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EM-Fernsehkritik, Tag 9: Für Urs Meier ist bald Schluss. Endlich

Das meiste, was ZDF-Experte Urs Meier sagt, hätten wir uns auch selber denken können. Besonders haarig wird es, wenn der ehemalige Schiedsrichter die Tabellenkonstellation erklären soll - und immer wieder auf ganzer Linie scheitert.

Von Mark Stöhr

Schlussendlich ist die Schweiz raus. Das stand schon nach vier EM-Tagen fest. Thomas Wark, Kommentator der bedeutungslosen Partie Schweiz gegen Portugal im noch bedeutungsloseren ZDFinfokanal gestern, fand für das frühe Ausscheiden der Eidgenossen ein rührendes Bild: "Das ist, wie wenn sich ein kleiner Junge aufs Weihnachtsfest freut, und dann fällt es aus irgendwelchen Gründen aus." Schlussendlich könnte uns das missglückte "Sommermärli" der Gastgeber herzlich egal sein, wenn sich im ZDF-Expertenteam von Johannes B. Kerner nicht ein Schweizer befände: Urs Meier.

"Schlussendlich" ist die Lieblingsfloskel des ehemaligen Schiedsrichters, der im Kanton Aargau ein Küchengeschäft namens "Mundart" betreibt. Er ist der Mann für die strittigen Regelauslegungen und beendet seine hastigen Ausführungen über das Für und Wider eines gegebenen oder nicht-gegebenen Elfmeters gerne mit dem Satz: "Schlussendlich hat der Schiedsrichter so entschieden".

Dabei zieht er die Schultern bis zu den Ohren hoch und presst das Mikro ganz eng an seinen Körper. Das Meiste von dem, was Urs Meier sagt, hätten wir uns schlussendlich auch selber denken können.

Meyer kann den beiden Schnellsprechern nur mühsam folgen

Das ZDF hat dem Schweizer TV-Supervisor über die letzten Wahrheiten des Fußballs innerhalb seiner EM-Berichterstattung ein eigenes Format geschenkt: den "RegelkURS". Schon allein für diesen Kalauer hätte der verantwortliche Redakteur eine Woche Zwangsurlaub verdient.

Beim "RegelkURS" steht Urs Meier in einer Animationslandschaft und erklärt allen Fußball-Novizen vor den Plasmabildschirmen zu Hause die wichtigsten Regeln des Spiels. Beim direkten Freistoß darf der Schütze direkt aufs Tor schießen, beim indirekten schlussendlich nicht. Meier genießt sichtlich die einsame, virtuelle Bühne fernab der beiden Schnellsprecher Klopp und Kerner, denen er oft nur mühsam folgen kann.

Manchmal wirkt er, als würde er gerne noch während der Sendung in ein Boot steigen, durch die Bregenzer Bucht auf die andere Seeseite paddeln und die Schweizer Schwäne aus dem Schlaf pfeifen. So richtig doll laut und allein nach seinen eigenen Regeln.

Gestern wurde zum Abschluss der Gruppenphase im völlig verregneten ZDF-Dome Bilanz gezogen. Studienrat Kerner rief wie immer erst seinen Lieblingsschüler Klopp auf und danach erst den Sitzenbleiber Meier. Der diagnostizierte eine "Europameisterschaft der Stürmer" und fühlte sich auf die fragenden Blicke seiner Kollegen hin zu einer Konkretisierung bemüßigt: "Die Stürmer sind wahnsinnig gut drauf." Damit konnten alle etwas anfangen.

Vielleicht darf er jetzt mit an den Kantinentisch

Beim Thema "Flatterball", ein viel diskutiertes Politikum im Vorfeld, wurde der sonst so zurückhaltende Schweizer geradezu emotional: "Der Ball flattert nicht, die Nerven der Torhüter flattern nicht - schlussendlich flattert da gar nichts."

Außer seine Stimme. Und die bekam gar etwas Kreischendes, als ihm ein wirklich gelungener - natürlich unfreiwilliger - Scherz gelang. Nach einem Interview mit dem eidgenössischen Coach Köbi Kuhn wußte Meier zu berichten, dass der sympathische Trainer 2006 zum "Schweizer des Jahres" gewählt worden sei - und fügte hinzu: "‘Schweizer des Jahres‘ wird man nicht nur so. Da muss man schon Schweizer sein."

Kerner kippte vor Lachen fast hinterrücks ins Wasser und Klopp tätschelte Meier anerkennend die Schulter. Vielleicht darf er jetzt demnächst in der Kantine mit den beiden an einem Tisch sitzen.

Davor und danach: Córdoba, Córdoba

Am Vorabend des Spiels der Spiele interessierte die Partie der Türken gegen die Tschechen erwartungsgemäß nur am Rande. Bela Rethy führte im Rahmen seiner Möglichkeiten durch die 90 Minuten ("Jetzt kommt Colin Kazim rein. Im East End von London geboren, die Mutter zypriotische Türkin, der Vater von Antigua. Glühender Arsenal-Fan. Offensivstark"), davor und danach: Córdoba, Córdoba, Córdoba. Hans Krankl schoss, Edi Finger schrie. Die Pausen zwischen den Spielen bei so einem Turnier können echt lang sein.

Das Training der deutschen Elf wurde fast die vom DFB zugestandene Viertelstunde lang live übertragen, Ballacks und Löws markige Kampfansagen aus der gestrigen Pressekonferenz zogen sich als immer wiederkehrendes Mantra durch den gesamten Abend. Eine Schaltung ins Wiener ORF-Studio, wo Herbert Prohaska, einer der österreichischen Helden von - natürlich - Córdoba, und Toni Polster warteten, erbrachte die üblichen nationalen Neckereien und einige unangebrachte Schleimereien (Klopp: "Die Österreicher haben sich toll entwickelt während der EM").

Und dann musste Urs Meier das machen, woran er schon zwei Tage davor auf ganzer Linie gescheitert war: die Tabellenkonstellation der deutschen Gruppe analysieren. Wieder warf er alle Punkte und Positionen durcheinander und verstrickte sich in Widersprüchen. Sein Fazit: Kroatien ist durch, Deutschland braucht ein Unentschieden. Das tuscheln sich inzwischen schon Einjährige in der Krabbelgruppe zu. Aber es gibt Hoffnung für den Schweizer: Nach der EM ist für ihn beim ZDF Schluss. Endlich.

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