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Atlético vs. FC Bayern: Pep Guardiola verliert das Duell der Taktiker

Zum dritten Mal in Folge verliert der FC Bayern München das Hinspiel im Halbfinale der Champions League. Pep Guardiola scheitert im taktischen Duell der Trainer an Diego Simeone, weil er unnötige Experimente wagt.

Von Felix Hutt, Madrid

Trainer Pep Guardiola und seine Bayern verzweifelten im Champions League Halbfinale an der Defensive von Atlético

Trainer Pep Guardiola und seine Bayern verzweifelten im Champions League-Halbfinale an der Defensive von Atlético

Die Gegensätze waren schon am Abend vor der Partie bei der Pressekonferenz zu erkennen: Pep Guardiola trug Hemd, Krawatte und einen roten Kaschmir-Pullover. Diego Simeone erschien im Trainingsanzug. Guardiola sprach wie ein Diplomat. Simeone redete vom Krieg. Sie mögen sich nicht, der elegante Katalane, der möglichst wenig von seinen Gefühlen zeigen möchte, und der Argentinier, der immer alles von sich zeigt und wie ein manischer Magier seine Mannschaft und sein Stadion anpeitscht. Sie sind zwei Krieger, die auf verschiedenen Wegen in die Schlacht ziehen, aber das gleiche Ziel haben: den Triumph. Dabei geht es nicht nur um den Sieg ihrer Mannschaften, sondern auch um das Besiegen der Antipode an der Seitenlinie. Pep gegen El Cholo. Kopf gegen Pathos. Kontrolle gegen Kampf. Gestern Abend im Estadio Vicente Calderon hat Simeones Leidenschaft gewonnen.

Aus der ganzen Stadt waren sie zum Stadion am Fluss Manzanares gepilgert. Auf Motorrädern sah man die Fans in ihren rot-weißgestreiften Trikots von Ahlético Madrid, auf Fahrrädern, aus den Autofenstern wehten ihre Schals. Es war mehr als ein Spiel, es war ein Fest. Vor dem Stadion sangen sie bereits Stunden vor dem Spiel ihre Lieder. "Athleti, Athleti", schallte es durch die Straßen. Sie zündeten Pyrotechnik, deren rote Flammen in Rauch aufgingen. Sie tranken Bier und Rum mit Cola, feierten sich und den Fußball.

Guardiola verzichtete auf Müller und Ribéry

Diego Simeone und Atlético Madrid funktionieren so gut miteinander, weil sie sich einig sind in ihrer anarchischen Haltung gegenüber den perfekt gemanagten Fußball-Unternehmen. Sie sehen sich immer als Sieger, weil die feinen Fußball-Adressen sich mit ihnen befassen müssen. Weil die Etablierten zu ihnen kommen müssen um sich ihre Niederlagen abzuholen. Im Stadion von Atlético Madrid sind die Sitzschalen hart und die Treppen voller Vogelkot. Die Toiletten würden es in keinen deutschen Bahnhof schaffen und das Wort Business Lounge existiert hier nicht. Unter der Haupttribüne lärmt die Stadtautobahn. Journalisten bekommen einen Gutschein für ein trockenes Sandwich. Der Rasen wird nicht gesprengt, damit der Gegner das Spiel nicht schnell machen kann. Von den Tribünen brüllen die Besoffenen im Takt des schwarzen Sheriffs Diego Simeone in seinem schwarzen Anzug mit schwarzer Krawatte. Wer hier bestehen will, der sollte seine besten Krieger in die Arena schicken.

Das tat Guardiola gestern Abend aber nicht. Er setzte Ribéry und Müller auf die Bank. Zwei Seelen des FC Bayern München. Vor allem Müller ist eine Lebensversicherung, einer, der Herausforderungen wie diese liebt, annimmt und sehr oft erfolgreich bewältigt hat. Neben dem verletzten Arjen Robben ist er der Panzerknacker der Bayern, der gegen eine Abwehr wie die von Madrid ein Tor macht, auch wenn es keine Chance dazu gibt. Seine Nicht-Aufstellung gleicht fast einer Respektlosigkeit. Nie hätte Guardiola in seiner Zeit bei Barcelona Xavi oder Iniesta, die so bedeutend sind für ihre Mannschaft wie Müller für Bayern München, in einem Halbfinale draußen gelassen. Bereits vor zwei Jahren beim Hinspiel im Halbfinale gegen Real Madrid stellte Guardiola ihn nicht in die Startelf. Das Spiel endete 0:1, die Bayern schossen kein Auswärtstor und schieden später aus. Guardiola schickte eine Mannschaft auf das Feld, die in der Konstellation nicht eingespielt war. Er ließ den jungen Kingsley Coman auf der rechten Seite erfolglos gegen den beinharten Verteidiger Filipe Luis anlaufen. Auf dem linken Flügel bewies Douglas Costa, bester Spieler der Hinrunde, einmal mehr, warum er das in der Rückrunde nicht mehr wird.

Madrid ging verdient in Führung

Atlético Madrid wirkte physisch stärker, aber vor allem mental aggressiver. Anfangs zogen sie sich nicht nur zurück, besannen sich auf das Verteidigen, was sie besser können als jede andere Mannschaft, sondern machten das Spiel, gingen verdient in Führung. Das Tor von Saúl Niguez nach einem Solotanz durch die bayerische Abwehr wäre umgekehrt nie gefallen, so berührungslos hätten die Madrilenen keinen der Bayern gewähren lassen.

Die Bayern wussten, wer und was ihnen gegenüber stand, aber sie konnten in der ersten Halbzeit nicht darauf reagieren. War es häufig eine von Guardiolas Stärken, dass er eine Startaufstellung, die nicht funktionierte, korrigierte, brachte er gestern Ribéry und Müller erst zur Hälfte der zweiten Halbzeit, in der die Bayern besser spielten, aber trotzdem wenig Chancen hatten. Die beiden konnten nicht mehr helfen. Alaba traf die Latte, Torres den Pfosten, ein 0:2 hätte die Finalträume der Bayern wohl beendet.

"Schlachten gewinnt nicht der, der die meisten Soldaten hat. Sondern der, der sie richtig einsetzt", hatte Simeone bei der Pressekonferenz gesagt. Im Hinspiel ist ihm das gelungen. Guardiola muss sich fragen lassen, wieso er in den entscheidenden Spielen der Saison nicht einer Aufstellung das Vertrauen schenkt. Beim Rückspiel am Dienstag in München braucht er zwei Tore gegen Simeones Abwehrriegel und muss gleichzeitig verhindern, dass Torres, Griezmann oder Niguez wieder durch seine Abwehr tanzen und ein Tor schießen. Müller sollte dann dabei sein, Robben nicht, und Katsche Schwarzenbeck, der in Brüssel 1974 in letzter Minute das entscheidende Tor gegen Atlético Madrid schoss, wird aus Altersgründen auch fehlen. Im Spiel gegen die Bayern gehe es nicht um eine Revanche für damals, sagte Simeone noch, jedes neue Spiel sei eine Chance zu gewinnen. Ganar. Gewinnen. Nur darum gehe es ihm. Vielleicht hat Guardiola zugehört.


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