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Deutschland spielt nur 1:1 gegen Irland: Das Weltmeister-Problem

Die deutsche Nationalelf muss im Herbst 2014 den Preis des WM-Titels zahlen. Beim enttäuschenden 1:1 gegen Irland wurde erneut sichtbar: Es fehlt dem ersatzgeschwächten Team an Frische und Dynamik.

Von Nils Kemter

Sie rissen die Arme in den Abendhimmel von Gelsenkirchen, ließen sich glücklich auf den Boden fallen und liefen jubelnd in die Fankurve. Nein, es waren nicht die Spieler der deutschen Nationalmannschaft die dort an diesem späten Dienstagabend einen Heimsieg bejubeln durften. Wie schon am Samstag in Warschau waren Freudensprünge dem Gegner vorbehalten. Zwar hatte Irland anders als die siegreichen Polen in letzter Sekunde "nur" ein 1:1 (0:0)-Unentschieden gegen das Team von Bundestrainer Joachim Löw geholt, für die Iren war dies jedoch genauso ein gefühlter Sieg, wie für das DFB-Team eine herbe Niederlage.

Drei Monate nach dem Triumph von Rio de Janeiro hat sich beim Weltmeister Ernüchterung breit gemacht. Mit nur vier Punkten aus drei Spielen rangiert Deutschland aktuell nur auf Platz vier der EM-Qualifikationsgruppe D, wäre damit nicht einmal für das Turnier in Frankreich 2016 qualifiziert. "Es war ein schwieriges Spiel, Irland stand mit allen Leuten hinten drin. Wir hätten das Spiel ruhig und kontrolliert zu Ende bringen müssen", versuchte Löw zu erklären, was schwer erklärbar war.

DFB-Elf dominiert, bleibt aber abschlussschwach

Spielerisch blieb die deutsche Elf zwar über weite Strecken glanzlos, dennoch hatte sie das Geschehen auf dem Rasen - wie in Warschau - fest im Griff und blieb geduldig. Die Chancenauswertung jedoch war wieder einmal mangelhaft. Der zuvor kritisierte Außenverteidiger Erik Durm hatte bereits nach fünf Minuten mit einem Lattenkracher aus 32 Minuten für ein Signal gesorgt. Die Abschlussschwäche gegen Polen sollte diesmal mit schnellen Abschlüssen behoben werden. Fast 70 Prozent Ballbesitz verzeichnete der Gastgeber phasenweise, ohne jedoch daraus Kapital zu schlagen. Große Chancen blieben Mangelware, weil die Iren sich darauf beschränkten, mit zwei Viererketten dicht gestaffelt zu verteidigen.

Nach 71 Minuten sorgte Toni Kroos für die vermeintliche Erlösung. Durm hatte toll den eingewechselten Max Kruse eingesetzt, dieser brachte den Ball vor den Strafraum scharf auf Kroos hinein. Der Mittelfeldstratege von Real Madrid zirkelte den Ball an den linken Innenpfosten zum 1:0 hinein. Fußball-Deutschland schien erlöst, Bundestrainer Löw pustete auf der Trainerbank kräftig durch. "Wir haben 1:0 geführt, dann ist das normalerweise ein sicheres Ding", meinte WM-Finaltorschütze Mario Götze.

Sechs Weltmeister sind verletzt

Doch was dann in der Schlussphase geschah, konnten die Beteiligten nur schwer erklären. "In den letzten fünf Minuten spielen wir 20 lange Bälle. Es ist unverständlich, dass wir da nicht die Ruhe bewahren", ärgerte sich Torschütze Kroos, der jedoch zweimal selbst mit leichten Abspielfehlern für Gefahr vor dem eigenen Tor gesorgt hatte. "Ich glaube, in den letzten paar Minuten waren wir naiv", analysierte Coach Löw. "Super ärgerlich", befand DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, was sich in der Schlussminute abgespielt hatte. Als die vierte Minute der Nachspielzeit angebrochen war, durfte Wesley Hoolahan von Götze nicht entscheidend gestört in die Mitte flanken. Vom Strafraumrand konnte Jeff Hendrick den Ball in die Gefahrenzone köpfen, weil Antonio Rüdiger zu weit weg steht. Fünf Meter vor dem Tor drückte John O’Shea den Ball über die Linie, weil Mats Hummels einen Schritt zu spät kam - 1:1.

Von vier Partien nach dem Titelgewinn in Brasilien hat das deutsche Team nur eines gewonnen, ein glanzloser 2:1-Erfolg über Schottland. 2:4 gegen Argentinien im Testspiel, 0:2 in Polen und 1:1 gegen Irland in der EM-Qualifikation - Deutschland plagt das Weltmeister-Problem. Mit Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira, André Schürrle, Christoph Kramer, Benedikt Höwedes und Mesut Özil fehlten gleich sechs Titelträger verletzungsbedingt. Auch Kreativposten Marco Reus befindet sich noch auf dem Weg zum Comeback nach Verletzungspause, Hummels verpasste die ersten Wochen des Saisonstarts und hat noch längst nicht seine WM-Form erreicht.

Hohe Belastung als Erklärung

Die Profis, die am Samstag und Dienstag auf dem Rasen standen kämpfen zudem mit der hohen Belastung nach dem kräfteraubenden Turniersommer. Stimmen, die Belastung mit Bundesliga, Champions League und Nationalelf sei zu hoch, werden laut. Löws Team muss in diesem Herbst deshalb den Preis des Titels zahlen. "Geistige Frische, Tempo, Dynamik und die körperliche Frische fehlen derzeit einfach", gab der Bundestrainer nach Spielschluss zu.

Den Weltmeister zu schlagen, das ist außerdem nun der große Ansporn der vermeintlich kleineren Fußball-Nationen wie Irland oder Polen. Gegen Abwehrbollwerke Lösungen zu finden, darauf muss sich die DFB-Elf künftig häufiger einstellen. Joachim Löw richtete den Blick deshalb bereits wieder nach vorne: "Gegen Gibraltar (14. November in Nürnberg/d. Red.) werden wir jetzt gewinnen und dann bündeln wir alle Kräfte im neuen Jahr." Zuvor hatten die 51.000 Zuschauer auf Schalke die Vorstellung ihrer Vier-Sterne-Helden am Dienstagabend mit einem lautstarken Pfeifkonzert quittiert. Fußball-Deutschland steckt im Weltmeister-Tief.

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