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Luka Modric: Der Feingeist mit der Nummer 14

Sein Trainer Slaven Bilic ist überzeugt: Luka Modric wird der beste Spieler der EM. Die Nummer 14 der Kroaten ist ein Künstler, einer der alle schönen Dinge des Fußballs beherrscht. Doch tragen die schmalen Schultern des nur 1,73 Meter großen Virtuosen diese schwere Last? Ausgerechnet vor dem Deutschland-Spiel kommt in Kroatien erste Kritik auf.

Von Frank Hellmann

Vor der Europameisterschaft hat der "Wiener Kurier" bei Zlatko Kranjcar angefragt. Ob der 51-Jährige bereit wäre, während des Turniers im gepflegten Doppelpass mitzuwirken. Dahinter verbirgt sich für die angesehene Tageszeitung eine tägliche Kolumne, in der verschiedene Experten wechselweise ihre Meinung kund tun. Der ehemalige Nationaltrainer und Vorgänger von Slaven Bilic ist nun einer der Autoren - und einer der interessantesten. Nämlich Experte und Insider in Personalunion.

Kritik an Modric gleicht Hochverrat

Insofern hat es viele Landsleute in der Ehre getroffen, was der Fußball-Lehrer nach dem glücklichen Kraftakt gegen Österreich schrieb (1:0). "Das kroatische Mittelfeld konnte sich nicht entfalten. Ich hätte mir von Luka Modric mehr erwartet."

In Österreichs Nachbarland sind solche Sätze beinahe Hochverrat. Einen wie Modric, 22, den Stolz einer ganzen Nation, darf man nicht kritisieren. Dazu kommt: Zlatko Kranjcar hat einen Sohn. Niko, 23, aktueller Mitspieler an Modric' Seite. Und weil Kranjcar senior eben nicht nur in Linz, Klagenfurt, Slowenien und Ägypten trainierte, sondern auch schon in Zagreb, weiß er, was solche Kommentare auslösen.

Aber wie war das am vergangenen Sonntag beim 1:0 gegen Österreich noch mal? Klar, anfangs zauberte der Gelobte mit der Nummer 14, bei dem nicht nur deshalb der Vergleich mit Johann Cruyff angestellt wird. Er spielte kluge Pässe, gewann viele Zweikämpfe, brillierte mit seiner Technik. Und drosch nach vier Minuten dreist einen Elfmeter in die Mitte des Tores. Doch dann? Modric tauchte ab, ging unter - lupfte sogar Bälle unnötig ins Aus. Deshalb gibt es auch andere, die nun kritisieren.

Warum ausgerechnet nach Tottenham?

"Luka ist nicht ein guter Spieler. Er ist ein sehr guter", sagt Otto Baric, der Altmeister. "Das muss Luka beweisen. Jetzt." Er möchte, dass Modric offensiver agiert, aber das funktioniert im Bilic-System nicht. Bei Ballverlust muss der Spielmacher mit Nico Kovac auf einer Linie absichern, sonst gerät das ganze Gleichgewicht des Mittelfeldes mit zwei außen postierten Spielern in Gefahr. Der bald 75-jährige Baric moniert aber auch: "Luka hat diese Saison für Zagreb zu viele unwichtige Spiele gemacht. Das verkraftet er nicht."

Wie, bitteschön, soll das erst im englischen Stahlbad werden? Denn bekanntlich hat der zarte Kroate mit dem strähnigen blonden Haar und den arg dünnen Beinen einen Millionen-Vertrag bei den Tottenham Hotspurs unterschrieben. Die Ablöse soll 26 Millionen Euro für den Premiere-League-Klub betragen haben. Oder 21 Millionen mit Gewinnzuschlägen. Oder?

Wohin das viele Geld beim kroatischen Meister genau gegangen ist, weiß man im Detail nicht. Vielleicht haben Präsident Zdravko Mamic und sein Sohn Zoran, der Sportdirektor, daran mitverdient? Allein das Recht, das erste Angebot abgeben zu können, soll Chelsea-Eigentümer Roman Abramowitsch fünf Millionen Euro wert gewesen sein. Und kündigte nicht ein werter Herr wie Dinamo-Manager Tomislav Marcinko im Winter schon vollmundig an, man wolle sich jedes Kilo von Modric bezahlen lassen. Warum gerade jetzt Tottenham?

Diskussionen um seine Qualität

"Weil der Präsident und dieser Verein sich geeinigt haben", sagte der Umworbene vor Wochen dazu - das hörte sich nicht so an, als habe er selbstständig entschieden. Schon vor dieser Saison, als sein Heimatverein Dinamo Zagreb noch die Champions-League-Qualifikation gegen Werder Bremen spielte, gab es ständig Wechselgerüchte um ihn.

Aber auch Diskussionen um seine Qualität. Nachdem sich der Bundesligist mühsam, aber letztlich dank der individuellen Klasse von Spielmacher Diego doch klar durchgesetzt hatte, sagte Werders Manager Klaus Allofs unmissverständlich: "Diego ist besser als Modric."

