei den Fußballprofis des FC Bayern München zu funktionieren. Der Franzose Franck Ribery oder der Japaner Takashi Usami strahlten in der Krachledernen am Wochenende beim traditionellen Wiesn-Besuch der Mannschaft um die Wette. Einer aber fehlte: der Brasilianer Breno. Er wird der Brandstiftung verdächtigt und saß mehrere Tage im Gefängnis. Jetzt ist er auf Kaution frei.

Der offenbar depressive und von Heimweh geplagte Profi ist das krasse Beispiel für eine misslungene Integration im Fußball. Während in Werbekampagnen der DFB als Multikulti-Paradies gefeiert wird, sieht die Realität bei Spielern, die nicht in Deutschland aufgewachsen sind, oft ganz anders aus. Zwar tun die Vereine einiges, um ihren oft teuren ausländischen Angestellten den Start in Deutschland zu erleichtern. Aber sobald bei den Spielern im sportlichen oder privaten Bereich Probleme auftreten, stehen viele Clubs ratlos da.

Rund 330 Ausländer verdienen ihr Geld in der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga. Ein Großteil davon sind Spieler aus Europa. Daneben gibt es eine große Fraktion von Südamerikanern, viele Afrikaner kicken in Deutschland und immer mehr Profis kommen aus Asien. Die Unterschiede dagegen sind so vielseitig wie ihre Herkunftsländer.

Vorbild Bayer Leverkusen

Da sind die rein beruflichen: Einige verdienen Millionensummen, die meisten Spieler müssen sich mit deutlich weniger begnügen. Einige haben bereits im Ausland gespielt, viele Profis noch nicht. Da ist die Lebenserfahrung: Einige sind schon Mitte oder Ende 20 und haben Familie, viele Legionäre dagegen sind noch halbe Kinder und kommen alleine. Andere wiederum stammen aus gutem Hause, sind gebildet, einige Fußballer dagegen haben bereits Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben ihrer Muttersprache. Alle diese Faktoren können positive oder negative Auswirkungen haben auf die Art und Weise, wie und ob sich ein Spieler in seinem Gastland einlebt und damit letztlich auch auf seine Leistungsfähigkeit.

Wenn die Sprache auf gelungene Integration kommt, fällt schnell der Begriff Bayer Leverkusen. Der Werksclub gilt als einer der Vorreiter im Umgang mit den kickenden Gastarbeitern. Vor allem bei der Betreuung von Südamerikanern, speziell der Brasilianer, hat sich Bayer 04 einen guten Ruf erworben.

Angeführt von dem pädagogischen Leiter Franck Ditgens kümmern sich bis zu zehn meist freiberufliche Betreuer um Spieler wie Renato Augusto und Michael Ortega. Susanne Weber ist eine von ihnen. Die gelernte Sportpädagogin ist seit sechs Jahren insbesondere dann gefragt, wenn Brasilianer im Team stehen. "Bei uns gibt es ein ganz ausführliches Konzept, wie wir die Ausländer betreuen", sagt die 29-Jährige. Dann zählt sie Maßnahmen auf, die auch bei den meisten anderen Vereinen zum Standardrepertoire gehören sollten: Hilfe bei der Wohnungssuche, dem Autokauf oder den vielen Behördengängen. Und natürlich der Sprachunterricht. "Die Sprache zu lernen - darauf legen wir großen Wert", sagt Weber. "Denn ohne die Sprache hat keiner der Spieler eine Chance, sich wirklich zu integrieren."

Aber die Bayer-Betreuung hört nicht an der Haustür der Profis auf. Zum einen wolle sie den Spielern auch eine gewisse Alltagsstruktur geben, sagt Susanne Weber. Dazu gehört für sie etwa die Friseurempfehlung oder der Hinweis auf ein Restaurant, wo die ausländischen Profis Landsleute treffen können. "Wichtig ist uns aber auch, dass die Spieler Verständnis für die deutsche Kultur bekommen. Deshalb erkläre ich ihnen immer weder einige deutsche Besonderheiten. Nicht nur, wie wichtig Pünktlichkeit in diesem Land ist."

Genau diese Art von niederschwelliger Deutschland-Kunde ist es, die Hamid Farhoudi und Stefan Spatz bei dem Gros der deutschen Fußballvereinen vermissen. Beide haben sich für ihre Diplomarbeiten intensiv mit der Eingliederung von ausländischen Fußballprofis in Deutschland beschäftigt. Und stellvertretend für beide Wissenschaftler kommt Farhoudi zu dem Schluss: "Es gibt kaum Vereine, die ein vernünftiges Programm für die ausländischen Spieler haben. Dabei könnte ein professionelles Integrationsmanagement helfen, Spieler und Klubs glücklicher zu machen."

