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Empfang der DFB-Elf: Die beliebtesten Verlierer der Welt

Es war wieder Sommermärchen: Etwa 150.000 Menschen jubelten Jogi Löws Mannschaft bei ihrem Schaulaufen nach der EM auf der Berliner Fanmeile zu. Nur einer der Spieler sorgte für einen kurzen Moment der Sentimentalität - er schloss seinen Rücktritt aus der Nationalelf nicht aus.

Von Sebastian Christ, Berlin

Auf der Berliner Fanmeile sind alle vorderen Plätze belegt. Es gibt kein Vorwärts und kein Rückwärts mehr, nur noch Schwitzen, Tanzen, Singen und Rufen. Eine etwas fülligere junge Frau gerät in Wallung. "Ballack, Du geiles Stück!", schreit sie dem Kapitän der Nationalmannschaft zu, der gerade dabei ist, gelbe Lederbälle ins Publikum zu schießen. Einer verfehlt die junge Frau nur um wenige Meter. Ihr Blick ist angriffslustig.

Knapp 150.000 Menschen waren vor das Brandenburger Tor gekommen, um die Nationalmannschaft nach ihrer Rückkehr vom EM-Finale in Wien zu empfangen. Die meisten von ihnen waren Schüler und Studenten. Einige Schulen hatten heute ab dem späten Vormittag nationalmannschaftsfrei gegeben. Schon gegen halb eins tanzten junge Mädchen vor der Bühne, während die männlichen Kollegen Fahnen schwenkten und die Sängerinnen im Vorprogramm mit vollkommen berechtigter Häme belegten.

Da gab es zum Beispiel eine weitgehend unbekannte 15-jährige Sängerin, die ihren Playbackauftritt verstolperte. Oder eine blonde Stimmungskanone (sie hieß Jenny oder so), die den Mut hatte, in die vom Finalabend ausgezehrten Gesichter zu blicken und zu fragen: "Seid ihr alle gut drauf?" Auch von ihr wollte niemand eine Zugabe.

Zuschauer auf dem Balkon der US-Botschaft

Gute Laune brachten dann die Musiker von "Die Fraktion", deren Lied Schwarz Rot Gold mit mehr als 300.000 Abrufen bei Youtube so etwas wie der heimliche EM-Hit geworden ist. Die Fanmeile war zum ersten Mal ein Fahnenmeer. Später folgten Auftritte von Revolverheld ("Helden 2008"), Oliver Pocher ("Schwarz und weiß") und Christina Stürmer ("Fieber"), allesamt Stimmungsgaranten.

Viele junge Frauen waren gekommen, um die gerade zu Ende gegangene Europameisterschaft noch einmal zu feiern. Einige von ihnen trugen schwarz-rot-goldene Blumenketten oder in deutschen Farben kombinierte Kleidungsstücke: gelbes Oberteil, schwarze Hose und rote Tasche. Von dem Balkon der amerikanischen Botschaft winkten etwa hundert Mitarbeiter in die Menge. Am Geländer wehten mehrere Deutschlandfahnen. Pärchen kletterten gemeinsam auf Verkehrsampeln, um einen besseren Überblick zu haben. Vor der Bühne reckten Fans einen EM-Pokal aus Alu-Folie in die Höhe, als ob sie ihn der Mannschaft statt des echten überreichen wollten.

In diesen Minuten, kurz vor der Ankunft des DFB-Teams, war wieder etwas von der Euphorie zu spüren, die im Sommer 2006 das ganze Land erfasste. Zwar kamen 2006 über eine Millionen Menschen auf die Fanmeile, um die Mannschaft zu empfangen. Doch damals kehrten die Spieler an einem Sonntag heim. Damals wie heute war Leichtigkeit das dominierende Gefühl. Sieger haben zwar mehr Grund zu feiern, doch Verlierer haben darin mehr Würde.

Lehmann schließt Rücktritt nicht aus

Das zeigte schon der Auftritt von Jens Lehmann, dessen Leistungen bei der Europameisterschaft nicht immer einwandfrei waren. Tausende junger Fans brüllten seinen Namen, als er die Bühne betrat. Im Interview mit Johannes B. Kerner war kaum ein Wort zu verstehen, so sehr wollten die Fans ihrem Keeper Mut machen. Erst als die Frage nach einem möglichen Karriereende kam, wurde es still im Publikum. Selbst viele Meter weiter weg verstand man seine Antwort: "Möglich ist alles, aber ich bin noch zu keinem Entschluss gekommen."

Den höchsten Kreischfaktor erreichte - neben Michael Ballack - Bayernstürmer Lukas Podolski. Er entwickelt sich immer mehr zu einem Volkshelden, ganz im Sinne von Uwe Seeler oder Rudi Völler. "Poldi" hatte sichtlich Freude daran, den Spaßvogel zu geben. Er ließ die Fans "Humpa, humpa, humpa, tätärääää" singen und schüttete Oliver Pocher ein volles Zweiliterglas Bier über den Kopf - feuchte Revanche für die Poldi-Parodien des ARD-Krawallos.

In der Feierstimmung am Brandenburger Tor gab es nur ein Tabuthema: den Siegtreffer von Fernando Torres zum 1:0 für Spanien gegen die DFB-Elf. Auf den großen Leinwänden wurden in einem kurzen Einspielfilm alle Tore der deutschen und der spanischen Begegnungen gezeigt. Bis auf diesen. Bundestrainer Joachim Löw behandelte das Thema kurz und trocken: "Sollten die Spanier noch einmal in einem Turnier als Gegner kommen, werden wir sie schlagen." Und der Rest war nicht mehr zu verstehen.

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