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EM 2012: Im Würgegriff der Spielerfrauen

Eine EM ist anstrengend. Auch für einen Reporter. Verzweifelt sucht er nach einer Insel der Einsamkeit. Doch vergebens: Wo er auch hinkommt, die Spielerfrauen der Nationalkicker sind schon da.

Eine Glosse von Klaus Bellstedt, Sopot

Rund drei Wochen bin ich jetzt in Sachen Fußball unterwegs. Standort: Sopot bei Danzig. Nur zehn Minuten vom deutschen EM-Quartier entfernt. Es schlaucht langsam. Nicht die Mannschaft, die macht einen guten Job. Ich auch, hoffe ich. [Ja, machst du, Anmerkung deines Chefs.] Aber die Reisen in die Ukraine sind anstrengend. Es fehlt der Schlaf. Und die Themen fallen nach so vielen Tagen und den immer größer werdenden Abständen zwischen den Spielen auch nicht mehr vom Himmel. Das Schlimmste aber ist der Sopot-Koller! Man muss sich dieses kleine Seebad am Meer wie eine Ostfriesische Insel vorstellen. Eine Hauptstraße, zehn Restaurants, zehn Cafés, zwei Diskotheken, ein Luxushotel und der Strand. Das war's.

Nach drei Wochen in diesem eigentlich wirklich netten Örtchen kenne ich jeden zweiten hier. Die Bäckersfrau begrüßt mich schon längst per Handschlag. Kasia, dem lieben Mädchen in meinem Stammcafé, muss ich nicht mehr erklären, wie ich den Cappuccino trinke. Sie serviert ihn mit

wenig

Milchschaum in einer

kleinen

Tasse. Das hat schon was, so ein bisschen dazuzugehören, das möchte ich nicht missen. Es kommt da ein Gefühl der Geborgenheit auf. Auch der obligatorische Schnack vor dem Zubettgehen mit dem Nachtportier trägt dazu bei.

Schlimm aber ist es am Abend. Nach einem anstrengenden Arbeitstag. Nein, es sind nicht die Kollegen, die an jeder Ecke lauern. Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft. Wir können uns zwar alle nicht mehr sehen, aber untereinander mögen sich die meisten trotzdem. Die wenigen freien, kostbaren Stunden möchte ich allein verbringen oder mit ein paar Reportern, mit denen ich seit Jahren befreundet bin - beim Essen, beim Sport, am Strand. Wie gesagt, nicht die Kollegen sind das Grauen. Es sind die Spielerfrauen der deutschen Nationalmannschaft! Seit sie in Sopot eingefallen sind, ist es noch schwieriger geworden, zu sich zu finden und einfach mal nur nachzudenken. Sie sind überall. Sie haben immer gute Laune. Sie sind wie die Pest übers edle Seebad gekommen.

Lena Gercke liebt die Model-Posen - auch bei der EM

Rückblick: Vor dem ersten Auswärtsflug nach Lwiw provozierte uns am Flughafen Danzig zunächst Lena Gercke, die Gespielin von Sami Khedira. Mit ihren Endlosbeinen und einem Minijeanshöschen, das noch kürzer war als das von Nicklas Bendtner. Gott sei dank saß sie auf dem Flug nicht in unserer Nähe. Doch zu früh gefreut. Vor dem Bus, der die Nationalmannschaftsreporter zum Stadion chauffierte, begann Gercke plötzlich für die Kameras zu posieren. Entschuldigung, aber wer das macht, darf sich hinterher nicht über die Blicke einer Horde "lüsterner" Journalisten beschweren. Taten die Girls aber - natürlich. Auf Anweisung von höchster Stelle mussten die Fotografen schließlich die Hände vom Auslöser nehmen. Ich fragte mich nur: Ja, wer wollte denn hier posen?!

Die Fliegerei mit den "Wags" wurde wider Erwarten schnell zur Routine. Auch wenn jedes Mal Augenkrebsgefahr bestand. Cathy Fischer, die Liebste von Mats Hummels, trug Zebrahose und schlangengrüne High Heels zum grünen Trikot. Aua. Jenny Rohdes Tarnhose gibt mir noch heute ein Rätsel auf. Ihr Freund, Marcel Schmelzer, findet die bestimmt astrein. Reicht ja.

Abends in Sopot sind die Spielerfrauen, die übrigens immer mehr werden, in Zivil unterwegs. Was die Sache nicht besser macht. Sie rotten sich zum Rauchen vor den Restaurants zusammen. Sie kichern und glucksen. Ein Beispiel: Ich suche nach einem Platz zum Essen, will nur meine Ruhe, und dabei das Portugal-Halbfinale schauen. Vor dem Thai-Restaurant steht eine große Gruppe, die sich gerade aufmacht, den Laden zu entern - angeführt von Sylwia Klose. Danke, doch keinen Hunger mehr auf asiatisch. Nächster Versuch beim Italiener nebenan. Geht auch nicht. Jessica Farber, sie gehört zu Toni Kroos, und ihr Bruder haben die Antipasti längst bestellt. Es ist ein Kreuz.

Treffen mit Irlands Damian Duff beim Sport

Ganz schlimm war es Anfang vergangener Woche. Da hatten die Spieler vom Trainer erstmals eine halben Tag frei bekommen. Kann man verstehen, dass es die Jungs dann zu ihren Perlen nach Sopot zieht. Die meisten von ihnen wohnen ja hier. Ich flüchtete an den Strand. Sie wissen schon: die Weite, die Ruhe. Da verläuft es sich. Dachte ich. War aber nicht so. Als Erstes stach mir nicht der einsame polnische Fischer auf der Seebrücke ins Auge, sondern ich vernahm Babygeschrei. Ich blickte mich um und erkannte Ulrike Stange, die Freundin von Per Mertesacker, samt Nachwuchs.

Entnervt flüchtete ich ins Fitnessstudio des Sheraton-Hotels. Dort hatte bis zu ihrem Ausscheiden die irische Nationalmannschaft gewohnt. Vor einigen Tagen hatte ich nach dem Sport unter der Dusche sogar Damian Duff getroffen, die irische Fußballlegende. Wir unterhielten uns über das DFB-Team und das Niveau der EM. Wir scherzten - apropos Frauen und Niveau - auch über die berühmt-berüchtigten Mädchen aus East-London, die Essex Girls. Diese Begegnung war mein persönliches EM-Erlebnis. Ich war ein bisschen traurig, als die Iren samt ihrer fantastischen Fans aus Sopot abreisten.

Der Vorteil, dachte ich, müsse ja nun die Ruhe im Hotel sein, vor allem in der Gym. Ich freute mich auf eine entspannte Stunde Training. Der Raum war fast leer. Gott sei Dank. Nur ein Mensch stand auf dem Laufband und walkte schnellen Schrittes. Ich näherte mich vorsichtig. Und dann der Schock. Es war Cathy Fischer. Die Freundin von Mats Hummels. Immerhin: Sie trug nicht ihre schlangengrünen High Heels.


PS:

Ich habe Cathy Fischer mittlerweile wieder getroffen. Natürlich beim Sport. Ich habe mich bei ihr vorgestellt. Wir haben uns angeregt 15 Minuten von Laufband zu Laufband unterhalten. Sie ist eine liebenswerte und nette Person. Und das meine ich jetzt ausnahmsweise ganz ernst.

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