EM 2008 "Verrückt, dreckig und krank"


Deutsch-polnische Krise im Vorfeld des EM-Auftaktspiels: Polnische Medien hetzen gegen die deutsche Mannschaft, dem Trainer des deutschen Gegners ist die Kriegs-Rhetorik nur noch peinlich. stern.de hat sich bei den Polen umgehört und festgestellt: Die Nerven liegen blank.
Von Frank Hellmann, Bad Waltersdorf

Eine Frage auf Deutsch? Jacek Krzynowek zog die Augenbrauen hoch. Natürlich hätte der Fußball-Profi in der Sprache seiner Wahlheimat antworten können. Seit 1999 wohnt der polnische Kraftprotz in Deutschland, er hat für den 1. FC Nürnberg, Bayer Leverkusen gespielt und ist aktuell beim VfL Wolfsburg angestellt. Doch der 31-Jährige entschied sich nach einem kurzen Blick zu Leo Beenhakker für sichere Variante. Also lieber auf Polnisch. Denn die Causa war brisant – so heiß, dass jedes falsche Wort auf der offiziellen Pressekonferenz in der umfunktionierten Tennishalle des Thermendorfes Bad Waltersdorf die deutsch-polnischen Beziehungen weiter hätte belasten können.

"Fußball ist Sport und nicht Krieg. Und wir schauen nicht zurück, nicht auf 2006, nicht 15 oder 20 Jahre in die Vergangenheit," meint Krzynowek. Neben ihm hat Leo Beenhakker schon Worte gesprochen, die keinen Zweifel lassen: Die Entourage der polnischen Auswahl will nichts mit den Massenblättern in Polen zu tun haben, die fragwürdige Hetze vor dem Spiel gegen Deutschland betreiben.

"Ich spreche im Namen vieler Polen und des gesamten Teams: Was auf den Titelseiten dieser Zeitungen war, war eine furchtbare Fotomontage. Diese Leute sind verrückt, dreckig und krank." Beenhakker strich sein schlohweißes Haar nach hinten, lehnte sich vor und betonte: "So wollen wir unser Land bei der Euro 2008 nicht repräsentieren."

Deutlicher kann die persönliche Distanz zu törichter Hetze kaum ausfallen. Damit kam der Niederländer auch den Forderungen von Botschaftern, Politikern oder der Uefa nach, die allesamt Entschuldigungen eingefordert hatten. Beenhakker ist entsetzt gewesen, nachdem er Zeitungen seiner Wahlheimat in die Hände bekam. "Super Express" und "Fakt", die konkurrierenden Massenblätter, hatten geschmacklose Angriffe auf die Deutschen gestartet; Pickelhauben, Schwerter und abgeschlagene Köpfe abgebildet und Kriegsgeheul angestimmt.

"Super Express" hatte eine Fotomontage abgedruckt, auf der Beenhakker die abgetrennten Köpfe von DFB-Kapitän Michael Ballack und Bundestrainer Joachim Löw in den Händen hält. Die Überschrift lautete: "Leo, bring uns ihre Köpfe". Am Donnerstag legte das Blatt nochmals nach: "Deutsche, wir werden Euch aufessen - wie immer", prangte auf dem Titel.

Die Reaktionen folgten prompt – und brachten die polnische Delegation ausgerechnet in der verregneten Idylle der Steiermark in einen merkwürdigen Erklärungsnotstand. Sich nämlich zu rechtfertigen für etwas, das sie gar nicht verbrochen hatten. Die Uefa schaltete sich ebenso ein wie die Politik inklusive Marek Prawda, der polnische Botschafter, der von „idiotischer Geschmacklosigkeit“ sprach. Das sei "ein einziger Skandal, absolut unterirdisch", sagte der Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, Peter Danckert. "Ich hoffe, dass die polnische Regierung angemessen darauf reagiert."

Der FDP-Sportpolitiker Detlef Parr erklärte, er werde die "Geschmacklosigkeit" beim Besuch des Sportausschusses am 10. Juni in Warschau zur Sprache bringen. Am Montag hatte "Fakt" ebenfalls auf historische Vergleiche gesetzt und an Beenhakker appelliert: "Leo, wiederhol' Grunwald."

