Deutschland - Polen So will Polen die Deutschen schlagen


Polens Trainer Leo Beenhakker hat alle Hände voll zu tun. Die Hass-Schlagzeilen der letzten Tage haben Unruhe in sein Team gebracht. Und der Ausfall eines wichtigen Spielers wirft sein gesamtes taktisches Konzept über den Haufen.
Von Oliver Trust

Es scheint in diesen Tagen keine guten Nachrichten in Bad Waltersdorf zu geben. Störende Hubschrauber über dem Trainingsplatz, nervender Dauerregen oder dümmliche Fotomontagen der polnischen Zeitungen, die zu einem diplomatischen Konflikt aufgeblasen werden, was fast ähnlich lächerlich wirkt - die Bandbreite der störenden Einflüsse ist lang. Leo Beenhakker will sich mit dem ganzen Medientheater gar nicht beschäftigen, obwohl es ihm auf den Wecker geht. "Wir haben hier doch etwas anderes zu tun", schimpfte er. Zum Beispiel am Sonntag gegen Deutschland zu spielen.

Und selbst da gibt es neue Rückschläge. Zuerst schien sich das Lager der Müden und Kranken bei den Polen zu lichten. Jakub Blaszczykowski von Borussia Dortmund hieß es, könne im ersten Spiel trotz aller Zweifel mitwirken. Nun hat sich der 22-Jährige erneut verletzt und fällt für das gesamte EM-Turnier aus. Bitter für Beenhakker, der aber seine Taktik nicht ändern wird.

Es ist eine Art 4-2-3-1 System. Lukasz Piszczek (26) von Hertha BSC rückt nun in den Kader auf. "Kuba wäre eine Verstärkung gewesen, so aber müssen wir ohne ihn auskommen", sagt Beenhakker, der auf ein starkes Flügelspiel in Kombination mit defensiven Mittelfeldspielern setzt, um sein System aus der Fußballschule von Ajax Amsterdam umzusetzen.

Rummel um Guerreiro

Auf der linken Seite wird Jacek Krzynowek Dampf machen. Nachdem der 22 Jahre alte Blaszczykowski ausfällt, könnte auch Stürmer Wojciech Lobodzinksi aus Krakau eine Alternative sein. Für Krzynowek und für Piszczek (mit Abstrichen) spricht allerdings ihre Deutschland-Erfahrung.

Der eingebürgerte Brasilianer Roger Guerreiro ist die Geheimwaffe. Der 26-Jährige gilt als "Ballack" der Polen, ist aber nicht unumstritten. Im Dezember 2005 ist der Südamerikaner nach Warschau gekommen. Davor hatte er, abgesehen von einem kurzen Intermezzo bei Celta Vigo, durchweg bei Vereinen in seiner Heimat gespielt. In der polnischen Ekstraklasa sorgte Roger schnell für Furore. Auf Drängen Beenhakkers "umdribbelte" man sogar polnisches Recht.

Demnach muss nämlich ein Einbürgerungskandidat fünf Jahre lang in Polen gemeldet sein, ehe er die Staatsbürgerschaft erhält. Für Roger machten die Osteuropäer eine Ausnahme, was nicht jeder in Polen mit Beifall bedachte. Die Fans entrollten bei einem Heimspiel der "Kadra" ein Transparent mit der Aufschrift "Du wirst nie ein echter Pole sein". Beenhakker war sauer. "Die Welt hat sich geändert und es ist an der Zeit, dass das alle realisieren", so der Niederländer.

Trotzdem: Roger spricht kaum polnisch, was seine Integration nicht besonders fördert und ihn wohl erst einmal zu einem Kandidaten für die Bank macht.

Artur Boruc sorgt für Ordnung

"Hinter" den beiden zentralen Defensiven werden Dariusz Dudka (Krakau) und Mariusz Lewandowski (Schachtjor Donzek) als Abfangjäger spielen. Auch ihnen hat Beenhakker vermittelt, dass an erster Stelle die Ballkontrolle steht. Sie sind aber auch die ersten, die neue Angriffe einleiten und Bälle auf die Flügel verlagern sollen. Mit ihrer Erfahrung steuern sie das Tempo des polnischen Spiels.

Die Polen pflegen ein modernes Kurzpass-Spiel und gehen aggressiv an die Rückeroberung des Balles. Immerhin räumten sie in ihrer Qualifikationsgruppe Serbien und Belgien aus dem Weg und landeten vor Portugal. Dabei schossen sie in 14 Spielen 24 Tore und kassierten "nur" zwölf. Durch Beenhakkers neue Ordnung ist das Spiel der Polen stabiler geworden. Dazu ist Torwart Artur Boruc von Celtic Glasgow (dort ist er Teamkollege von Andreas Hinkel) ein erfahrener Mann auf der Linie, der das moderne Torwartspiel beherrscht.

Rechtzeitig meldete sich auch Michal Zewlakow von Olympiakos Piräus für die Viererkette als rechter Innenverteidiger zurück. Links muss Grzegorz Bronowicki (Roter Stern Belgrad) ersetzt werden, den Pawel Golanski (Steaua Bukarest) vertreten dürfte.

Die Hoffnung im Sturm ruht auf Smolarek

Vorne im Sturm der "Kadra" gibt es zu Ebi Smolarek keine Alternative. Der ehemalige Dortmunder genießt den Status eines Volkshelden, nachdem er in der Qualifikation neun Tore erzielte und Polen quasi im Alleingang zur Euro schoss. "Die Mannschaft ist reifer geworden", sagt Beenhakker. "Wir sind uns dieser Negativ-Serie bewusst und wirklich zuversichtlich, dass sie nun ein Ende findet", sagt Beenhakker. Smolarek wird durch Maciej Zurawski von AE Larisa unterstützt.

So selbstbewusst die Polen vor dem Duell gegen Deutschland auch klingen, sie leiden unter mangelnder internationaler Erfahrung. "Wir müssen hier viel tun, um ein internationales Niveau zu erreichen", predigte Beenhakker die gesamte Vorbereitungsphase über. "Wir haben lange Zeit gebraucht, um erst einmal alle Spieler auf ein gemeinsames Niveau zu bringen. Lange hatten wir hier kein Training, was den Teamgeist förderte". Man habe gut gearbeitet und könne den Deutschen nun auf Augenhöhe begegnen.


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