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Kommentar zur WM-Affäre Das feige Schweigen von Franz Beckenbauer


Franz Beckenbauer steht dank eines eindeutigen und belastenden Dokuments im Fokus der WM-Affäre. Dennoch schweigt er. Dabei hat er eigentlich nichts mehr zu verlieren.
Ein Kommentar von Finn Rütten

Franz Beckenbauer hat als Präsident des WM-Organisationskomitees versucht, die Stimme von Ex-Fifa-Funktionär Jack Warner zu kaufen. Das belegt ein Dokument, das dem damaligen Mitentscheider über die WM-Vergabe unter anderem Ticket-Kontingente zum Weiterverkauf zusichert. Dennoch schweigt die einstige Lichtgestalt des deutschen Fußballs. Beckenbauer sollte bei der Aufklärung helfen, stattdessen behindert er sie - aus welchem Grund auch immer. Offenbar scheint er einen der größten Skandale der deutschen Fußballgeschichte - in dem seine Verwicklung nun schriftlich belegt ist - einfach aussitzen zu wollen.

Auch wenn der DFB von "keinen direkten Geldleistungen" spricht, besagte Ticket-Kontingente haben einen finanziellen Wert und sind damit ein Bestechungsversuch. Ob der Vertrag umgesetzt wurde oder nicht, ist völlig unerheblich. Das Papier trägt die Unterschrift von Franz Beckenbauer und beweist seine Nähe zu dem schwer korrupten Warner, der erst kürzlich von der Ethikkommission des Verbands lebenslang gesperrt und als "Drahtzieher von Systemen zur Gewährung, Annahme und zum Empfang verdeckter und illegaler Zahlungen" bezeichnet wurde.

Die DFB-Spitze fordert nun zu Recht Aufklärung von Beckenbauer. Doch der übt sich - wie fast über die gesamte Dauer der Affäre - im Schweigen. Er hat das Dokument unterschrieben, er hat es vermutlich ausgehandelt, er muss mehr darüber wissen. "Aber mit der Unterschrift und mit dem vorformulierten Vertragstext ist es schwierig, da etwas auszuräumen", stellte Liga-Präsident Reinhard Rauball fest. Beckenbauer sagt nichts, weil es nichts zu beschönigen gibt. Tickets sichern und teuer weiter verkaufen war lange Zeit das korrupte Geschäftsmodell von Warner, ehe er aufflog. Auch das Datum des Vertrages, vier Tage vor der WM-Vergabe, lässt wenig Raum für Ausreden.

Beckenbauer äußerte sich bislang kaum

Wie das Dokument ans Tageslicht gekommen ist, verwundert nicht nur den DFB. Über viele Jahre lagerte das brisante Schriftstück anscheinend in einem Verbandsarchiv, wo offenbar niemand weiß, wie man einen Reißwolf bedient. Vielleicht sehen sich Menschen wie Beckenbauer auch einfach generell als unantastbar. Anders ist es schwer nachvollziehbar, warum jemand einen Bestechungsversuch schriftlich fixiert und archivieren lässt.

Was dort im Keller der DFB-Zentrale in Frankfurt noch alles zu finden sein wird, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall legt dieser Vertrag den Verdacht nahe, dass auch an anderer Stelle zumindest versucht wurde, zu bestechen. Weitere Aufklärung könnte nur Beckenbauer selbst bringen, der bislang nicht viel mehr verlauten ließ als: "Es wurden keine Stimmen gekauft, um den Zuschlag für die WM 2006 zu bekommen." Er werde sich nicht weiter äußern, teilte sein Management am 26. Oktober mit, "um die weiteren Befragungen nicht zu beeinträchtigen".

Der DFB hat keine Handhabe gegen Beckenbauer

Dem DFB fehlt der Hebel, um Beckenbauer zum Reden zu zwingen. Er bekleidet kein Amt mehr, weder beim deutschen Verband noch bei der Fifa. Auch strafrechtlich hat er aufgrund von Verjährungsfristen nichts zu befürchten und mit der monierten Steuererklärung hatte er offenbar nichts zu tun. Gerade deshalb müsste er sich eigentlich erklären. Sein öffentliches Ansehen bröckelt ohnehin - ob er spricht oder nicht. Beckenbauer, Dienstagabend bei Sky, wie er über "seinen FC Bayern" schwadroniert - im Moment kaum vorstellbar.

Sich selbst wird er kaum noch helfen können, dem DFB aber könnte er beträchtlich helfen. Er könnte zur restlosen Aufklärung beitragen und damit womöglich dafür sorgen, dass wieder etwas schneller Ruhe einkehrt in Fußball-Deutschland - auch mit Blick auf die Europameisterschaft im kommenden Jahr. Beckenbauer ist zweifelsfrei ein Mann, der sich um den deutschen Fußball verdient gemacht hat, wie es dann immer so schön heißt. Doch würde es ihm wirklich nur um den deutschen Fußball gehen, hätte er sein Schweigen längst gebrochen.


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