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Champions League: In München muss es müllern

Fans und Beobachter sind sich einig: Pep Guardiola hat sich verzockt. Wie konnte er nur Weltmeister Thomas Müller bei Atlético Madrid auf der Bank lassen? Ein Fehler, den der Coach nicht zum ersten Mal machte - und nichts daraus lernte.

So soll, ja muss es im Rückspiel gegen Atlético Madrid werden: Thomas Müller bejubelt ein Tor für den FC Bayern München.

So soll, ja muss es im Rückspiel gegen Atlético Madrid werden: Thomas Müller bejubelt ein Tor für den FC Bayern München.

"Glücklich ist man nicht darüber, aber man muss ja verstehen, dass im Fußball der Teamerfolg über dem eigenen stehen sollte." Thomas Müller machte nach dem 0:1 im Champions-League-Halbfinale seines FC Bayern bei Atlético Madrid gute Miene zum bösen Spiel. 70 Minuten lang ließ Pep Guardiola den Weltmeister auf der Bank schmoren, ehe er ihn - wie sich zeigte, viel zu spät - doch noch brachte. Bei Interviews nach dem Spiel zauberte Müller dann sogar noch ein kleines Lächeln in die Kameras. Das sah vor allem in der ersten Halbzeit ganz anders aus, als Müller die maue Darbietung seiner Teamkollegen missmutig von der Ersatzbank verfolgte.

Dass der Verzicht auf Müller dem Teamerfolg in irgendeiner Weise gedient hätte, war im Estadio Vicente Calderón nicht zu erkennen. Kein Hinweis darauf, was Pep Guardiola mit dem Verzicht auf seinen Champions-League-Torgaranten bezweckt haben könnte. "Das ist für mich eine riesige Überraschung. Müller ist für Bayern wie Messi für Barcelona", erklärte Hitzfeld in seiner Funktion als Sky-Experte. "In ganz wichtigen Spielen sind die fast nicht zu ersetzen. Aber Guardiola ist ein mutiger Trainer."


Im Nationalteam spielt Müller immer Rechtsaußen

Mutig vielleicht, glücklich nicht. Guardiola wollte das Spiel gegen einen Gegner, der Angriffspressing betreibe und tief verteidige "breit machen". Dafür war aus seiner Sicht ein Linksfuß auf dem linken Flügel nötig (Douglas Costa) und ein Rechtsfuß auf der Gegenseite (Kingsley Coman). Außerdem wollte er einen Mittelfeldspieler mehr aufbieten. So war für Müller wie auch für Franck Ribéry aus Guardiolas Sicht bis weit in die zweite Spielhälfte hinein kein Platz in der Bayern-Elf.

Louis van Gaal, der Entdecker von Thomas Müller, sagte einmal einen schönen Satz: "Müller spielt immer." Das galt schon, als Müller 20 war, ein Jungprofi und noch nicht Weltmeister. Mit 26 aber ist Müller ein Leader und gereifter Star, dem der 19-jährige Coman vorgezogen wurde. Guardiola musste doch wissen, dass Müller auch Rechtsaußen spielen kann. Da, wo Bundestrainer Joachim Löw ihn in der Regel in der deutschen Nationalmannschaft aufbietet, jene Position, auf welcher Müller mit den Jahren zum Weltstar gereift ist.

Nie eine gute Idee, auf Thomas Müller zu verzichten

So wichtig wie Lionel Messi! Der Hitzfeld-Vergleich trifft es. Natürlich ist Müller kein Dribbelgenie, doch seine Funktion im Bayern-Team 2016 ist der des Argentiniers beim FC Barcelona ähnlich. Acht Tore in elf Spielen hat der Ur-Bayer in der laufenden Königsklassen-Saison schon erzielt. Er war es, der die Bayern beim dramatischen Achtelfinalsieg gegen Juventus Turin mit seinem Kopfballtor in die Verlängerung und vor dem Ausscheiden bewahrt hatte. Und Müller ist in Form: Erst vor einer Woche hat er die Bayern mit zwei Toren gegen Werder Bremen ins Pokalendspiel gegen Borussia Dortmund befördert.


Guardiola und der Müller-Verzicht - das hat schon Tradition. Auch beim 0:1 im Halbfinal-Hinspiel 2014 bei Real Madrid hatte Guardiola bis zur 74. Minute auf Müller verzichtet. Und im Halbfinale 2015 in Barcelona wechselte er den Angreifer im Hinspiel beim Stand von 0:1 aus; das Spiel endete 0:3. "Vielleicht gibt es nächste Woche wieder eine neue Option", sagte der Bayern-Coach in Madrid.

Lahm: "Thomas macht noch ein Tor im Halbfinale"

In München, in der Allianz Arena, wird Guardiola kaum erneut auf die Publikumslieblinge Ribéry und Müller verzichten. Davon geht auch Müller aus. "Ich bin schon verärgert, dass wir kein Tor erzielt haben", sagte er in den Katakomben des Atlético-Stadions. Spieler wie er sehen sich jetzt gefragt, um das Endspiel in Mailand doch noch zu erreichen. Aus seinem Frust schöpft er Motivation: "Wir werden die Emotionen gut umwandeln und in München richtig einen raushauen."

Kapitän Philipp Lahm setzt auf seinen besten Kumpel im Team: "Ich bin mir sicher, dass Thomas Müller noch ein Tor macht im Halbfinale." Anders gesagt: Es muss müllern in München. Dann klappt's auch mit dem Finale.


dho/mit Agentur

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