HOME

EM-Qualifikation: Tschechen hilflos im "Bermuda-Dreieck"

Ein Doppelpack von Kevin Kuranyi hat Deutschland eine hervorragende Ausgangsposition im Kampf um die Qualifikation für die EM 2008 beschert. Mit der besten Vorstellung seit der Weltmeisterschaft wurden die starken Tschechen besiegt, die immer wieder im "Bermuda-Dreieck" den Ball verloren.

Von Nico Stankewitz

Die deutsche Nationalmannschaft hat die schwerste Aufgabe seit dem WM-Halbfinale gegen Italien mit Bravour gelöst. In Prag gelang ein 2:1-Sieg mit einer spielerisch und taktisch beeindruckenden Leistung. Dabei wurde mit Kevin Kuranyi ausgerechnet der einzige Nicht-WM-Teilnehmer zum Matchwinner in einer sehr überzeugenden deutschen Mannschaft. Wie bei der Weltmeisterschaft gelang der Spagat zwischen diszipliniertem Defensivverhalten und munterem Angriffsfußball ausgezeichnet.

Zentrale in WM-Form

Schlüssel zum Sieg war der exzellente Auftritt der deutschen Zentrale mit den Innenverteidigern Per Mertesacker und Christoph Metzelder sowie dem Mittelfeld-Staubsauger Thorsten Frings. In diesem "Bermuda-Dreieck" verfingen sich eigentlich alle tschechischen Angriffe der ersten Hälfte, das Trio demonstrierte absolute WM-Form. Unterstützt vom fleißigen, aber offensiv zu wenig zwingenden Kapitän Michael Ballack wurde die tschechische Mannschaft immer wieder zu Fehlern gezwungen, die Anspiele auf den riesigen Jan Koller - wichtigstes offensives Stilmittel der Tschechen - waren nicht möglich. Erst als Tschechien in der Schlussphase alles nach vorne warf, kam auch Koller besser ins Spiel, insgesamt hatte der 2,02 Meter große Stürmer vom AS Monaco jedoch nach der Begegnung mehr Fouls als konstruktive Ballkontakte auf dem Konto.

Etwas mehr Probleme gab es auf den Flügeln, wo Philipp Lahm auf der ungewohnten rechten Seite (wie auch bei den bisherigen Auftritten) nicht ganz so überzeugend wirkte wie links und der junge Gladbacher Marcel l Jansen zwar ganz starke Szenen in der Vorwärtsbewegung hatte und auch an einer Reihe von Torchancen beteiligt war, defensiv aber auch einige Probleme hatte. Lahm löst die Defensivaufgaben einfach abgeklärter und wirkt links wesentlich agiler als rechts, mit der Rückkehr der "gelernten" Rechtsverteidiger Friedrich und Fritz dürfte die Kombination Lahm/Jansen wieder in den Status einer Notlösung zurück treten. Dennoch ist die optimale Lösung auf der rechten Abwehrseite immer noch nicht gefunden, wie schon bei der WM gibt es hier immer noch keine Ideallösung.

Kevin Kuranyi - Kopfballungeheuer und Matchwinner

Im Angriff hatte es nach der Sperre von WM-Torschützenkönig Miroslav Klose und der Verletzung von Hoffnungsträger Mario Gomez das größte Fragezeichen gegeben, aber Lukas Podolski hat sich gerade rechtzeitig aus seinem Bayern-Tief befreit, und der Rückkehrer Kuranyi zeigte in der Nationalelf altbekannte Vollstreckerqualitäten. Nachdem der Schalker im Jahr 2006 kein Länderspiel bestritten hatte und die WM im eigenen Land verpasste, ist er seit Saisonbeginn im Aufwind und markierte seine Nationalmannschaftstreffer 16 und 17 im 37. Länderspiel.

Neben seiner Kopfballstärke zeichnet Kuranyi seine Laufbereitschaft aus, er arbeitet viel fürs Team und geht lange Wege, um auch in der Abwehr auszuhelfen. Der Wert dieses Spielers bemisst sich - ähnlich wie bei Klose - nicht nur in der reinen Trefferausbeute, sondern auch in den vielen Räumen, die er während einer Partie öffnet und schließt. Durch Kuranyis überzeugendes Comeback hat Löw hier eine wertvolle Alternative gewonnen, denn der 25-Jährige hat ja in der Vergangenheit schon bewiesen, dass er auch prächtig mit Klose harmonieren kann. Da hinter diesem Trio mit Gomez, Schlaudraff und Kießling einige Neuentdeckungen auf ihre Chancen warten, scheint die Zeit der WM-Reservisten Neuville und Hanke langsam aber sicher abzulaufen.

Alpen-EM: Wir kommen!

Im Gegensatz zu vielen Konkurrenten verfügt Deutschland auch neun Monate nach der WM über eine perfekt eingespielte Mannschaft. Aus der gedachten Wunschformation von Jogi Löw fehlten in Prag nur Miroslav Klose (Gelb-Sperre) und Arne Friedrich (Verletzung), die aber durch Marcell Jansen und Kuranyi glänzend vertreten wurden, ansonsten standen neun Stammspieler der WM-Elf auf dem Platz. Schwieriger wäre es für Löw gewesen, an diesem Wochenende auf Ausfälle zu reagieren, denn mit Fritz, Kehl, Borowski und Gomez fehlten wichtige Alternativen in allen Mannschaftsteilen.

Nach dem Sieg im vermeintlich schwersten Spiel auswärts beim Hauptkonkurrenten befindet die deutsche Mannschaft sich auf einem guten Weg zur Alpen-EM 2008 in Österreich und der Schweiz. Die Mannschaft zeigt Reife und Abgeklärtheit und Jogi Löw beschreitet den erfolgreichen Weg von Jürgen Klinsmann konsequent weiter. Im Testspiel gegen Dänemark wird eher eine B-Mannschaft auflaufen, der Bundestrainer wird Spielern wie Trochowski, Schlaudraff, Hilbert, Castro oder Kießling eine Chance geben und bewährte, hochbelastete Kräfte wie Frings oder Schneider schonen.

Wissenscommunity