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EM 2012 Rassismus bei der EM - Rückfall ins 20. Jahrhundert


Mehr als 200 Jahre, nachdem Katharina die Große auf der Krim durch die falschen Kulissen scheinbar blühender Dörfer beeindruckt werden sollte, wird in der Ukraine (und Polen) erneut ein lachhaftes Schauspiel aufgeführt: die fröhliche EM. Dabei war Rassismus lange nicht mehr so virulent auf der großen Bühne des Fußballs. 

Oleh Blokhin war schon 2006 ukrainischer Nationaltrainer. Vor der WM in Deutschland fiel er auf, als er einer ukrainischen Website ein Interview gab, indem er (im Original auf Russisch) über junge ukrainische Spieler in der heimischen Liga sagte:

"Lass sie von Andriy Shevchenko oder Blokhin lernen, und nicht von irgendeinem Zumba-Bumba, den sie vom Baum geholt haben, ihm zwei Bananen gegeben haben, und jetzt spielt er in der Ukrainischen Liga.

Ich erinnere mich daran, als ich gespielt habe: Wenn wir verloren haben, war es nicht leicht, auf die Straße zu gehen. Es waren eine Menge Freunde da draußen, die Dich dafür zusammengeschlagen hätten. Aber was für einen Sinn macht es, einen Ausländer zusammenzuschlagen? Okay, Du schlägst ihn zusammen - dann packt er einfach seine Sachen und geht."

Der uneinsichtige Blokhin

Die englische Übersetzung dieser Aussagen wurde damals von der New York Times veröffentlicht, in der sich auch das russische Originalzitat findet. Warum wir diese alte Geschichte wieder ausgraben? Weil Blokhin immer noch Trainer der ukrainischen Nationalelf ist, des EM-Gastgebers.

Und weil Blokhin bei einer Pressekonferenz den Kopfhörer absetzte, als er auf rassistische Vorkommnisse während des aktuellen Turniers angesprochen wurde und stattdessen eine Erklärung abgab: "Es gibt keinen Rassismus in der Ukraine! Das ist eine politische Sache, die mit Fußball nichts zu tun hat".

Blokhin wurde weder vom ukrainischen Verband noch von der UEFA jemals wegen seiner (früheren) Aussagen zur Rechenschaft gezogen. Auch jetzt scheint niemand im Lager der Veranstalter Anstoß an seiner Haltung zu nehmen. Dabei gab es seit Jahrzehnten kein großes Fußballturnier mehr, bei dem offener Rassismus so stark aufgetreten ist wie nun in Polen und der Ukraine.

Vier dokumentierte Rassismus-Fälle - in wenigen Tagen

Schon am ersten Tag des Turniers wurde der Tscheche Theo Gebrselassie beim Spiel gegen Russland in Breslau von mutmaßlich russischen Fans offener rassistischer Schmähungen ausgesetzt, wie die eigens von der UEFA mit der Prüfung solcher Vorfälle betrauten Vertreter des Netzwerks Football Against Racism in Europe (FARE) gegenüber zahlreichen Medien berichteten.

Zwei Tage später wurde Mario Balotelli von ca. 200 spanischen Fans beim Spiel Spanien - Italien in Danzig durch "Urwaldlaute" diskriminiert, wie der spanische Fanvertreter Thomas Herzog der Associated Press zugab. Balotelli war am Donnerstag  beim Spiel gegen Kroatien schon wieder das Opfer weit verbreiteter "Monkey Calls", wie der Chefredakteur der renommierten Zeitschrift World Soccer, Gavin Hamilton, nach dem Spiel bestätigte.

In Krakau, wo die niederländische Auswahl ihr Trainingsquartier bezogen hat, waren Spieler der Elftal bereits vor dem Turnier beim Training von einer Gruppe polnischer Fans des Clubs Wisla Krakau rassistisch diskriminiert worden, wie Mark van Bommel Medienvertretern berichtete.

Kulturrelativismus ist die falsche Lösung

Dass es kulturelle Unterschiede gibt, wenn es um Sensibilität gegenüber rassistischer Diskriminierung geht, ist offenkundig. Aber wenn man in kulturrelativistischer Verharmlosung anführt, in Osteuropa sei das Problembewusstsein eben noch nicht so weit wie im Westen, so führt das völlig am Thema vorbei. Nicht die Einstellung der Rassisten, sondern nur der Schutz der Opfer von Diskriminierung kann der Maßstab für das Handeln in solchen Fällen sein.

Davon abgesehen wäre es jedoch auch ziemlich selbstgerecht, anzunehmen, das sei ein spezifisch osteuropäisches Problem, das im Rest Europas gar nicht auftrete. Zwar lässt sich nicht bestreiten, dass riesige Schritte im Kampf gegen Rassismus im Fußball gemacht worden sind, seit John Barnes in Liverpool von seinen eigenen Fans mit Bananen beworfen und von Rechtsradikalen nach einem Weltklasseauftritt für England gegen Brasilien beschimpft wurde, wie er in seiner Autobiographie erinnert.

