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EM-Fernsehkritik, Tag 2: Euphorie und leichtes Abseits beim ZDF

Nach einem eher gespenstischen Eröffnungsabend kam die Party im ZDF-EM-Studio mit dem Auftritt der deutschen Mannschaft richtig in Gang. Jürgen Klopp brauchte keine 20 Minuten, um nach dem deutschen Sieg gegen Polen auf Fehlersuche zu gehen - und Kommentator Bela Réthy lief ins "leichte Abseits".

Von Björn Erichsen

Es ist vollbracht. Der erste Sieg der deutschen Mannschaft bei der Europameisterschaft. Und schon ist sie wieder da: die Fußballeuphorie. Hupende Autos, gröhlende Menschenmengen in den Innenstädten, Jubelorgien und Knutschereien in den Fanzonen. Es gab fast nur schöne Euro-Bilder am Sonntag. Von den Hooligans in Klagenfurt vielleicht mal abgesehen. Die sollten, anstatt Randale zu machen, lieber Jogi Löw zu hören: Nach dem Sieg seiner Mannschaft rät der baldige Meistermacher nämlich: "Cool bleiben" und "down to earth".

Nach einem eher gespenstischen Eröffnungsabend kam auch die Party im ZDF-EM-Studio mit dem Auftritt der deutschen Mannschaft richtig in Gang. Knapp 5000 Fans begleiteten die Analysen von Kerner, Klopp und Meier minutenlang mit einem kräftigen Sha-lalala-la. Bei der Leistung von Jogis Jungs waren sich die Experten einig: Hoch verdienter Sieg, guter EM-Auftakt, prächtig für das Selbstbewusstsein. Bewundernswert, dass Moderator Kerner immer zur rechten Zeit die richtige Statistik parat hat: "Jedes Mal, wenn eine deutsche Mannschaft das Eröffnungsspiel gewonnen hat, ist sie Europameister geworden", verkündete er und der Jubel wurde noch mal größer.

Klopp frönte einer deutschen Tugend

Einer anderen deutschen Tugend frönte Jürgen Klopp, kaum 20 Minuten nach Spielende: Fehlersuchen. Denn: "Das perfekte Fußballspiel gibt es nicht!" Die Mannschaft habe vor dem zweiten Tor zu tief gestanden, befand Klopp und machte bei Marcel Janssen Schwäche in der Defensive aus. "Er braucht Hilfe!", womit Klopp Unterstützung von Lukas Podolski aus dem Mittelfeld meinte. Kerner dagegen war sichtlich um Harmonie bemüht. Doch Klopp legte noch mal nach mit seiner Kritik am deutschen Team: "Die Mannschaft hat sich großen Raum für Steigerungen gelassen. Das wird auch notwendig sein, das werden wir auch brauchen."

Vom ersten deutschen Tor - haarscharf Abseits und daher irregulär - redete da schon längst keiner mehr. Außer Trainer Leo Benhakker im Interview mit Michael Steinbrecher und ein paar Millionen Polen vielleicht. Aber Tatsachenentscheidung ist nun mal Tatsachenentscheidung. Man gibt es dennoch nicht gern zu. So wie Spiel-Kommentator Béla Réthy, der sich bei Superzeitlupe Nummer vier geradezu rührend zerknirscht an die unangenehme Wahrheit heranpirschte. "So, da kommt das Zuspiel. Leichtes Abseits. Wenn man da zweimal hinguckt. Das Bein, das linke Bein von Klose war im Abseits. Und Körperteile mit, denen man Tore erzielen kann, die zählen. Nehmen wir es so hin, es war so knapp. Und im Zweifel für den Angreifer, lautet eine Anordnung der Fifa. Es waren Millimeter. Aber Abseits." So, jetzt ist es raus.

Bela Réthy ist kein Freund von Jens Lehmann

Zum erweiterten Freundeskreis von Jens Lehmann zählt Réthy sicher nicht. Gleich mehrere Male kritisierte er den Nationaltorwart recht heftig und schlug in die ohnehin schon breite Kerbe mit dem "Sicherheitsrisiko". "Auffällig bei Lehmann ist, dass er zu Beginn seine Fehler macht. Er hat heute schon zwei auf seinem Konto", sagte er und meinte damit zwei folgenlose Unsicherheiten von Lehmann. Am Ende attestierte er ihm aber fair "eine tadellose Leistung in der zweiten Halbzeit." Über seine spontane Einsicht "Jens Lehmann hat während des Spiels Spielpraxis sammeln können" musste er selber schmunzeln.

Vorher bot Wolf-Dieter Poschmann dem Zuschauer seine ganze Kommentatorenkunst. "Rot und weiß. Ein Traum, ein Meer. Nur wer gehört zu wem? Und wer drückt wem die Daumen?", grübelte er zu Beginn des Spiels zwischen Österreich und Kroatien. In der zweiten Halbzeit hatte er sich entschieden: "Leute, das muss schneller gehen", feuerte er den EM-Gastgeber offen an, keine Ösi-Großchancen ohne Poschmanns langes "Jaaa". Bei den Kroaten wurden Chancen lediglich festgestellt: "Das war jetzt gefährlich." So wie das Spiel lief – aufopferungsvoll kämpfende Österreicher, mauernde Kroaten – wohl die richtige Entscheidung, journalistische Neutralität hin oder her. Auch die Zuschauer haben sicher mit den Österreichern gefiebert.

Poschmann hasst Redepausen

Bei Poschmann, inzwischen seit 22 Jahren beim ZDF, weiß der Zuschauer, was er bekommt: Mit Sicherheit wird irgendwann im Laufe eines Spiels ein "Raunen durchs Stadion" gehen, so wie am Sonntag als der Wiener Publikumsliebling Ivica Vastic eingewechselt wurde. Man kann sich auch darauf verlassen, dass beim Dino des Zweiten, Gegentore "auch noch richtig weh" tun und Fernschüsse ein untrügliches "Anzeichen von Hilflosigkeit" sind. Beim frühen Führungstor der Kroaten verkniff er sich den "Auftakt nach Maß". Und so wurde es eben "ein Auftakt, wie man ihn nicht besser haben könnte."

Schlimm ist das nicht. Dass Fußballgucken mit Poschmann bisweilen etwas schwierig ist, liegt aber eher daran, dass er unentwegt redet. Seine Kollegen Wark und Rethy beherrschen die Kunst der kleinen Pause, lassen das Publikum auch mal für eine Minute mit dem Spiel allein. Poschmann dagegen hasst das Schweigen im Äther. Gelegentlich sind seine Ausführungen ganz interessant, doch er redet eben auch, wenn auf dem Platz rein gar nichts geschieht. Seit Sonntag wissen die Fernsehzuschauer daher einiges mehr über den Saisonverlauf des SC Braga (Portugal). Und hätten Sie gedacht, dass der Österreicher Martin Stranzl noch niemals für einen österreichischen Club gespielt hat?

Alles in allem ein guter EM-Tag. Ein schöner Sieg, die Stimmung hat gezündet. Poschmann und die anderen ZDF-Leute können jetzt kurz durchatmen, an den nächsten beiden Tagen gibt das ARD-Team mit dem Doppelpärchen Gerhard Delling/Günter Netzer und Reinhold Beckmann/Mehmet Scholl seinen Euro-Einstand.

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