Fußball-Presseschau Kritik am Bundestrainer


Die Nachwehen des desolaten Auftritts der deutschen Mannschaft sind noch zu spüren. Der Auftritt der Holländer entzückte die Presse erneut und die Italiener präsentierten sich den Zuschauern untypisch: offensiv und abwehrschwach. stern.de präsentiert jeden Tag die Pressestimmen des aktuellen Spieltags.

Michael Ashelm (Frankfurter Allgemeine Zeitung) weist uns und (vor allem) den deutschen Bundestrainer auf die Lebendigkeit Slaven Bilic' hin: "Er ist ein Meister der Inszenierung - und ein Meister des Taktierens. Mit dem cleveren 2:1-Sieg haben sich die Kroaten nicht nur bis zum Beweis des Gegenteils in den erlauchten Kreis der Titelkandidaten gespielt, sondern gleichzeitig vorgeführt, welche Bedeutung Leidenschaft noch haben kann im modernen, vom Erfüllungsgedanken geprägten Fußball. Bilic - ein Fußballverführer, ein Typ für die großen Momente. (…) Bei den großen Siegern des Abends sorgte das 2:1 nicht nur für Freude über eine schöne sportliche Erfahrung. Wenn Kroatien Fußball spielt, dann zählt auch der Patriotismus - ähnlich dem deutschen Fußballgefühl bei der WM vor zwei Jahren im eigenen Lande unter Klinsmann. Bilic hat die alten Leidenschaften Fußball-Kroatiens geweckt. Auf seine unnachahmliche Art lebt er seinen Spielern dies vor. Während Löw eine defensive Körpersprache zeigte, war Bilic kaum zu halten auf der Bank."

Philipp Selldorf (Süddeutsche Zeitung) hält Löw falsche Personalpolitik und, wenn auch leise, Hochmut vor: "Joachim Löw und seine Crew, in der als Propagandist des Systems auch Oliver Bierhoff eine wichtige Rolle hat, hatten vermittelt, dass sie über dem Alltag und über den Dingen stehen und jenseits der realen Gegebenheiten eigene Regeln setzen. Man kann das am deutschen Aufgebot ablesen, in dem etliche Spieler stehen, die sich im Laufe ihrer Saison eher für eine Sommerfrische im Sanatorium als für das große Europa-Turnier qualifiziert haben. Sie zu berufen, beruhte weniger auf der Not des schmalen personellen Angebots als auf dem unbedingten Glauben, es besser zu machen als die Klubs mit ihren rüden Methoden und ignoranten Auffassungen. In der Führung des Nationalteams herrscht die ideologische Überzeugung, fußballerische Patienten heilen zu können, an denen die gewöhnlichen Koryphäen verzweifeln. Dieses wunschgeleitete Denken führt dazu, dass sportliche Kriterien, die überall auf der Welt anerkannt sind, von den DFB-Leuten für ungültig erklärt wurden. Ihnen wurde signalisiert: ‚Im Nationalteam gelten eigene Maßstäbe.' So ist es jedoch nicht, weshalb diese Mannschaft und ihr Trainer Löw mit seinem philanthropischen Konzept an jenem Punkt angelangt sind, der das einfachste Prinzip des Fußballs markiert: Theorie trifft Praxis, Verlieren bedeutet Scheitern."

Jan Christian Müller (Frankfurter Rundschau)

hofft nicht, dass das Spiel gegen Österreich das letzte für Löw sein wird, kann es aber nicht ausschließen: "Ein Aus in der schwächsten EM-Vorrundengruppe würde eine Fortführung seiner so angenehm unaufgeregten und professionellen Arbeit nur sehr, sehr schwer möglich machen. Er hätte ja seine eigene Messlatte um Längen unterquert. Das würde er sich vermutlich selbst am wenigsten verzeihen. Löw steht am Scheideweg. Es wäre gut für ihn und für den deutschen Fußball, wenn er die richtige Richtung nähme."

