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Weltmeister-Empfang in Berlin: Helene Fischer, Schweiß und Bier

400.000 Menschen brüllen, singen und transpirieren. Stundenlang warten sie auf die Weltmeister. Das Fest auf der Fanmeile ist so schön und schrecklich, wie es sonst nur Weihnachten zu sein vermag.

Von Laura Himmelreich

Stars unter sich: Schlagersängerin Helene Fischer und die deutsche Weltmeister-Elf feiern gemeinsam den vierten Titel in Berlin

Stars unter sich: Schlagersängerin Helene Fischer und die deutsche Weltmeister-Elf feiern gemeinsam den vierten Titel in Berlin

Es ist noch nicht einmal neun Uhr morgens, doch der Geruch Deutschlands hängt bereits in der Luft: Bier, Schweiß und Bratwurst. Jedes Mal, wenn die Masse in den kommenden Stunden kollektiv die Arme zum Jubel gen Himmel reist, steigt eine Wolke Achselgeruch auf. Gefühlte 30 Grad hat es auf der #link;2117032;Fanmeile vor dem Brandenburger Tor in Berlin#. 400.000 Menschen. 400.000 Deos, die versagen.

Die ersten Fans standen bereits im Morgengrauen vor den Absperrungen. Manche sind in der Nacht vom anderen Ende der Republik angereist. Bereits um neun Uhr ist kein Durchkommen mehr. Körper an Körper stehen die Menschen vor der Bühne. Nun beginnen Stunden des Wartens. Ein Moderator von Hitradio RTL versucht, die Menge anzuheizen: "Haben wir gegen Brasilien 1:0 gewonnen?" Menge grölt: "Nein!", "Haben wir 2:0 gewonnen?" Menge grölt: "Nein". "Haben wir 3:0 gewonnen?" Und so geht das bis zum bekannten Ergebnis weiter. Der Moderator wird den Sprechchor so häufig in den kommenden Stunden wiederholen, dass Tausende ihn am Ende ausbuhen, weil sie endlich die Spieler sehen wollen.

Schwarz-rot-goldene Ekstase

Kleine Highlights erleichtern das Warten. Gegen halb zehn Uhr kreist die Sondermaschine der Lufthansa mit dem Team hoch über der Straße des 17. Juni. Die Masse jubelt Richtung Wolken. Gegen zehn Uhr taucht Helene Fischer auf der Bühne zur Soundprobe auf, ihr Playback von "Atemlos durch die Nacht" eiert noch. Die musikalischen Auftritte auf der Bühne bieten das akustische Pendant zum Bratwurst-, Bier- und Schweißgeruch: Helene Fischer, DJ Ötzi und die Höhner.

Auf der Fanmeile, in der schwarz-rot-goldenen Ekstase, kommt zusammen, was sich selten trifft: Einträchtig stehen auf der VIP-Tribüne nebeneinander das protestantische Gewissen der Grünen, Katrin Göring-Eckardt im Deutschlandtrikot und die Barbie des Nationalteams, Götze-Freundin Ann-Kathrin Brömmel. Beide singen: "Olé, super Deutschland, super Deutschland, olé, olé". Selbst auf dem Dach der US-Botschaft, neben dem Brandenburger Tor, versammeln sich Dutzende Amerikaner, ausnahmsweise einmal nicht in geheimer, feindlicher Mission.

"Miro Klose, Fußballgott!"

Je länger das Warten geht, desto härter werden die Verteilungskämpfe um jeden Zentimeter Boden. Es wird gerempelt, gepöbelt und vereinzelt geschrien. Die Ordner versuchen, die Gemüter zu kühlen, indem sie Wasser auf die Köpfe spritzen und Getränke an die dehydrierte Masse verteilen.

Dann irgendwann, kurz nach 13 Uhr, als die Rücken vom langen Stehen schmerzen, ist es so weit. In Fünfer- und Sechsergruppen stürmen die Fußballer auf die Bühne. Sie tanzen, sie singen, längst heiser von Feiern der vergangenen Nächte. Sie spielen Luftgitarre und werfen sich vor Freude auf die grüne Bühne. Schweinsteiger, Podolski und Neuer haben sich in Flaggen gehüllt. Jogi Löw und Oliver Bierhoff stimmen La-Ola-Wellen an. Niemand interessiert sich dafür, was die Moderatoren von ARD und ZDF die Fußballer fragen. Die Masse übertönt die Interviews und schreit das, was sie für relevanter hält: "Miro Klose, Fußballgott! Miro Klose, Fußballgott!"

Das Fanfest ist im Grunde wie Weihnachten. Aus allen Himmelsrichtungen kommen die Menschen zusammen und warten stundenlang auf die Bescherung, hier: das Erscheinen der Nationalmannschaft. Während sie warten, fangen sie an zu streiten. Dann passiert endlich, wofür alle so lange ausgeharrt haben. Schnell ist die Bescherung wieder vorbei. Und alle gehen beseelt und erschöpft nach Hause.

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