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England gegen Dänemark im stern-Check Von zweiten Bällen, fragwürdigen Entscheidungen und einer unfairen Lichtshow

Englands Raheem Sterling (l) und Dänemarks Andreas Christensen kämpfen um den Ball.
"Dänemark ist Sieger der Herzen": Twitter-User regen sich über England-Sieg auf.
© Paul Ellis/Pool AFP/AP/dpa
120 Minuten wurden im EM-Halbfinale zwischen England und Dänemark gespielt. Diskutiert wird jedoch über kaum 120 Sekunden. Der Grund: eine zumindest fragwürdige Schiedsrichterentscheidung und eine unsportliche Lichtshow.

Der Traum der Dänen ist ausgeträumt – die Sympathieträger sind im EM-Halbfinale am Mittwochabend an geduldig aufspielenden Engländern gescheitert. Oder war doch der Schiedsrichter schuld? Das mag sich zunächst nach der bequemsten Ausrede in der Fußballwelt anhören. Doch der entscheidende Moment, der Elfmeter für die Three Lions in der 104. Spielminute, sorgt auch am Tag danach für reichlich Diskussionsstoff.

War die Strafstoßentscheidung des Unparteiischen Danny Makkelie eine Fehlentscheidung? Hätte der Niederländer das Spiel nicht zuvor unterbrechen müssen, weil ein zweiter Ball auf dem Rasen lag? Und dann ist da noch die Sache mit dem Laserpointer, den englische Fans auf Dänemarks Torwart Kasper Schmeichel richteten.

Zweiter Ball auf dem Rasen – ein Grund zur Unterbrechung?

Eines nach dem anderen. In der Verlängerung rütteln die Engländer immer heftiger an der bis dahin enorm wachen dänischen Defensive. Die Gäste wirken müde, die Lücken werden größer. In der 102. Minute nimmt das Übel aus skandinavischer Sicht schließlich seinen Lauf: Flügelflitzer Raheem Sterling zieht von rechtssaußen in den Sechzehner – nicht nur vorbei an seinen Gegenspielern, sondern auch an einem zweiten Ball. Hätte das Spiel bereits hier unterbrochen werden müssen?

Das Regelwerk hat hierzu eine klare Antwort: Befindet sich ein zweiter Spielball auf dem Feld, kann der Schiedsrichter unterbrechen – allerdings nur dann, wenn diese zweite Kugel das Spielgeschehen beeinflusst. Wann das der Fall ist, liegt am Ende natürlich im Ermessensspielraum des Unparteiischen. An diesem Abend stört der Ball nicht. Weder Sterling, noch die verteidigenden Dänen werfen auch nur einen Blick auf den blinden Passagier. Ja, der Mann von Manchester City rauscht nur wenige Meter an Ball Nummer Zwei vorbei – aber mehr eben auch nicht. Das Spiel wird nicht beeinflusst, muss also auch nicht unterbrochen werden.

War der Elfmeter eine Fehlentscheidung?

Wenige Sekunden später: Sterling ist jetzt kurz vor dem Torraum – und auf einmal auch Joakim Maehle. Der Engländer fällt, Schiedsrichter Makkelie pfeift ohne zu zögern. In der Wiederholung ist zu sehen: Ja, es gab einen Kontakt. Maehles Knie berührt – vielmehr ist es tatsächlich nicht – Sterlings Wade. Videoschiedsrichter Pol van Boekel überprüft die Szene und verzichtet auf einen Widerspruch.

Kann er den Elfmeter überhaupt geben? Theoretisch: ja. So sieht es zumindest Ex-Bundesliga-Schiedsrichter und ZDF-Experte Manuel Gräfe. Trotzdem geht ihm die Entscheidung seines Kollegen zu weit: "Ich hätte gesagt: Weiterspielen, weil es zum Turnier passt, weil es auch zur Linie des Schiedsrichters gepasst hätte." Außerdem deute Sterlings "Fallmuster" bereits darauf hin, dass es nicht ausreichend für einen Strafstoß sei.

Am Ende bleibt jedoch: Der Niederländer muss nicht, kann aber sehr wohl pfeifen. Womit die Frage nach der Rolle des Videoassistenten auch geklärt ist. Im Regelwerk des International Football Association Board (IFAB) – das Gremium, das die Spielregeln im Fußball beschließt, heißt es: Der Schiedsrichter dürfe "ausschließlich bei klaren und offensichtlichen Fehlentscheidungen oder schwerwiegenden übersehenen Vorfällen" von einem Videoassistenten unterstützt werden. Ja, der Pfiff war streng, vielleicht zu streng – aber eben keine glasklare Fehlentscheidung.

Laserpointer blendet Schmeichel

Nun wäre das schon genug Material für eine mehrstündige Fußball-Talkshow. Doch da wäre noch die Sache mit dem Laserpointer. Kurz bevor Harry Kane zum womöglich alles entscheidenden Schuss ansetzt, wird Dänemarks Torwart Kasper Schmeichel – der übrigens eine hervorragende Leistung ablieferte – von einem grünen Lichtstrahl geblendet.

Der Lichtpunkt verharrt zunächst auf dessen Brust, Schmeichel sieht für einen Moment irritiert an sich herab. Dann wandert der Strahl in Richtung Gesicht. Den Schlussmann von Leicester City scheint es nicht weiter zu stören. Zumindest ignoriert der 34-Jährige den Ablenkungsversuch, der seinen Ursprung irgendwo auf der Londoner Tribüne haben muss. Als sei es eine Trotzreaktion pariert Schmeichel den Schuss von Torjäger Kane im ersten Anlauf sogar – muss sich dann allerdings im Nachschuss geschlagen geben.

So oder so: Solche peinlichen Ablenkungsmanöver haben im Fußball nichts zu suchen. Es ist respektlos, nicht nur gegenüber Kasper Schmeichel, sondern letztendlich auch gegenüber der eigenen Mannschaft. Man stelle sich einmal vor, Schmeichel hätte Kanes ersten Versuch nicht abgewehrt: Die anschließende Kritik wäre voraussichtlich noch weitaus härter ausgefallen und ein schwerwiegender Makel für Englands Finaleinzug gewesen.

Trotzdem: England hat verdient gewonnen

Dass zwei Minuten Spielzeit eine solche Debatte lostreten können, dafür lieben die Menschen den Fußball. Trotz alldem hat England am Ende verdient gewonnen und hat das erste Mal seit 55 Jahren die Chance auf den ganz großen Erfolg.

Die Dänen haben mit viel Herz gespielt – trotz oder vielleicht gerade wegen des tragischen Ausfalls ihres Topspielers Christian Eriksen so früh im Turnier. "Danish Dynamite" kann stolz auf sich sein. Die Three Lions können stolz auf sich sein. Nur dieser eine Fan mit seinem Laserpointer, der sicherlich nicht.

Quellen: ZDF; IFAB


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