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Analyse

Deutschland-Italien: Der Löw-Code: Anpassung statt Starrsinn

Die Diskussion über die Taktik des Bundestrainers gegen Italien sagt viel aus über die Fußballkultur unseres Landes und wenig über Löws Fähigkeiten. Nirgendwo hätte ein Weltmeistertrainer wohl ähnlich wenig Kredit.

Von Mathias Schneider, Bordeaux

Joachim Löw

Bundestrainer Jogi Löw hat mit seinen Umstellungen gegen Italien alles richtig gemacht.

Wo beginnen mit der Geschichte dieses Spiels, das einen Anfang hat und so viele Enden? Bei Hector, stiller Arbeiter und doch Held für eine Nacht? Bei Boateng, der erst einen Elfmeter verursachte und dann doch noch traf. Oder bei Schweinsteiger-Özil-Müller, die alle scheiterten, als sich dieses Viertelfinale gegen Italien zu einem bloßen Test der Nerven aus elf Metern verengte.

Normalerweise ist es ja so, dass derlei Auseinandersetzungen Helden und Pechvögel gebären, doch als die deutsche Delegation gegen Mitternacht in Bordeaux durch die Mixed Zone schlurfte, da musste man feststellen, dass jeder einzelne von ihnen seine eigene Episode beigetragen hatte zu einem Sieg, der selbst langjährige Begleiter dieser Elf zunächst ratlos zurückließ. Wie gut hatte sich diese deutsche Elf nun geschlagen in einem Spiel, das nach 120 Minuten erst in einem wilden Elfmeterschießen seinen Sieger fand?

Joachim Löw und die bizarre Taktikdiskussion

Am Ende gelangte man bei jenem Mann an, der den sogenannten Italien-Fluch zu bannen verstand und sich doch in eine bizarre Taktikdiskussion verstrickt sah: Joachim Löw.

Es ist ja ein durchaus spektakulärer Move gewesen, den Löw da schon vor dem Anpfiff vollführte. Vielleicht hat man in den vergangenen zehn Jahren nie mehr über den Trainer und Menschen Löw gelernt, als eine Stunde vor dem Spiel, beim Blick auf die Aufstellung.

Auf einer Dreierkette hatte Löw seine Elf in der Innenverteidigung erweitert, Julian Draxler musste deshalb dem tapferen Benedikt Höwedes weichen. Es sei eine Entscheidung gewesen, die während des Studiums der Italiener gegen die Spanier gereift sei. "Sie spielen immer gleich, von Außen in die Mitte und dann versuchen sie abzulegen und in die Tiefe zu gehen", erklärte Löw. Zwei zentrale Stürmer böten sie auf. Das rechtfertigte für Löw drei Innenverteidiger, um nicht in einen Kampf Mann gegen Mann ohne Absicherung verstrickt werden zu können. "Ich hatte nie das Gefühl, dass Italien aus dem Spiel heraus ein Tor schießen würde", stellte Löw nach dem Spiel zufrieden fest.

Mehmet Scholls ätzende Kritik

Es ist eine schlüssige Begründung gewesen, unterstützt vom Vortrag zuvor. Und doch ließ die Kritik nur Minuten auf sich warten. Denn wo gegen die Slowakei ein Rädchen ins andere griff, kam diesmal nur auf seine Kosten, wer sich für die Kunst des Verteidigens begeistern konnte. "Warum muss man eine Mannschaft, die so gut funktioniert hat, auf den Gegner anpassen", ätzte der ehemalige Nationalspieler Mehmet Scholl deshalb im ARD-Studio, der Sieg war kaum abgekühlt. Die Anpassungen an den Gegner hätten in der Vergangenheit allzu oft Unheil gebracht, beraube man sich doch der eigenen Stärken, fuhr Scholl fort.

Man kann das so sehen, und doch ist es eine akademische Diskussion, die sich nie final wird klären lassen. Wer weiß schon mit Gewissheit, welche Konsequenz eine Aufstellung aufs Spiel hat. Schon deshalb verwundert Scholls Vehemenz. Sie wird ohne Zwischentöne vorgetragen.

Löws dunkelste Stunde

Es sind zwei Glaubensrichtungen die sich da gegenüber stehen. Der archaische Ansatz, dem Scholl offenbar anhängt, glaubt an die Überlegenheit der eigenen Stärke, ohne Rücksicht auf die Waffen des Gegners. Löw hingegen setzt auf die Vorzüge eines individuellen Set-ups für jede Partie. Einer Elf das Vertrauen fürs gesamte Turnier auszusprechen erscheint ihm ein Anachronismus. In der Kunst, des Gegners Kanonenrohre zu verbiegen, sieht er die bessere Kriegslist.