Ein Quervergleich ist derzeit nicht möglich. Während der Bremer Genius in Brasilien urlaubt, soll Kroatiens Filigraner ganz Europa aus den Alpen unterhalten. Bilic bürdet ihm nämlich eine Menge Ballast auf. "Vor drei Wochen habe ich ihn zur Seite genommen und gesagt, dass er der beste Spieler des Turniers werden kann", erzählt Bilic. "Ich glaube das wirklich."

Bilic als Mentor

Es fällt auf, dass der 39-jährige Erneuerer an der Seitenlinie immer wieder mit dem 22-Jährigen redet. Die beiden scheinen miteinander vertraut wie Vater und Sohn. Modric (27 Länderspiele) hat das, was Bilic (44 Länderspiele) nie hatte: eine künstlerische, leichtfüßige und spielerische Komponente.

"Es ist ein Genuss, ihm zuzuschauen", sagt Ivan Klasnic, sein Kollege bei der Nationalelf. Manchmal belassen sie es nicht bei bewundernder Beobachtung - gelingt Modric im Trainingskick ein genialer Pass, klatscht der Rest der robusteren Recken schon mal Applaus. Und Bilic nickt an der Seitenlinie.

Bei der WM 2006 durfte das Talent nur zweimal - und viel zur kurz - mitspielen. Seit Bilic das Sagen hat, blüht Modric auf. Seitdem ist er Stammspieler, gleich in seinem ersten Länderspiel unter Regie seines Mentors erzielte er ein Tor. Vier Länderspieltore sind es bislang - ist das für einen Regisseur genug? "Österreich hat Mozart, wir haben Modric!" ruft trotzdem der ehemalige Nationaltrainer Miroslav Blazevic heraus.

Modric sind solche Lobeshymnen gar nicht so recht. Immerhin kündigt er an: "Wir haben großes Selbstbewusstsein. Wir wollen uns gegen Deutschland beweisen. Was unsere Helden bei der WM 1998 mit Platz drei erreicht haben, können wir auch schaffen."

Wer Modric in den Trainingseinheiten beobachtet, erkennt auf Anhieb viel Außergewöhnliches. Ob Training oder Spiel, Spaß oder Ernst - der Quirl will immer was bewegen. Allein im ersten EM-Spiel ist er 10,71 Kilometer gelaufen. Nico Kovac, der vermeintliche Dauerläufer, hatte am Ende nur 20 Meter mehr zurückgelegt. Es gab Momente, da staunten gar die Gastgeber. Wie nach einer Szene mit René Aufhauser, Jürgen Säumel und Sebastian Prödl. Die drei sind fast viermal so groß und fünfmal so schwer wie der Kroate - doch den Ball behauptete der Sohn eines Armeeangehörigen aus Zadar.

Lebensgeschichte als Leidensgeschichte

Seine Lebensgeschichte ist eine Leidensgeschichte - und schon oft erzählt worden. Anfang 1992, es herrschte Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien, musste die Familie und auch der kleine Luka vor serbischen Milizen aus dem Dorf Zaton flüchten. "Meinen Opa Luka hat man umgebracht", erzählt er. Sechs Jahre war er alt, "das war die schwierigste Zeit meines Lebens", sagt er heute.

Zu dritt ging es in ein Auffanglager in Zadar - der Vater war im Krieg, Mutter, Schwester und Luka leben auf zwölf Quadratmetern in einem Zimmer. Der Fußball war der einzige Fluchtpunkt für das traumatisierte Kind. Gespielt wurde in Speisesälen oder Treppenhäusern, oft barfuß. Modric bewies unter diesen Bedingungen viel Ballgefühl. Und hatte mit sieben Jahren schon einen guten Schuss. "Er spielte nonstop Fußball, überall", hat einmal einer aus dem Hotel erzählt, "er machte mehr Fenster kaputt als alle Bomben."

"Das Kind voller Furcht

Doch mit zehn Jahren fiel er bei einem Probetraining bei Hajduk Split durch - es hieß, er sei "körperlich zu schwach". Sein Vater kratzte Geld für eine Fußballschule zusammen, "das Kind voller Furcht" nannte man ihn. Doch der lokale Verein NK Zadar nahm ihn auf, mit 15 Jahren war der Filius bei Dinamo Zagreb unter Vertrag.

Doch auch dort trauten sie seinen technischen Fertigkeiten eingedenk der körperlichen Unzulänglichkeiten nicht viel zu. Zagreb verlieh seinen Ausnahmespieler 2003 an Zrinjski Mostar nach Bosnien und 2004 an Inter Zapresic. Das sind wilde Ligen, in denen der damals 17-Jährige durch das nächste Stahlbad ging. "Wer da besteht, kann überall spielen", sagte er einmal. Heute spielt er gegen Deutschland.

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