Joachim Löw Der Vertrauensbeweis


Mit einer einzigen Partie hat Joachim Löw bewiesen, dass die Generalkritik an seinem Führungsstil zu früh kam. Das 3:2 gegen Portugal hat gezeigt, dass diese deutsche Elf sich in ihrer Entwicklung auf dem richtigen Weg befindet.
Von Mathias Schneider, Tenero

Der Mann, der dieser Tage allein den Puls der Nation zu regeln scheint, wirkt so wohl temperiert wie immer. Joachim Löw zählt ja grundsätzlich eher zur Gattung der Rationalisten. Gefühlsausbrüche gönnt er sich zwar punktuell, vorzugsweise an der Seitenlinie von Fußballspielen, doch der Geist reguliert sein Handeln. Wahrscheinlich liegt darin sein größter Vorzug, denn würde Löw dieser Tage die Stimmungen aufnehmen, welche seine Auswahl in den vergangenen Tagen umtosten, diese deutsche Nationalelf hätte gegen Portugal im Viertelfinale der EM einem Panikorchester geglichen.

Die Mannschaft hat dem Druck standgehalten

Es gibt ja wenige Dinge, die diesem Löw, in den vergangenen zwei Jahren als Motor der Moderne gepriesen, nach dieser Vorrunde nicht vorgeworfen wurden. Das System? Zu starr. Die Mannschaftsführung? Zu lässig. Der Fitnesszustand? Mangelhaft. Die Personalauswahl? Konservativ.

Deutschland reichte ein wenig erbaulicher Sieg (gegen Österreich) und eine Niederlage (gegen Kroatien), um den Glauben an ein Prinzip zu verlieren, dem die Nation zwei Jahre zuvor wie einem Rausch erlegen war; und das von den meisten Experten übereinstimmend in der wissenschaftlichen Ausrichtung und taktischen Systemtreue als einzige Alternative auf dem Weg zurück zur Weltspitze ausgerufen war.

Man mag sich nicht ausmalen, was passiert wäre, hätte die Nationalmannschaft gegen Österreich Schiffbruch erlitten oder wäre gegen Portugal chancenlos ausgeschieden statt überzeugend 3:2 zu gewinnen. Doch sie hat dem Druck standgehalten, ihre Angriffe mit chirurgischer Präzision vorgetragen. Ihr Trainer hat überdies ein taktisches Bravourstück hingelegt, durch die Verdichtung des Mittelfelds Portugals Taktikmeister Luiz Felipe Scolari überrumpelt.

Verlorene Wette mit Hansi Flick

Joachim Löw könnte an diesem Freitag auf der obligatorischen Pressekonferenz mit Genugtuung sein Werk moderieren, nun da die Nation in ihm binnen 90 Minuten wieder den Schöpfer zeitgemäßer Fußballkunst erkennt. Stattdessen sagt er nur Sätze wie: "Wir waren sehr gut organisiert. Die Raumaufteilung hat hervorragend geklappt." Dann referiert er noch ein bisschen über die notwendige Verdichtung des eigenen Mittelfelds, warum er den Leverkusener Rolfes und den Stuttgarter Hitzlsperger diesmal aufgeboten habe (sie sollten die Außenverteidiger unterstützen).

Eine Flasche Rotwein sei an den Assistenten Flick verloren gegangen, weil er mit ihm leichtsinnigerweise eine Wette eingegangen sei, dass die Elf abermals kein Tor aus einer Standardsituation heraus erzielen würde. Tat sie dann doch und zwar gleich zweimal. Flick ist fürs Training der ruhenden Bälle zuständig. Offensichtlich besaß er Insiderinformationen.

Baldriantropfen im Kabuff

Dann plaudert Löw noch ein bisschen von den Baldriantropfen, die er in seinem Kabuff vorgefunden habe, in das ihn die Uefa gegen die Portugiesen verbannt hatte. Gelächter im Plenum. Löw lächelt. Er lächelt, wie er bereits nach der Partie gegen Österreich lächelte. Er verspricht noch die Finalteilnahme.

Nur einmal wird er wirklich ernst, als die Rede auf Hoffenheims Sportdirektor Bernhard Peters kommt, der mit einem Generalvorwurf am Tag der Partie gegen Portugal aufwartete und Löws Elf technische und körperliche Schwächen attestierte. "Die Kritik hat mir nicht gefallen, und das wird Konsequenzen haben." Das DFB-Kompetenzteammitglied Bernhard Peters dürfte mit diesem Satz Geschichte sein.

Auf ein Wort wartete man freilich vergeblich in der rekordverdächtigen 45minütigen Pressekonferenz an diesem Mittag im sonnigen Tenero, wo die Deutschen nun noch mindestens bis zum kommenden Mittwoch an ihrem großen Coup feilen werden. Es war das Wort Genugtuung. Es spricht für Löw, dass er die Stunde seines bislang größten Erfolges nicht zum Plädoyer in eigener Sache nutzte. Wenig überraschend: Er hat sich immer darauf verstanden, sein eigenes Tun vom Hype um seine Person loszulösen - das schützt nun auch vor dem Gefühl, ungerecht behandelt zu werden.

Seine Elf hat ihn nicht im Stich gelassen

Seine Elf hat ihn letztlich nicht im Stich gelassen, und wenn es eines letzten Beweises bedurfte, dass diese sich auf dem richtigen Weg befindet, so sollte er mit der Partie im Basler St. Jakob-Stadion erbracht sein. Löw und mit ihm diese Nationalmannschaft verdienen Vertrauen auf ihrem steilen Anstieg zum Gipfel. Sie haben beide gegen Österreich bewiesen, dass sie dem negativen Druck, als Versager dazustehen, gewachsen sind, wenn auch nicht viel gefehlt hätte, und die junge Elf wäre an ihm zerbrochen.

Stattdessen darf das Land nun weiter träumen, dass Löw im Halbfinale abermals die Antworten auf die drängenden Fragen des Spiels findet. Der Puls der Nation wird dann wieder in die Höhe schnellen. Joachim Löw wird dafür sorgen, in seiner ureigenen ruhigen Art. Sollte am Ende eine Niederlage stehen, bleibt zu hoffen, dass sein Umfeld bei der Aufarbeitung ähnlich viel Ratio walten lässt wie er selbst.

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