Es sind die Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit, die seinem Richtungswechsel eine gewisse Dramatik verliehen hat. Schon einmal, vor zwei Jahren, im EM-Halbfinale, schnitt er tief in die Statik seiner Elf. Der Gegener damals - Italien. Kroos rückte damals in die Elf, als Antwort auf den Spielgestalter Andrea Pirlo. Reus und Müller fanden sich dafür auf der Bank wieder. Vier Jahre später räumte Löw ein, er habe sich damals vercoacht. Es ist die dunkelste Stunde seiner Ära.

Es wäre ein Leichtes gewesen, dieses Mal der Elf aus dem Slowakei-Spiel das Vertrauen zu schenken. Der Applaus der Kurve wäre im gewiss gewesen. Stattdessen setzte er ausgerechnet seinen Dribbler Julian Draxler auf die Bank, jenen Mann, der eben auf das beste Länderspiel seiner Karriere blickte.

Der Gegner als Bezugsgröße

Fast schien es, als wolle Löw Scholl und der deutschen Öffentlichkeit beweisen, dass er zur Einsicht fähig ist, allerdings keinesfalls seinen Prinzipien abzuschwören gedenkt. Nicht nach dem Gegner wolle er sich richten, sondern eher an den eigenen Stärken orientieren, hatte er noch vor der Partie erklärt. Das wäre die Scholl-Linie gewesen.

Als es losging, hatte er eine Aufstellung gewählt, die doch den Gegner als Bezugsgröße hatte - bei maximal möglicher Beachtung der eigenen Stärke. Hätte das Glück nicht die Deutschen in einem Elfmeterschießen in Wildwestmanier zum Sieger erklärt, Scholls Kritik hätte einen mächtigen Resonanzkörper gefunden.

Löw hat das gewusst, aber ihm ist das längst egal, er macht sich von der öffentlichen Meinung seit Jahren frei. Auf keinen Fall will er sich selbst vorwerfen müssen, er habe seinen Prinzipien abgeschworen, um jenen zu gefallen, denen er es nie wird Recht machen können.

Eine Haltung, die an Defätismus grenzt

Es sagt viel über die Fußball-Kultur rund um diese Elf aus, dass eine Diskussion dieser Schärfe nach einer Partie Raum findet, in der die Deutschen zum ersten Mal überhaupt in ihrer Geschichte Italien aus einem Turnier warfen und nun als Favorit ins Halbfinale gehen.

Es ist die Hybris in der Beurteilung, bei Nichtbeachtung des Gegners, die der Diskussion einen ätzenden Beigeschmack verleiht. Als leite sich eine automatische Überlegenheit aus allem Deutschen rund um den Fußball ab. Dass Löw selbst als Weltmeister-Trainer und bei Erfüllung maximaler Planziele keine Rückendeckung genießt, zeigt das überhöhte Anspruchsdenken. Es ist deshalb eine Haltung, die an Defätismus grenzt.

Urdeutsche Rechthaberei

"Ich weiß, dass über so was auch diskutiert worden ist", sagte Löw in der Pressekonferenz, man hatte ihn auf Scholls Kritik offenbar schon hingewiesen. "Aber es war dringend notwendig, die Mannschaft ein bisschen zu verändern", erklärt er und ließ keinen Raum für Fragezeichen. Eher klang er wie ein Mann, der jene, welche die Notwendigkeit von Rochaden nicht erkannte, nur schwer ernst nehmen kann.

Jerôme Boateng als Syncronschwimmer bzw. Balletttänzer

So endete die Nacht von Bordeaux mit einer urdeutschen Rechthaberei, wo nur Freude ihren Platz haben sollte. Der Mut von Jerome Boateng geriet darüber fast in Vergessenheit. Nach dem unglücklichen Handspiel hatte er sich ein Herz genommen und seinen Elfmeter verwandelt. Wie der junge Kimmich, der noch beim Pokalfinale so kläglich gescheitert war. Wie Draxler, der noch eingewechselt worden war. Wie der tapfere Hector.

Löw wird wieder umbauen

"Unser Weg ist noch nicht zu Ende. So wie wir auftreten, spielen wir auf jeden Fall wie eine erwachsene Mannschaft, wie eine Herrenmannschaft, die weiß worum es geht", erklärte Thomas Müller. "Von den abgezockten Italienern war gegen uns Bubis nicht viel zu sehen." 

Die Bubis, sie ziehen als Favorit weiter nach Marseille, wo am Donnerstag das Halbfinale stattfinden wird. Dort, so viel sei zu Scholls Grauen schon jetzt verraten, wird Löw seine Elf dann wieder umbauen. Diesmal wird er sogar auf den unersetzlichen Hummels verzichten.

Der fehlt nämlich wegen zweier gelber Karte.  

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