Heute kann man in der Premier League für rassistische Schimpfworte aus dem Stadion fliegen, und auch in Deutschland hat sich einiges getan, seit Tausende von HSV-Fans um 1990 herum regelmäßig schwarze Spieler von Auswärtsteams wie Anthony Yeboah oder Souleyman Sane mit Affenlauten überzogen, ohne, dass irgendjemand dagegen eingeschritten wäre - zunächst nicht einmal der Stadionsprecher.

Die NPD und Owomoyela

Als die NPD 2006 versuchte, Patrick Owomoyela das Recht abzusprechen, in der deutschen Nationalelf zu spielen, konnte sie in der deutschen Fußballöffentlichkeit mit höchstens marginaler Zustimmung rechnen. Die Zeiten, in der die Hegemonie in den Fankurven der Bundesliga rechts bis rechtsradikal war, sind in dieser Form vorbei, das zumindest auch ein Verdienst vieler Ultragruppen, was immer man sonst von ihnen halten mag.

Doch eine Einbahnstraße in Richtung immer größerer Konsens gegen Diskriminierung gibt es auch in westlichen Gesellschaften nicht. Das belegen die Vorfälle in England, wo sich alle mittlerweile in ihrer Empörung einig sind, wenn britische Spieler irgendwo auf dem Kontinent rassistischen Anfeindungen ausgesetzt sind, aber sobald ein Spieler des eigenen Clubs solcher Vergehen angeklagt oder sogar überführt wird, schließen sich die Reihen der fehlgeleiteten Solidarität.

So geschehen in den eklatantesten Fällen der abgelaufenen Saison um John Terry, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen rassistischer Beleidigung von Anton Ferdinand ermittelt, was die Chelsea-Fans zum Anlass nahmen, Ferdinand beim Gastspiel seines Clubs Queens Park Rangers bei jedem Ballkontakt auszubuhen.

Der Fall Suárez

Oder in Liverpool, wo Luis Suárez wegen Rassismus gegenüber Patrice Evra von der FA gesperrt wurde, sich nach Ablauf der Sperre vor dem Spiel gegen United weigerte, seinem Opfer die Hand zu reichen und dafür auch noch von seinem Trainer Kenny Dalglish verteidigt wurde - bis die amerikanischen Besitzer des Clubs die Notbremse zogen, um den Imageschaden für den LFC zu begrenzen.

Und in Deutschland ist es immerhin heutzutage ein Eklat, wenn Fans offen homophobe Banner entrollen wie jüngst in Dortmund. Aber dass es in den Fankurven allgemein geächtet sei, jemanden als "Schwuchtel" zu beschimpfen, davon kann leider noch lange nicht die Rede sein.

So erklärt sich vielleicht auch die offen homophobe Aussage Antonio Cassanos während der EM, ein weiteres Beispiel für das desolate Bild, das der europäische Fußball gerade abgibt. Bisher ist keines der von uns angesprochenen Beispiele auch nur im Ansatz sanktioniert worden.

Problem? Welches Problem?

Sicher braucht es Beweise, um Anhänger individuell wegen Beschimpfungen zu belangen, in einem Rechtsstaat sollte es nicht anders sein. Aber die Frage stellt sich, was eigentlich passieren muss, damit die UEFA (oder einzelne Verbände) sagt: "Wir haben ein Problem". Daran hat sie natürlich kein Interesse, solange die Vorfälle nicht skandalisiert werden und alle Beteiligten weiter mitmachen.

Tatsächlich sollte ein Fußballspiel, gerade auf dieser exponierten Ebene, gar nicht fortgeführt werden, wenn es zu hörbaren rassistischen Schmähungen kommt. Noch hat aber kein Schiedsrichter davon Kenntnis genommen. Und einzelne Spieler? Nach UEFA-Reglement bekommt ein Profi, der wegen solcher Vorfälle das Spielfeld verlässt. die Gelbe Karte. So viel zur Zivilcourage von Kampagnen wie "Kick Out Racism".

Da FIFA-Boss Sepp Blatter im November vergangenen Jahres in einem Interview mit CNN sogar explizit bestritten hatte, dass es ein Problem mit Rassismus im Fußball gebe, und dass man sich nach dem Spiel die Hand schütteln solle, dann seien alle Beschimpfungen vergessen, muss es einen vielleicht nicht wundern, dass die Einstellung der Verbände so ambivalent ist. Sie haben ein Interesse daran, die Existenz des Problems zu bestreiten, statt es zu bekämpfen.

Antirassismus-Banner der FIFA werden nicht durch die Stadien getragen, weil das den Rassismus bekämpft, sondern weil es das Markenimage der FIFA mit dem Kampf gegen den Rassismus visuell verbindet und so für eine positive Wahrnehmung sorgen soll. Immerhin musste Blatter sich, anders als Blokhin, im Nachhinein für seine Worte entschuldigen. Weitere Folgen für ihn hatten sie aber nicht.

Daniel Raecke

sportal.de sportal

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