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DFB-Team schlägt Belgien: Bereit für alles - wegen Mesut Özil

Die deutsche Nationalmannschaft hat auch das zehnte und letzte EM-Qualifikationsspiel gegen Belgien gewonnen - ein historischer Rekord. Aber der interessiert niemanden mehr, wenn bei der EM nicht die Fortsetzung der Siegesserie folgt.

Von Klaus Bellstedt

Per Mertesacker hatte eine Vorahnung. Deutschlands Innenverteidiger von Arsenal London ließ schon das Abspielen der Nationalhymnen mit einem breiten Grinsen über sich ergehen. Dann, kurz vor dem Anpfiff zum zehnten und letzten EM-Qualifikationsspiel der Nationalmannschaft in Düsseldorf gegen Belgien, buffte und herzte der Ex-Bremer schnell noch die Kollegen. Mertesacker, das war offensichtlich, freute sich wie ein Schnitzel auf dieses Match – weil er ahnte, dass diese Partie für ihn nicht langweilig werden würde. Belgien benötigte schließlich einen Sieg, um sich in Gruppe G hinter dem bereits qualifizierten DFB-Team Platz zwei und damit die Teilnahme an den EM-Playoffs zu sichern.

Die Gäste enttäuschten Mertesacker nicht. Der Defensivspezialist bekam einige Gelegenheiten, sich auszuzeichnen. Mal gelang es, mal weniger. Um es vorwegzunehmen: Die deutsche Nationalmannschaft stellte mit dem zehnten Sieg im zehnten Spiel vor allem deshalb einen neuen historischen Rekord in der DFB-Geschichte auf, weil die Offensive so stark war - nicht etwa weil Joachim Löws Viererkette um das Innenverteidiger-Duo Mertesacker/Hummels so geglänzt hatte.

Rekordvorhaben lähmt das Team zunächst


Müller, Gomez, Neuer, auch Mertesacker: Alle hatten sie vor der Partie gegen Belgien angekündigt, diese Superserie, eine ausschließlich mit Siegen geschmückte Qualifikation, hinzulegen. Die magische Zehn lähmte die Mannschaft von Joachim Löw zunächst. In den Qualifikationsspielen zur EM 2012 in Polen und der Ukraine kam es selten vor, dass die DFB-Elf in einem Heimspiel so sehr in die Defensive gedrängt wurde wie an diesem nass-kalten Herbstabend in der Düsseldorfer Esprit-Arena. Umso höher ist es der Mannschaft anzurechnen, dass sie es in diesem für sie eigentlich ja bedeutungslosen letzten Pflichtspiel des Jahres schaffte, sich noch einmal aufzuraffen, sich dagegenzustemmen und schließlich auch zu brillieren. Dass am Ende dabei sogar ein 3:1 heraussprang, lag vor allem an einem: an Mesut Özil.

Sein Treffer zum 1:0 aus der 30. Minute war das Ereignis des Spiels. Nur ganz wenige Spieler auf der Welt besitzen diese Schusstechnik, um einen Ball aus dem Stand mit einer derartigen Präzision ins Ziel zu steuern. Mesut Özil soll ein begnadeter Zocker an der Spielkonsole sein. In dieser Szene schien es so, als hätte er sich vorgenommen, das irreale Gedaddele vor der Glotze auf dem realen grünen Rasen anzuwenden. Solche Tore fallen nämlich sonst nur auf der Playstation. Die ganze Klasse Özils zeigte sich auch vor dem zweiten Treffer, den der Spielmacher von Real Madrid mit einem genialen Pass (im eigenen Strafraum!) auf Mario Gomez einleitete. Der Stürmer verpackte das Geschenk Özils dann auch noch so klug, dass Andre Schürrle es nur noch auszupacken brauchte und abgezockt den zweiten Treffer für das DFB-Team erzielte (33.). Vor dem 3:0 war es, natürlich, wieder Özil, der den Ball dem späteren Torschützen Mario Gomez in den Lauf beinahe schon streichelte (48.!).

