EM-Tagebuch, Tag 3 Drei Bierchen mit den Schweden


Schwedische Fans sind anders: Sie singen, sind niemals aggressiv und sprechen mindestens eine Fremdsprache. Unser EM-Reporter hat sich in seinem Salzburger Lieblingscafé von den Nordeuropäern zum Bierchen einladen lassen - um anschließend zum Vaterlandsverräter zu mutieren.
Von Klaus Bellstedt

Eines ist klar: Klagenfurt gehört ganz sicher nicht zu meinen neuen Lieblingsstädten. Das Traurige daran: Die wunderschöne Stadt am Wörthersee kann nicht einmal etwas dafür. Der Grund sind meine Eindrücke vom Sonntag vor dem Spiel der Deutschen gegen Polen. Das miserable Fanverhalten von einigen Deutschen UND Polen werde ich unweigerlich immer in Verbindung mit Klagenfurt bringen. Peinliche deutsche "Fans", vor allem Hooligans, die volltrunken und Nazi-Parolen grölend durch die Gassen ziehen - einfach nur widerwärtig. Oder die Gruppe von beinahe besinnungslos besoffenen Polen, die 100 Meter entfernt von mir friedlichen deutschen Fans provozierend den Hitlergruß zeigen. Da kann einem schnell mal die Lust auf die EM vergehen.

Nun also bin ich Gott sei Dank wieder in Salzburg gelandet. In der Stadt, die ich aus unzähligen Besuchen mit meinen Eltern während der Schulferien fast so gut kenne wie meine Heimat. Genau wie Klagenfurt hat sich auch die drittgrößte Stadt Österreichs für die EM herausgeputzt. Salzburg, sowieso schon immer ein Stückchen schicker als Wien, erstrahlt an diesen frühen EM-Tagen in einem ganz besonderen Glanze - und das nicht nur wegen der endlich immer häufiger scheinenden Sonne. Vielmehr liegt es an den zigtausenden schwedischen Schlachtenbummlern, die die Festspielstadt an der Salzach eingenommen haben. Die Farbe 'Gelb' beherrscht das Stadtbild. Jede zweite Kneipe ist von außen mit der Fahne der "Tre Kronors" geschmückt. Die Nordeuropäer zeigen im wahrsten Sinne des Wortes Flagge. Überflüssig zu erwähnen, dass das gelbe Trikot mit dem Kreuz auf der Brust zur Standardausstattung gehört.

Sie haben ihre Kinder mitgebracht

Was für eine Wohltat, denke ich. Das sitze ich endlich nach getaner Arbeit und viel Ärger mit den Kollegen zuhause in der Redaktion in meinem Lieblingscafé, dem "Tomaselli, und schlürfe eine Melange. Vom Balkon des Caféhauses hat man den besten Blick auf den Alten Markt. Und dort unten tanzen sie also, die Schweden. Sie feiern. Friedlich. Sie singen. Nicht aggressiv. Sie belästigen niemanden. Sie haben ihre Kinder mitgebracht. Sie strahlen alle um die Wette, voller Vorfreude auf das Match ihrer Lieblinge um die Superstars Ljungberg und Larson gegen Griechenland am Dienstagabend. Und ich frage mich: Soll ich es tun?

Dann kommt eine Horde schwedischer Fans mit Trompeten um die Ecke, sie stimmen das Pipi-Langstrumpf-Lied an, und der ganze Platz mit geschätzten 1000 Nordlichtern stimmt mit ein. Mir läuft es kalt den Rücken herunter. Und wieder frage ich mich: Soll ich es tun? Auch das "Tomaselli", normalerweise ein Platz für die Einheimischen, ist nicht sicher vor der schwedischen Invasion. In Scharen dringen sie in "mein" Café, fragen mich in astreinem Englisch, ob sie sich an meinen Tisch setzen können. Schnell entwickelt sich eine lebhafte Diskussion. Worüber? Natürlich über Fußball, die Stärken, aber vor allem die Schwächen der schwedischen Elf, über Lukas Podolski - und über Fankultur.

Bier im brodelnden Caféhaus

Spätestens jetzt weiß ich: Ich werde es tun. Und nicht nur, weil mich die drei Jungs aus Göteborg mittlerweile zur dritten Runde Bier eingeladen haben. Zu schade, dass ich mit den Burschen nicht weiterziehen kann. Aber die österreichische Verkehrsgendamerie (so heißt das hier wirklich!) kennt bei Alkoholdelikten kein Pardon. Ich verabschiede mich also, werde noch schnell nach Schweden eingeladen, und verlasse das mittlerweile brodelnde Caféhaus. Vor der Tür steht Gott sei Dank immer noch der schwedische Trikot- und Schalverkäufer. Ich schlage sofort zu und ergattere eines der gelben Kult-Shirts. Ich musste es einfach tun!


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