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DFB-Team testet gegen Frankreich: Entspannung pur

Das Länderspiel gegen Frankreich ist der Startschuss für die Mission EM-Titel. Trotz der Absagenflut bleibt Joachim Löw gelassen. Der Bundestrainer vertraut auf die Klasse seines Teams.

Von Klaus Bellstedt, Bremen

Wie sich die Zeiten doch ändern: 2006, ein paar Monate vor der WM im eigenen Land, verlor die deutsche Nationalmannschaft unter der Führung von Jürgen Klinsmann ein Testspiel gegen Italien nach einer erbärmlichen Leistung mit 1:4. Die Fußballnation Deutschland war empört. Das ging sogar soweit, dass Politiker mit dem Gedanken spielten, Radikal-Reformer Klinsmann vor den Sportausschuss des Bundestages zu zerren. Sie forderten eine Erklärung und wollten vom Trainer wissen, wie er sich das denn alles so vorstellt. Das mit der WM.

Am Abend findet in Bremen mit der Partie gegen Frankreich der einzig ernstzunehmende Härtetest vor Beginn der EM in genau 100 Tagen statt. Im Falle einer Niederlage würde dieses Mal gar nichts passieren. Weil das Selbstvertrauen der Nationalmannschaft mittlerweile bis ins Unerschütterliche angewachsen ist. Und: Weil das Team von Joachim Löw nach der famosen WM in Südafrika und einer noch besseren EM-Qualifikation mit zehn Siegen in zehn Spielen auch in der Öffentlichkeit ein enorm hohes Ansehen genießt. Ein Negativerlebnis zum Auftakt des EM-Jahres würde daran nichts ändern. Das sieht auch der Bundestrainer so. "Diese Mannschaft ist nicht abhängig von Ergebnissen", sagt Löw, "wir werden uns daran nicht messen." Seliges Fußball-Deutschland.

Nicht nur einen Spieler für eine Position

Und es ist ja auch gar nicht gesagt, dass es gegen die Franzosen um Franck Ribéry schief gehen wird. Obwohl die Vorraussetzungen besser sein könnten. Wegen der Terminnot traf Joachim Löw wie seine Spieler erst am Montagmittag in Bremen ein. Vor dem Spiel stand am Dienstag lediglich eine einzige gemeinsame Trainingseinheit auf dem Programm. Dazu fehlen feste Größen wie Schweinsteiger, Lahm, Podolski, Mertesacker oder Götze. Dennoch will es der Bundestrainer schaffen, in kürzester Zeit mit teilweise zweitbesten Lösungen auch gegen die wiedererstarkte "Equipe Tricolore" die Rolle des EM-Mitfavoriten zu untermauern. Schon vorher sei es immer wieder gelungen, Personallücken zu schließen, macht der völlig entspannt wirkende Löw in den Tagen von Bremen deutlich: "Das zeigt, dass wir nicht nur einen Spieler für eine Position haben."

Schnell, direkt, elegant. Das ist das Spiel der deutschen Nationalmannschaft. Daran wird sich auch gegen Frankreich vermutlich nichts ändern. Die Nachrücker kennen das System und haben es längst verinnerlicht. Aber was heißt eigentlich Nachrücker? Liest man sich die voraussichtliche Aufstellung durch, kommt einem keineswegs der Gedanke an eine B-Elf: Im defensiven Mittelfeld werden Toni Kroos und Sami Khedira abräumen und aufbauen, davor bietet Löw wie gewohnt eine offensive Dreierkette um Thomas Müller, Mesut Özil sowie André Schürrle auf. Den Angriff bildet logischerweise Interims-Kapitän Miro Klose, dem beim 1:0-Sieg von Lazio Rom gegen den AC Florenz am vergangenen Wochenende wieder einmal ein entscheidendes Tor gelang.

"Ein paar kleine Erkenntnisse"

Auch hinten braucht sich niemand zu sorgen. Das Innenverteidiger-Duo besteht aus Mats Hummels und Holger Badstuber. Und selbst im Tor steht die Mannschaft ohne Manuel Neuer, der von Werders Tim Wiese vertreten wird, erstklassig da. Lediglich die Außenverteidigerpositionen (vermutlich Boateng und Schmelzer) scheinen nicht optimal besetzt. Insgesamt aber, und das macht den Bundestrainer vor dem Duell im Weserstadion auch so gelassen, ist der Pool an außergewöhnlichen Spielern in der Nationalmannschaft scheinbar unerschöpflich.

"Ein Sieg über Frankreich würde uns nicht beflügeln, aber eine Niederlage würde uns auch nicht groß stören", sagt Löw. Es gehe vor allem auch darum, trotz der widrigen Bedingungen "ein paar kleine Erkenntnisse" für das EM-Puzzle zu erhalten. Oliver Bierhoff setzt die Messlatte eine Winzigkeit höher: "Ich hoffe, dass es trotz allem wieder ein gutes Spiel wird, in dem wir die zuletzt gezeigten Tugenden wieder auf den Platz bringen", bemerkt der Teammanager an. Sollte das am Abend gelingen, hätte Löws Team in den vergangenen eineinhalb Jahren England, Argentinien, Brasilien, Holland und Frankreich besiegt. Wenn nicht? (Fast) auch egal.

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