Özil ist unverzichtbar


Beim 3:1-Erfolg in der Türkei durfte Mesut Özil verletzungsbedingt pausieren. Gegen Belgien sah man, wie gut das Mitwirken des 22-Jährigen der deutschen Mannschaft wirklich tut. Mario Götze ist ein toller Spieler. Er ist der kommende Weltklassemann des deutschen Fußballs. Aber aktuell ist es Mesut Özil, der für das Team mit seiner Spielintelligenz und Abschlussstärke unverzichtbar ist. Das gilt gerade auch im Hinblick auf die EM im nächsten Jahr. Nach dem Sieg von Düsseldorf ist die Erwartungshaltung an diese deutsche Mannschaft nämlich noch einmal gestiegen. Manche sprechen bereits vom Minimalziel Endspiel. Andere reden gar vom Titel. Klar ist: Mit diesem Mesut Özil scheint beides möglich - und sogar die derzeitige Übermannschaft aus Spanien schlagbar.

Das Thema Spanien sollte man dem Bundestrainer allerdings besser nicht allzu oft unter die Nase reiben. Nach dem Sieg gegen Belgien reagierte Joachim Löw fast schon allergisch darauf, dabei hatte gar niemand in der Pressekonferenz in den Katakomben der Arena danach gefragt. Trotzdem echauffierte sich Löw: "Es wird immer über das Duell mit Spanien bei der EM gesprochen. Davon möchte ich mich heute ganz offiziell verabschieden", sagte der Coach. "Wer sagt denn überhaupt, dass wir ihnen im Laufe des Turniers über den Weg laufen? Und bitte: Es gibt neben uns und den Spaniern noch Holland, England, Portugal und Frankreich, die als Favoriten auf den Titel in Frage kommen." Dass Löw sein Team in dieser Reihenfolge als Erstes nannte, mag Zufall gewesen sein – aber der Bundestrainer darf das. Weil er selbst am besten weiß, wie stark seine Mannschaft ist. Auch wenn seine Elf sicher schon besser gespielt hatte als beim soliden aber nicht immer begeisternden 3:1 gegen Belgien.

Bei der EM muss die Fortsetzung folgen


Joachim Löw weiß, dass das Ergebnis von Düsseldorf oder der Rekord mit zehn Qualifikationssiegen schon morgen niemanden mehr interessieren wird - wenn bei der EM nicht die Fortsetzung folgt. Und in diese Richtung argumentierte der Bundestrainer auch nach dem Spiel: "Mit jedem Sieg verschafft man sich Respekt. Die anderen Nationen realisieren so etwas", sagte er. Und dann steigerte er sich noch: "Diese deutsche Mannschaft will immer gewinnen." Dass die Erwartungshaltung im Land logischerweise steigt, nimmt Löw in Kauf: "Das ist normal. Wir haben gelernt, damit umzugehen."

Bei allem Lob für sein Team ("zehn Siege in zehn Spielen, was will man mehr?") gab es aber auch ein bisschen versteckte Kritik. Woran denn noch zu arbeiten sei im Hinblick auf das Unternehmen EM-Triumph 2012, wollte ein Fragesteller wissen. "Wir müssen noch an der Stabilität in der Defensive arbeiten", antwortete der Bundestrainer. Das ging dann schon ein bisschen an die Adresse von Per Mertesacker und seiner Kollegen in der Viererkette. Die Umarmung mit seinem Abwehrboss unmittelbar nach Spielende an der Seitenlinie fiel übrigens besonders herzlich aus. Das alles hatte nicht danach ausgesehen, als ob Löw Mertesacker für dessen nicht ganz fehlerfreie Vorstellung die Leviten las. Denn "Merte" tat nach der Zusammenkunft mit seinem Coach das, was er schon vor Beginn der Partie am besten konnte: Er grinste. Das allerdings kann auch daran gelegen haben, dass als nächster Mesut Özil bei seiner persönlichen teaminternen Gratulationstour dran war. Mertesacker und Co., sie alle wissen, was sie an ihrem kleinen Künstler haben.

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