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FC Bayern München: Alarm in der Vorbereitung - auch wegen Klinsmann

Die Bayern befinden sich in der entscheidenden Phase der Saisonvorbereitung - doch wo steht die Mannschaft derzeit? Das ist selbst für Neu-Trainer Louis van Gaal schwer zu beurteilen. Verletzte Spieler sowie eine beinahe schon unerträgliche Testspiel-Tingeltour gefährden den Saisonstart.

Von Klaus Bellstedt

Exakt 22 Tage ist der neue Bayern-Trainer Louis van Gaal jetzt im Amt. Es waren keine schönen, keine erfreulichen Tage für den niederländischen Disziplinfanatiker. Für einen Trainer ist die Zeit vor einer neuen, kräftezehrenden Saison die wichtigste Phase des Jahres. Wie ein Theaterregisseur vor der großen Premierenvorstellung muss er sein Ensemble immer wieder probieren lassen. Er muss unterschiedliche Spielsysteme einstudieren. Er muss die richtige Mischung finden. Aber das kann ihm nur gelingen, wenn er denn auch alle Mitglieder des Ensembles an Bord hat - und wenn der Rhythmus der Vorbereitungsphase in ruhigen Bahnen verläuft. Beides ist bei den Bayern nicht der Fall. Louis van Gaal steckt in einem Dilemma.

Nehmen wir nur mal den Fall Franck Ribéry: Mittlerweile gibt Van Gaal überhaupt keine Prognose mehr ab, wann der am Knie verletzte Franzose wieder voll einsatzfähig ist. "Er hat eine Sehnenverletzung und das ist immer schwer einzuschätzen", sagt der Coach des FC Bayern München. Am Mittwochvormittag absolvierte Ribéry wieder nur eine individuelle Einheit im Trainingslager des deutschen Rekordmeisters in Donaueschingen, statt mit dem Team zu kicken. Ribérys Ausfall sei sehr schwierig, sagt Van Gaal weiter. "Aber ich kann viele Spieler ausprobieren, das ist ein Vorteil." Was bleibt dem Trainer auch anderes übrig. Er muss das so sagen.

"Wir müssen das beobachten"

Während die ebenfalls angeschlagenen Miroslav Klose (Probleme am Sprunggelenk) und Anatolij Timoschtschuk (Oberschenkelprellung) bei dieser Einheit wieder dabei waren, fehlte neben Ribéry auch Luca Toni. Für den erst vor einer Woche aus dem Urlaub zurückgekehrten Stürmer, der sich weiter mit Achillessehnenproblemen herumplagt, wird die Lage immer schwieriger. "Er trainiert mit den Reha-Trainern. Er kann nicht so gut trainieren wie Ribéry", verrät der niederländische Trainer. Wobei das "gut" bezogen auf Ribèry durchaus relativ einzuordnen ist…

Er gehe nicht davon aus, zum Saisonbeginn schon seine Wunsch-Elf aufbieten zu können, sagt ein leicht desillusionierter Van Gaal weiter. "Ich hoffe es, aber die Zeit drängt. Auch für Franck Ribéry, denke ich." Ein weiteres Sorgenkind im Staraufgebot der Bayern ist Bastian Schweinsteiger. Eigentlich wollte der Mittelfeldmann nach seiner Meniskus-Operation zum Trainingsstart fit sein. Doch die Reha dauerte länger, er verpasste wertvolle Vorbereitungszeit. "Die Rechnung ging nicht ganz auf", gibt Schweini zu. Immerhin: Schweinsteiger, auf den Van Gaal große Stück hält, konnte in der Zwischenzeit die ersten Einheiten mit dem Team absolvieren. "Wir müssen das beobachten", so die nicht gerade euphorisch klingende Ansage des Trainers im Falle Schweinsteiger.

Hoeneß kritisiert Klinsmanns Planung

Seit dem 1. Juli sind die Münchner im Training. Wo die eigene Mannschaft derzeit steht, vermag der Neu-Trainer aber noch immer nicht zu bemessen. "Ich weiß nicht, wie viel unsere Mannschaft schaffen kann. Das ist ein Prozess. Wir müssen uns jeden Tag verbessern. Wir müssen Dinge, die man ansonsten komplett in der Vorbereitungsphase trainiert, auch noch üben, wenn die Bundesliga bereits begonnen hat", diktierte er am Dienstag nach dem 10:0-Testspielsieg bei den Stuttgarter Kickers den Journalisten in die Blöcke. Und auch einen Kommentar zum Gastspiel bei den Kickers hatte er noch übrig: "Gegen einen Gegner aus der 4. Liga ist das ausreichend gewesen, gegen 1. Liga wäre das nicht ausreichend." Das klingt alarmierend.

Für die vielen Wehwehchen (auch Neuzugang Edson Braafheid zwickte es zuletzt im Knie) und Verletzungen seiner Spieler kann der neue Trainer gar nichts. Und er kann auch nichts für die seltsame Saisonvorbereitung. Die hatte nämlich noch sein Vorgänger Jürgen Klinsmann vorgenommen. Louis van Gaal blieb keine Chance, darauf Einfluss zu nehmen. Uli Hoeneß hat erklärt, warum es überhaupt soweit kommen konnte: "Jürgen Klinsmann wollte in zwei, drei Stufen beginnen zu trainieren. Deshalb war das Trainingslager erst geplant ab dem Zeitpunkt, an dem alle Spieler wieder da sind. Da aber alle bis auf Luca Toni schon von Anfang an da waren, hätte man gleich ins Trainingslager fahren müssen. Dann hätte man nicht diese Zerrissenheit gehabt."

Gaudi-Spiel gegen Bushido und Co.

Zerrissenheit ist gut. Es ist ein Wahnsinn, was die Bayern in ihrer Vorbereitung bis jetzt an Kilometern gefressen haben. Die rot-weiße Karawane gondelte vom Standort München aus über Salzburg, Waging am See, dann nach Donaueschingen, zum "T-Home-Cup" nach Gelsenkirchen, zuletzt am Dienstagabend ins Stuttgarter Degerloch zum Testspiel gegen die Kickers. Und der Irrsinn geht weiter: Am Freitag geht's per Flugzeug nach Köln zum Poldi-Ablöse-Match, dann erneut nach Gelsenkirchen zu einem ziemlich überflüssigen Witzspiel gegen die von Blödelbarde Oliver Pocher trainierten "McFit Allstars", also gegen Bushido und Co. Da fragt man sich nicht nur als Bayern-Fan: Muss das eigentlich sein? Die Vorbereitung auf das erste Pflichtspiel der neuen Saison in der ersten DFB-Pokalrunde gegen die SpVgg Neckarelz findet dann wieder in München statt. "Es ist schon sehr ungewöhnlich", sagt Abwehrspieler Andreas Görlitz über die Tingeltour und ist mit seiner Meinung nicht alleine im Team. Eine störungsfreie Vorbereitung sieht anders aus. Louis van Gaal, er kann einem wirklich ein bisschen Leid tun.

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