Farhoudi und Spatz kritisieren insbesondere, dass sich viele Clubs damit begnügten, den Legionären Sprachunterricht zu empfehlen und ihnen eine Wohnung zu besorgen. "Die Arbeit mit den Spielern beruht lediglich auf gesundem Menschenverstand und dem persönlichen Engagement von einzelnen Betreuern", sagt Spatz. "Es fehlt an klaren Strukturen und ausgebildetem Personal. Es mangelt an Professionalität, dabei geben die Vereine doch oft so viel Geld für diese Spieler aus."

Sportliches Wohlbefinden ist wichtig

Auch Spatz weiß: Dieses Geld zahlen die Clubs vor allem dafür, dass der Torjäger aus Afrika oder der Dribbelkünstler aus Brasilien gut Fußball spielt. Und solange das klappt, sind fast immer sowohl der Verein als auch der Profi zufrieden - egal ob es mit dem Deutsch noch hapert oder das Heimweh plagt. Marinus Bester, beim Hamburger SV für die Ausländer zuständig, gesteht klar: "Der wichtigste Faktor bei der Integration ist das sportliche Wohlbefinden. Wenn die Spieler regelmäßig zum Einsatz kommen und dadurch Wertschätzung erfahren, ist alles andere zweitrangig."

Was aber, wenn es genau an diesen Punkten hakt? Was passiert, wenn ein junger Spieler aus Übersee im Leistungstief hängt oder gar schwer verletzt ist und somit auch aus dem Blickfeld der Kollegen rutscht? Der Fall des formschwachen und #link;http://www.stern.de/sport/fussball/breno-zwischen-trage-und-tribuene-1732086.html; langzeitverletzten Breno# scheint ein Extrembeispiel dafür zu sein, welch schlimme Folgen dies haben kann.

Leo Scheikman verfolgt das Schicksal des Brasilianers aufmerksam. Für den Berater von Spitzenfußballern wie Diego, Rafinha oder Grafite sind Spieler wie der Abwehrmann der Bayern in einer sehr schwierigen Situation. "Wer verletzt ist, hat Pech gehabt und ist schnell vergessen. Zudem zahlen die Clubs das Gehalt nur sechs Wochen im Krankheitsfall weiter. Dann müssen Versicherungen einspringen. Breno hat so nur 5000 Euro im Monat bekommen. Davon kann er nicht leben, weil die Jungs aus Brasilien oft ganze Familienstämme finanzieren."

"Integration ist eine Gruppenleistung"

Dieses Problem kennt auch HSV-Mann Bester. Der Kameruner Thimothée Atouba habe mehrere dutzend Personen in seiner Heimat finanziert: "Gesagt hat er nichts, aber man ihm schon angemerkt, dass ihn dass belastet hat." Bester gibt deshalb zu: "Es gibt natürlich eine Hemmschwelle, bei privaten Problemen auf den Verein zuzugehen. Da stoßen wir als Betreuer auch an Grenzen."

Das müsste aber nicht so sein, meint Wissenschaftler Stefan Spatz. Er plädiert dafür, dem gesamten Team, auch den deutschen Spielern, eine Art Crashkurs über die Kultur der jeweiligen Heimatländern zu geben. "So können sie sich gegenseitig besser verstehen und einschätzen. Integration ist nämlich eine Gruppenleistung."

Bestes Beispiel: Elber

Fälle wie Giovane Elber sind selten. Der ehemalige Profi des VFB Stuttgart und des FC Bayern machte aus seiner Liebe zu Deutschland keinen Hehl und pflegt noch heute den Kontakt in die schwäbische Gemeinde Winterbach, wo er in seinen Stuttgarter Tagen lebte. Richard Schrade, 2. Vorsitzender der "Giovanne- Elber-Stiftung": "Natürlich war der Giovanne am Anfang oft alleine und hat stundenlang mit der Familie in Brasilien telefoniert. Aber er hatte den Vorteil, dass er sehr sprachbegabt ist und sofort nett und freundlich auf die Leute zugegangen ist. Nicht umsonst hatte er von Anfang an die Schlüssel seiner Nachbarn und andersrum."

Das war bei Elbers Landsmann Breno nicht so. Der Bayern-Profi hatte seine Situation schon vor einem Jahr richtig eingeschätzt. Da sagte Breno nämlich in einem Interview: "Ich hatte in Brasilien weniger Geld und weniger Luxus, war aber ein glücklicher Mensch. Hier habe ich Geld, aber mir fehlt alles andere." Immerhin: Berater wie Scheikman kennen noch ganz andere Zustände als in der Bundesliga. "Verglichen mit der Ukraine, wo ich bei Donezk mit einigen Brasilianern zusammenarbeite, ist das in der Bundesliga paradiesisch."


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