Michael Horeni (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

nennt das, was Löw zu Klinsmann fehle und schildert die Folgen: "Das 1:2 gegen Kroatien wurde für Löw zu seiner bittersten Lehrstunde als Bundestrainer. Taktisch fand seine Mannschaft nie ein geeignetes Mittel gegen das variable Mittelfeld- und Angriffsspiel der Kroaten. Taktik können eben auch andere - und so wurde auf erschreckende Weise der Mangel an den anderen Klinsmann-Komponenten deutlich: Emotion, Leidenschaft und - auch das - Disziplin. Die mit Rot bestrafte Unbeherrschtheit Schweinsteigers und dessen anschließendes Vogel-Zeigen gegen die Kroaten war mehr als nur ein Fingerzeig auf eine Leerstelle im System Löw. Wie eine Mannschaft innerhalb von vier Tagen nach einem starken Auftritt gegen Polen einen solchen Absturz erleben kann, ist eben nicht nur einer taktischen Fehlleistung allein geschuldet. Dafür war das Versagen des deutschen Teams zu komplett. Es ist dem Trainer und dem Team nicht gelungen, in dem Moment, als sich das taktische Werkzeug als unbrauchbar herausstellte, alle Kräfte zu mobilisieren. Die Selbstzufriedenheit im deutschen Fußball, der Klinsmann einst konsequent den Kampf angesagt hatte, kehrte schon in den vergangenen Monaten zurück, anfangs nahezu unmerklich. Gegen Kroatien war der Mangel an Leidenschaft und unerschütterlichem Siegeswillen nicht mehr zu übersehen. (…) Auch wenn Löw seine Finger in die Steckdose steckt, wird aus ihm kein Klinsmann. Der Bundestrainer muss jetzt seinen eigenen Weg finden. Das wird die schwierigste Aufgabe seiner Amtszeit."

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung)

fragt despektierlich: "Ist die Mannschaft eine Ansammlung von Mechanikern, die immer dann an ihre Grenzen stößt, sobald der Gegner etwas tut, was nicht im Dossier von Joachim Löw enthalten ist?"

Christof Kneer (Süddeutsche Zeitung)

notiert rügend ins Klassenheft, dass Löw nicht alle Hausaufgaben gemacht habe: "Immerhin kam Christoph Metzelder nach zwei Standardsituationen halbwegs aussichtsreich zum Abschluss. Dennoch ist längst nicht mehr zu übersehen, dass im Handwerkskasten dieser Elf ein paar banale Werkzeuge fehlen: der scharfgeschliffene Seitenfreistoß, der kunstvolle Eckball oder die überraschende Freistoßvariante. Nichts davon hat die Elf aus dem Häßler-Littbarski-und-Brehme-Land im Repertoire, und das Spiel gegen Kroatien hat alle jene Kritiker bestätigt, die das bei allen unbestreitbaren Verdiensten des Trainerstabs inzwischen fast für unterlassene Hilfeleistung halten - zumal die DFB-Elf über kopfballstarke Spieler wie Ballack, Gomez, Klose, Mertesacker und Metzelder verfügt. Mit Klinsmann hat Löw den deutschen Fußball vom Kopf auf die Füße gestellt, das ist ebenso lobenswert wie wahr, und er hat dieser Elf erst mal so viel Grundsätzliches über Fußball beibringen müssen, dass für Standards am Ende oft kein Platz mehr geblieben ist. Immer war im Training anderes wichtiger, aber manchmal hat man auch den Eindruck gewinnen können, dass die Standardsituation für Löws Akademikerstab auch etwas streng riecht - geht es nach Siegenthaler und Co., dann soll die Mannschaft am liebsten nur gewaltlose Tore herauskombinieren, während die Standards eher als Tore des kleinen Mannes gelten. Nun aber, da die Spiele und die Gegner größer werden, könnten die Deutschen auch kleine Tore ziemlich gut gebrauchen."

