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DFB-Elf scheitert bei der WM Musiala trauert um sein "Vorbild", Kimmich fürchtet, "in ein Loch zu Fallen" – die Fassungslosigkeit in Al Chaur

Die Enttäuschung sitzt tief bei der DFB-Elf
Die Enttäuschung sitzt tief bei der DFB-Elf
© Ariel Schalit / DPA
Das frühe WM-Aus lässt eine verstörte deutsche Mannschaft zurück. Doch die Krise ist keine rein sportliche: Die Führungsqualitäten von Bundestrainer Flick, DFB-Direktor Bierhoff und Präsident Neuendorf stehen in Zweifel.

Dieses 4:2 im Stadion von Al Chaur, Katar, ist der wohl der schmerzvollste Sieg, den je eine deutsche Nationalmannschaft errungen hat. Sie ging in Führung, sie lag zurück, kämpfte sich wieder ins Spiel, ging erneut in Führung, doch am Ende war dies alles nichts wert. Der Sieg gegen Costa Rica, errungen im dritten WM-Vorrundenspiel, er reichte nicht zum Verbleib im Turnier. Die Nachricht wurde den Spielern per Einblendung auf den Videoleinwänden überbracht. Im parallel stattfindenden Gruppenspiel ging Japan in der 54. Minute mit 2:1 in Führung. Damit war klar, dass die Deutschen nicht mehr selbst über ihr Schicksal würden entscheiden können. Japan hatte mehr Punkte gesammelt, Spanien mehr Tore geschossen. Die WM in Katar endet für die Deutschen nun nach nur acht Tagen. Aus in der Vorrunde – wie schon 2018, aber damals hielt man dies nur für einen Betriebsunfall, der sich bestimmt nicht wiederholen würde.

Ein Irrtum, wie man seit Mitternacht, Ortszeit Katar, weiß. Deutschland, Weltmeister 2014, ist ins untere Mittelfeld des Weltfußballs abgerutscht. Auch die EM 2021, damals noch unter Trainer Löw, war missraten. Bereits im Achtelfinale schied das DFB-Team gegen England aus. Löw trat zurück, Flick übernahm, und mit ihm, dem Erfolgstrainer des FC Bayern, der sechs Titel binnen eines Jahres gewann, verband sich die Hoffnung, zurück zu Glanz und Stärke zu finden.

Hansi Flick spricht mit tränenerstickter Stimme

Ob Flick noch Bundestrainer bleiben wird nach diesem allzu frühen Tod bei der WM? Wahrscheinlich ja, denn letztlich war es das 2:1 von Japan, das den Deutschen zum Verhängnis wurde – so wird wohl sein Arbeitgeber, der DFB argumentieren. Doch dass das DFB-Team überhaupt in diese Situation geriet, von fremden Mächten abhängig zu sein, das ist sehr wohl Verschulden von Flick. Das holprige 4:2 gegen Costa Rica zu analysieren, diesen schlichten Sieg von Wille und Wut im nebligen Al Chaur, das wird den Deutschen nicht weiterhelfen. Zu sprechen sein wird noch über die Partie gegen Japan, die die Deutschen leichtfertig hergeschenkt hatten. Die gesamte WM, sie verdichtet sich in diesem einen Spiel. Das 1:1 gegen Spanien: absolut in Ordnung, mehr war nicht zu holen gegen diese Klassemannschaft. Der Sieg gegen Costa Rica: nicht schön anzusehen, aber das Ergebnis stimmte. Aber Japan? Eine wagemutig formierte Abwehr, nicht eingespielt, ein Innenverteidiger auf Rechtsaußen; ein junger Mann in der Abwehrzentrale, das war abenteuerlich.

Trainer Flick sprach in der Pressekonferenz nach dem Costa Rica-Spiel mit tränenerstickter Stimme mehr über Japan als über das Spiel am Abend. Flick kündigte an, alles durchleuchten zu wollen – "wer uns kennt, weiß dass wir dies schnell und konsequent tun werden".

Das wird Flick auch müssen. Das Scheitern bei der WM wird nicht nur eine sportliche Aufarbeitung zur Folge haben – auch Strukturen und Personal werden hinterfragt werden. Bundestrainer Flick, DFB-Direktor Oliver Bierhoff, Präsident Bernd Neuendorf, sie alle stehen nun in Frage. Bierhoff ahnte das schon am Donnerstagabend. Er werde in Ruhe über die WM nachdenken, sagte er in den Katakomben des Stadions – "aber entscheiden werden dann darüber auch andere.

Niederlage gegen Japan ist Spielern immer noch ein Rätsel

Was das die Nacht von Al Chaur für die Mannschaft selbst bedeutet, ist noch nicht absehbar. Zu angefasst, nahezu geschockt waren die Beteiligten. Jamal Musiala berichtete von "Stille" in der Kabine, er trauerte seinem "Freund und Vorbild Thomas Müller" nach, der seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft andeutete. Joshua Kimmich sagte gar: "Das ist der bitterste Tag in meiner Karriere, das frühe Aus werde "für immer mit meinem Namen verbunden bleiben. Ich fürchte, in ein Loch zu fallen."

Fast jeder Spieler, der die Mixed Zone des Al Bayt-Stadions durchschritt, ließ wie im Schnelldurchlauf noch einmal die ersten beiden Partien gegen Japan und Spanien Revue passieren. Japan, immer wieder Japan. Das war der Referenzpunkt vieler Kommentare, und obwohl die Partie schon acht Tage zurücklag – sie ist der Mannschaft noch immer ein Rätsel. Eines, dass sie quälte und auch verunsicherte, wie Mittelfeldspieler Jonas Hofmann zugab.

Schon an diesem Freitag wird das Nationalteam aus Katar abreisen. Die WM ist vorbei, aber sie wird die Deutschen noch sehr lange beschäftigen.

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