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EM-Fernsehkritik, Tag 3: Schwächen in der Nachspielzeit

Delling/Netzer statt Kerner, Klopp und Meier: Der gestrige Spieltag markierte den Einstieg der ARD in die EM-Berichterstattung. Reporter wie Kommentatoren hinterließen dabei einen soliden Eindruck - nur die humoristische Aufbereitung im Anschluss bereitete Schmerzen

Von Peter Luley

Mit dem Auftaktsieg von Poldi und Co. im Rücken gemütlich die Konkurrenten aus der sogenannten "Todesgruppe" C betrachten - so lautete aus deutscher Sicht die Prämisse für den dritten Spieltag der Europameisterschaft. Dass statt des ZDF-Bodensee-Trios Kerner, Klopp und Meier die ARD-Institutionen Gerhard Delling und Günter Netzer die Einordnung des Topspiels Niederlande - Italien vornehmen würden, passte zu diesem Szenario: sezierende Logen-Analyse statt folkloristischer Fanmeilen-Euphorie.

Auf einen emotional etwas ruhigeren Abend war man also eingestellt - wenn er auch nicht ganz so ruhig hätte beginnen müssen, wie sich die 18-Uhr-Begegnung Rumänien - Frankreich gestaltete. Das müde 0:0 des Vizeweltmeisters gegen den Außenseiter bedeutete einen schleppenden Einstieg und eine veritable Bewährungsprobe für Kommentator Tom Bartels und das neue ARD-Analyse-Gespann Reinhold Beckmann und Mehmet Scholl.

Der Punch nach vorne hat gefehlt

Letzterer, der markig kahl geschorene Ex-Bayern-Profi, konnte natürlich nichts dafür, dass der fußballerische Offenbarungseid der Équipe tricolore einen beinahe ins Wachkoma versetzte: Mit Empathie beklagte Scholl die seiner Meinung nach falsche Positionierung Ribérys ("es tut mir halt Leid, wenn der Franck da rechts so verhungert") und übte beherzt Kritik an dessen Mannschaftskollege Florent Malouda ("spielt, als hätte er die Fersen vorne"). Seiner Halbzeit-Einschätzung, ein "taktisch interessantes" Spiel gesehen zu haben, mochte man sich trotzdem nur bedingt anschließen - bei allem gebotenen Respekt für gut eingestellte Defensiv-Kollektive.

Bis Scholl womöglich in die Netzer-Rolle hineinwächst und er mit Beckmann die Grandezza des Duos Netzer-Delling erreicht, müssen beide sicher noch ein Weilchen üben. Bartels indes gebührte das Verdienst, die einzige Überraschung des torlosen Unentschiedens korrekt benannt zu haben: "Die Fantasielosigkeit der Franzosen überrascht durchaus." Auch seiner Schluss-Analyse konnte man zustimmen: "Die Franzosen hatten den Sieg nicht verdient, weil ihnen der Punch nach vorne gefehlt hat."

Van Nistelroy ist der bessere Italiener

"Spielschulden sind Ehrenschulden, wer wüsste das besser als Günter Netzer", begrüßte dann gewohnt Gentleman-like - und in Anspielung auf die schlechte Länderspielbilanz der Niederlande gegen Italien - Gerhard Delling seinen Widerpart. Und der wusste bei aller ritualisierten Neckerei immerhin ein sich später bestätigendes Wort des italienischen Trainers Donadoni beizutragen, wonach die italienische Mannschaft "technisch nicht in der Lage" sei, mit dem modernen Spitzen-Fußball mitzuhalten.

Reporter Steffen Simon machte einen guten Job. Zwar ist auch er nicht gegen Nullsummen-Sätze gefeit wie "Ein besseres Italien hätte daraus mehr gemacht". Aber er erklärt nicht jede aufgebauschte Zeitlupe, und beim kuriosen 1:0 der Niederländer durch Ruud van Nistelrooy, das aus abseitsverdächtiger Position erzielt wurde, hatte er schnell die entsprechende Regel parat. Erfrischend wirkte allerdings auch Netzer in der Halbzeit, der freimütig gestand, diese Regel sei "an ihm vorbeigegangen".

Polsters Fußballwalzer

Die weitere Party in Oranje stellte dann außer der Squadra Azzurra keinen mehr vor Probleme. "Ich hab' Sie zu wenig beschimpft heute", machte Netzer gegenüber Delling als einzigen Fehler geltend - nun ja, erträglicher Populismus. Richtig schlimm wurde es erst, als die ARD aus Bern nach Wien schaltete: zu "Waldis EM-Club" mit den Ex-Kickern Toni Polster und Hansi Müller sowie dem Kabarettisten Urban Priol. Da schlug die Stunde des Stammtischniveaus, der Nationalitätenklischees und der Autowitze - und die ebenfalls schreckliche ZDF-"Nachgetreten"-Runde um Ingolf Lück, Mike Krüger und Oliver Welke bekam ebenbürtige Konkurrenz.

Waldemar Hartmann bemühte das Rudi-Carrell-Zitat, wonach den Deutschen ein Holländer im Fernsehen lieber sei als 1000 Wohnwagen auf der Autobahn; Polster erklärte, Österreich wolle den Polen alsbald "was klauen", was entsprechende Kalauer inspirierte; und auf die Anekdote, Italiens im Training verletzter Abwehrchef Cannavaro habe dem Kollegen, der ihn gefoult habe, aus Wut die Auto-Scheibe zerkratzt, entgegnete Hansi Müller, das sei ihm in Italien auch ohne Foulspiel widerfahren.

Priol steuerte darüber hinaus den Wortwitz bei, es könne kein Zufall sein, dass so ein Jammer-Land wie Deutschland ausgerechnet in Klagenfurt erfolgreich gewesen sei. Dazu erklang zuverlässig das meckernde Lachen Polsters, der mit "Córdoba '78"-Aufdruck auf dem Ärmel seines Sweatshirts erschienen war. Wo ist eigentlich Oliver Pocher, wenn man ihn wirklich braucht?

Am Ende wurde ein "Fußballwalzer" von Polster eingespielt und auf die morgige Ausgabe verwiesen: mit Michael Rummenigge, Jörg Kachelmann und Django Asül. Zum Glück wird erst wieder Fußball gespielt.

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