Die Kritisierten blieben unbelehrbar: "Fakt" warnte nun vor einer deutsch-österreichischen Verschwörung auf Kosten Polens: "Unsere Gegner machen keinen Hehl daraus, dass sie sich auf das Ergebnis ihres Spiel einigen könnten." Wenn Österreich im Spiel gegen Polen einen Sieg brauche und Deutschland bereits den Aufstieg in der Tasche habe, würde Deutschland das Spiel ganz einfach verkaufen. Belege dafür fehlen. Natürlich.

Und damit lösten die Blätter auch Bestürzung in Südösterreich aus, wo das Gros der Berichterstatter sich von den (Krawall)-Kollegen distanzierte. "Wir sind davon alle betroffen", sage Michael Szadkowski aus Warschau, Redakteur bei Gazetta Wyborcze, eine der angesehenen seriösen Zeitungen. "So etwas gibt nicht unsere Meinung und nicht die Meinung der Bevölkerung wieder." Aber was hilft das? Mit antideutschen Kampagnen lässt sich offenbar nicht nur in England gut Kasse machen. Und wie bedenklich ist es, wenn Fakt, ein in Händen des Axel-Springer-Verlages befindliches Blatt, nächsten Tag aus demselben Hause die Retourkutsche erhält? "EM-Krieg gegen uns", titelte die Bild am Donnerstag.

Doch gewisse Animositäten scheinen auch in der polnischen Auswahl tief verankert. Nicht alle sind so medienerprobt wie Krzynowek. Sonst hätte Ersatzspieler Marek Saganowski nicht gegenüber der Zeitung "Dziennik" gehetzt: "Dieser deutsche Panzer stört mich nicht. Ich werde gern mit ihm zusammenstoßen." Und der 29-Jährige sagte dort auch: "Dieser deutsche Panzer hat einen Dieselmotor. Er braucht viel Anlaufzeit. Deshalb ist es ideal, dass wir schon das erste Spiel gegen Deutschland spielen."

Eines immerhin hatte auch der Profi des FC Southampton registriert: "Vergessen wir nicht, dass es am Sonntag nicht zu einem Krieg, sondern zu einem Sportwettkampf kommen wird." Das ist auch Beenhakkers vordergründige Botschaft; der aus Rotterdam stammende Fußball-Lehrer kann über so viel Schlichtheit grundsätzlich nur den Kopf schütteln, auch wenn er nur Englisch mit seinen Spielern spricht und daher nicht alles versteht, was rund um ihn herum alles von sich gegeben wird. Aber eigentlich ist man bei ihm damit an der falschen Adresse. Der Weltenbummler bediente sich lieber seines reichen Erfahrungsschatzes, um auf das Spiel gegen einen Gegner einzustimmen, den Polen in 15 Vergleichen noch nie besiegt hat. "Wir wissen, was wir können. Und wir können sehr gut sein." Und nur weil es jetzt gegen Deutschland gehe, "werde ich unseren Weg und unsere Philosophie nicht verlassen."

Viele im Umfeld des Teams sind überzeugt, dass allein dies die Mittel sind, um Stärke zu zeigen und die Deutschen erstmals zu schlagen. In 15 Länderspielen stehen für Polen vier Unentschieden zu Buche. Und elf – teilweise schmerzliche – Niederlagen. Vor allem das 0:1 bei der WM 1974 in der Wasserschlacht von Frankfurt ist unvergessen, das 0:1 bei der WM 2006 in Dortmund fast ähnlich legendär. Tomasz Hajto, der frühere Kapitän, mit 35 der Kopf bei Gornik Zabrze, glaubt, dass die Zeit reif ist, "Deutschland zu bezwingen." Hajto: "Seit 20 Jahren ist es doch immer das Gleiche: Die erste Halbzeit sind die Deutschen schlecht. Dann stehen sie unter Druck und drehen das Spiel." Als Experte des polnischen Pay-TV-Senders Polsat hat er viel Vertrauen ins aktuelle Ensemble: "In der ersten Halbzeit, wenn die Deutschen schlecht sind, schießen wir drei Tore." Das ist ein guter Rat. Ein besserer als jener gewisser Blattmacher.


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