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FC Bayern München: Die große Klinsmann-Krise

Drei der letzten vier Partien verloren, kein Kampfgeist, kein Spielwitz, dafür Probleme ohne Ende: Der FC Bayern München steckt in der Krise. Und das ausgerechnet vor der Champions-League-Partie in Lissabon. Es passt nicht mehr viel bei den Bayern – und Trainer Jürgen Klinsmann muss mehr denn je zittern.

Eine Analyse von Jens Fischer

Christoph Daum und Uli Hoeneß werden in diesem Leben keine Freunde mehr. Das weiß man, zu viel ist zwischen den beiden in der Vergangenheit vorgefallen. Dennoch tat Daum nach dem Sieg seiner Kölner in München etwas, womit nicht dringend zu rechnen war. Er machte dem wütenden Hoeneß Hoffnung und sprach davon "glücklich zu sein, beim kommenden Meister Bayern München gewonnen zu haben". Eine Erkenntnis, die er am frühen Samstagabend exklusiv hatte. Kommender Meister Bayern München? Das scheint nach dem peinlichen Auftritt der Münchner gegen Daums Kölner so wahrscheinlich zu sein, wie ein nüchterner Jecke nach einer langen Nacht im Karneval.

"Wir hatten einen schlechten Tag", meinte Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann nach der dritten Niederlage im vierten Rückrundenspiel. Eine Aussage, die nur unbefriedigend wiedergibt, an was es bei den Bayern ausgerechnet in den entscheidenden Wochen fehlt. Es mangelt an Willen, Zweikampfhärte und dem notwendigen Feuer, das es braucht, auch eigentlich unterlegenen Gegnern wie eben Köln Paroli zu bieten. Ein Zustand, der nichts mit hier und heute zu tun hat, sondern das Resultat einer konsequenten Negativ-Entwicklung ist.

Derzeit kein Titelkandidat

Klar ist: Die Bayern boten gegen Köln ihr schwächstes Saisonspiel, da kann selbst das desolate 2:5 gegen Werder Bremen nicht mithalten. Und noch eines bedarf derzeit nicht der Diskussion: In dieser Verfassung haben die Bayern mit der Vergabe der Meisterschale nichts zu tun. Momentan reicht es den Gegnern, der fragilen Klinsmann-Truppe geordnet und defensiv gegenüber zu treten, die linke Seite und damit den "Alleinverantwortlichen" Franck Ribéry lahm zu legen und mit Kontern gefährlich zu bleiben. Ein banales Erfolgsrezept – gegen die Bayern momentan aber absolut ausreichend.

Das Geheimnis einer erfolgreichen Mannschaft besteht immer auch im perfekten Zusammenspiel der "internen" und "externen" Wahrheit. Sportlich muss es innerhalb der Mannschaft stimmen, aber auch die Außendarstellung sollte keine unnötige Unruhe entfachen. Bei den Bayern stimmt augenblicklich beides nicht. Die Basis des Erfolgs ist brüchiger denn je, es herrscht Unruhe im Verein und das lässt sich täglich weniger verheimlichen.

Viele sportliche Baustellen

So muss der Autor dieses Textes lange überlegen, mit welchem sportlichen Schwachpunkt in der Bayern-Mannschaft er beginnen soll. Sagen wir es so: Die "interne Wahrheit" der Bayern ist bis ins Mark gestört. Bis auf Miroslav Klose gab es gegen Köln niemanden, der gehobenen Ansprüchen genügte. In der Abwehr herrscht regelmäßig Chaos. Philipp Lahm ließ sich vor dem zweiten Gegentreffer wie ein Schuljunge austanzen, Martin Demichelis verschläft seit Wochen jeden Steilpass, und dass ein Lucio aus welchen Gründen auch immer gegen Köln auf der Bank Platz nahm, wird ebenfalls seine Gründe haben.

Im Mittelfeld: Bastian Schweinsteiger ist seit Wochen außer Form und wurde unter der Woche von Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge nachdrücklich daran erinnert, seine rechte Seite doch etwas auffälliger zu gestalten. Denn nur Ribéry den "Ball zu geben und abwarten, was passiert" – diese Taktik funktioniert nicht mehr. Darauf haben sich die Gegner eingestellt. Die Bayern sind offensiv leicht auszurechnen und hinten löchrig. Eine fatale Kombination. Dazu mangelt es an Willen und Kampfgeist – nur mit Fußball-Ping-Pong ist auch in der Bundesliga nichts zu holen.

Ständige Diskussionen

Dazu kommt das exzessive Medientheater, das mit der Inthronisierung von Klinsmann noch heftiger geworden ist. Immer wieder müssen die Bayern, namentlich Manager Uli Hoeneß und Rummenigge, darüber parlieren, was intern bei den Münchnern los ist. Da wird zum Beispiel Klinsmann von beiden Bossen aufgefordert, einen Lukas Podolski endlich wieder in den Kader zu berufen. Dass dieser Podolski gegen Köln nach 45 Minuten auswechselte und seinen "Liebling" Landon Donovan brachte, wird diesen Konflikt nicht gerade bereinigt haben.

Permanent wird über die sportliche Zukunft von Ribéry spekuliert, über Eventualitäten wie mögliche Starverpflichtungen diskutiert oder sich mit der ständig wiederkehrenden Torwartdiskussion um Michael Rensing beschäftigt. Derartige Debatten bleiben auch an den Spielern hängen – zu bestaunen bei der jüngsten Verbalattacke von eben Rensing ("Das geht mir auf die Eier") oder Überheblichkeiten von einigen Spielern auf dem Platz. Es wird wieder zu viel geredet bei den Bayern. Der "FC Hollywood" ist zurück. Die "externe" Wahrheit ist gestört.

Klinsmann braucht Erfolge

Eine gefährliche Entwicklung, wie auch Rummenigge weiß. "Nach diesen zwei Niederlagen müssen wir jetzt schnell die Kurve kriegen. Damit müssen wir am Mittwoch in Lissabon beginnen", forderte er nach dem Köln-Spiel. Ein klarer Auftrag auch für Klinsmann. Nicht auszudenken, sollten die Bayern nach den beiden Partien gegen Sporting Lissabon in der Champions League nicht mehr vertreten sein. Personelle Konsequenzen wären kaum noch abzuwenden und wen erwischt es bekanntlich immer als Ersten? Den Trainer.

Aber es steht noch viel mehr auf dem Spiel: Bei anhaltendem sportlichen Misserfolg wäre ein ganzes System in Gefahr. Nicht die nationale, sondern die internationale Spitze ist das anvisierte Ziel der Münchner Verantwortlichen. Dafür wurden vermeintliche Superstars wie Ivica Olic oder Anatoli Timoschtschuk verpflichtet. Die werden auf die Teilnahme am Uefa-Cup wenig Lust verspüren – übrigens genauso wie ein Ribéry oder Luca Toni. Ob die dann zu halten sein werden? Mehr als fraglich.

Eine Analyse von Jens Fischer

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