Peter B. Birrer (Neue Zürcher Zeitung)

ist begeistert von den Holländern, gibt aber zu bedenken: "Wenn dem Sieg des souveränen Siegers der Gruppe C ein kleiner Makel anhaftet, dann dieser: Der Ertrag fiel zu hoch aus, und er verleitet womöglich - zusammen mit der Vorgabe aus dem Italien-Spiel - zu übertriebenen Schlüssen. Denn haushoch überlegen waren die Niederländer nicht. Aber sie spielten wiederum so effizient, wie es effizienter nicht geht. Sie waren schnell im Umschalten, unberechenbar in der Spielanlage. Was indes am meisten frappiert, ist die Mischung im Team. Zu den rustikalen Spielertypen in der Defensive, die den Zweikampf und den gegnerischen Körper nicht scheuen, gesellen sich wieselflinke Offensivkräfte, die innert Tagen die gerühmten Verteidigungen des Weltmeisters und des Vizeweltmeisters zerlegten. Das ist allerhand."

Christian Eichler (Frankfurter Allgemeine Zeitung) teilt mit, dass Frankreich und Italien nun vom Wohlwollen Hollands abhängen: "Die Niederländer haben dank des neu- und eigenartigen Modus dieses Turniers den Luxus, sich einen möglichen Halbfinalgegner praktisch auszusuchen. Von vielen französischen Zeugen im Stade de Suisse ging eine resignative Grundstimmung aus - ‚die Holländer werden nun Rumänien gewinnen lassen, und wir sind raus', hörte man allenthalben. Tatsächlich könnte Marco van Basten versucht sein, im letzten Spiel die zweite Garnitur auflaufen zu lassen, im Bewusstsein, dass eine Niederlage den Gruppensieg nicht mehr gefährden kann, im Gegenteil aber, zugunsten der Rumänen, Frankreich und Italien aus dem Turnier werfen würde. Und in dem kann Holland im Halbfinale, weil es im EM-Modus keine Überkreuz-Kombinationen der beiden Tableau-Hälften mehr gibt, auf einen seiner Gruppengegner wiedertreffen. Da wäre Rumänien vielleicht die angenehmere Wahl als Italien oder Frankreich. Die beiden WM-Finalisten können, unabhängig vom Ergebnis ihres abschließenden Spiels, jetzt nur auf die Sportlichkeit des Oranje-Teams hoffen."

Christoph Biermann (Spiegel Online) findet fast Gefallen an den Italienern: "Nach der sympathisch unitalienischen Leistung kann man auch auf mildernde Umstände plädieren. Denn die Italiener spielten zwar mit wenig Verstand, dafür aber zeigten sie viel Herz. Von ihrer herausragenden Klasse bei der WM, der perfekten taktischen Ordnung und dem cleveren Spiel, das sie vor zwei Jahren zeigten, sind sie derzeit so weit entfernt wie die Lega Nord von einem Wahlsieg in Sizilien. Und doch machte es Spaß, ihnen zuzuschauen. Unermüdlich spielten sie dort nach vorne."

Christian Kamp (Frankfurter Allgemeine Zeitung) ergänzt: "Der Eindruck aus dem Holland-Spiel blieb: Mit der Abwehr von 2006, die während des ganzen WM-Turniers nur zwei Treffer zugelassen hatte, ist dieses wackelige Gebilde nicht mehr zu vergleichen. Aber wer braucht schon Catenaccio, wenn das neue Italien unter Donadoni doch so hinreißend angreifen kann?"

Claudio Catuogno (Süddeutsche Zeitung) hält den Italienern Eindimensionalität vor: "1,93 Meter ist Luca Toni groß, ihm eine Flanke nach der nächsten in Richtung Stirn zu zwirbeln, ist ein probates Mittel. Dass es fast das einzige war, das den Italienern einfiel, verwundert allerdings. Beim FC Bayern schießen sie Toni den Ball gelegentlich auch mal scharf in den Fuß, solche Pässe kann er unnachahmlich verwerten. Oder Franck Ribéry schickt den großen Italiener per Steilpass in die Spitze - zwei, drei Bewegungen mit dem Fußgelenk und der Ball ist im Tor. Gegen Rumänien winkte Luca Toni immer schon mit dem Arm, wenn ein Italiener den Ball über die Mittellinie führte. Ein bisschen wirkte das, als würde man einen Leuchtturm mit dem Schriftzug ‚Hier ist der Leuchtturm' versehen. Die Italiener scheinen bei dieser EM das Erfolgsrezept des FC Bayern kopieren zu wollen (‚Alle Bälle zu Toni'), nur gelingt ihnen das bisher nicht."


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