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FC Bayern München: Keine Ideen und keine Ahnung

Den Bayern droht schon wieder eine Saison ohne Meistertitel. Die erste Halbzeit beim 0:0 in Freiburg war ein spielerischer Offenbarungseid. Vor dem wichtigen Champions-League-Spiel beim FC Basel gerät auch Trainer Jupp Heynckes in die Kritik.

Von Klaus Bellstedt

Es war eine Szene mit Symbolcharakter: Als Holger Badstuber in Freiburg nach einer Stunde mal wieder eine weite Flanke aus der Abwehr misslang, klatschte Arjen Robben höhnisch Beifall. Bayerns Innenverteidiger schüttelte daraufhin nur den Kopf. Zwar ist der Vorfall nur eine Randnotiz, aber auch er zeigt, warum sich die Bayern nach dem enttäuschenden 0:0 beim Tabellenletzten in der Krise befinden: Die Mannschaft von Trainer Jupp Heynckes ist im Moment nicht in der Lage, einen in fast jeder Beziehung limitierten Gegner mit spielerischen Mitteln zu beherrschen und ihn zu besiegen. Das Alarmierende an der Situation für die auf Rang drei abgerutschten Münchner: Selbst die Spieler sind ratlos.

Kapitän Philipp Lahm wusste nicht zu erklären, warum die Bayern, die nach dem missglückten Start in die Rückrunde nach den beiden letzten Siegen im Pokal beim VfB Stuttgart und in der Liga gegen Kaiserslautern eigentlich wieder gefestigt schienen, abermals Schwächen offenbarten. "Ich habe keine Ahnung, warum", sagte Lahm am Tag nach der Niederlage. Der Kapitän habe einen niedergeschlagenen Eindruck gemacht, berichten Beobachter. "Mir san mia" steht für das Selbstverständnis des FC Bayern München. Damit drücken Hoeneß und Co. üblicherweise die ihrer Meinung nach unerreichbare Überlegenheit des Klubs aus. Aber davon ist nichts mehr übrig geblieben. Christian Nerlinger und Philipp Lahm fürchten bereits bei der Titelvergabe die Zuschauerrolle: "Das wird sonst ein Zweikampf zwischen Dortmund und Mönchengladbach", meinte der Sportdirektor. "Wir haben es nicht mehr selbst in der Hand", räumte der Kapitän kleinlaut ein.

Keine Spielidee

Weil sich die Konkurrenz im Titelkampf keine Blöße gibt, haben die Bayern nun bereits vier Punkte Rückstand auf Tabellenführer Dortmund - und mussten sogar Mönchengladbach passieren lassen. Während die beiden Borussias als Spaßfußballer durchs Land ziehen, kommen die Bayern bis auf wenige Ausnahmen - wie das Pokalspiel beim VfB Stuttgart - Woche für Woche als Biedermänner daher. Das Spiel gegen den SC Freiburg dient dafür besonders gut als Beleg.

Mangelnde Bewegung, statisches Spiel, Querpässe statt Zuspiele in die Spitze, viele Ballverluste im zentralen Mittelfeld. All das, was Dortmund und Gladbach auszeichnet, lässt Bayern vermissen. Daran sind die Spieler Schuld. Die wirken derzeit wie Stars aus der Steinzeit. Aber auch der Trainer muss sich Kritik anhören. Indirekt wurde die von Nerlinger an Heynckes bereits geübt.

Als Heynckes nach dem 0:0 noch davon sprach, den schlimmen Auftritt in der ersten Halbzeit "knallhart analysieren" zu wollen, hatte der Sportdirektor davon längst schon die Zusammenfassung parat: "Alle grundlegenden Elemente haben gefehlt. Leidenschaft, Einstellung, Laufbereitschaft, Aggressivität, aber auch die notwendige Spielanlage, um dominant und überzeugend zu spielen." Worte, die klar an Heynckes adressiert sind.

Der Trainer hat im Moment zwei große Probleme: 1. Er schafft es nicht, aus einer Ansammlung von Einzelspielern ein kompaktes Kollektiv mit einer Spielidee zu formen und 2. Heynckes läuft mit seinem Verzicht von Arjen Robben in der Startelf Gefahr, das Betriebsklima nachhaltig zu stören. Erst als der Niederländer zur zweiten Hälfte eingewechselt wurde, besserte sich das Spiel der Bayern. Robben hatte auch die beste Chance zum Tor des Tages, das jedoch Freiburgs starker Keeper Oliver Baumann verhinderte. Der Flügelstürmer versucht mittlerweile nicht mal mehr, seine Frustration zu verstecken. Erinnert sei an die Szene mit Badstuber.

Heynckes unter Druck

Wer hätte das nach der überzeugenden Vorrunde der Bayern gedacht? Jupp Heynckes steht nach nur sechs Auftritten im neuen Jahr vor dem wichtigen Auswärtsspiel in der Champions League am Mittwoch beim FC Basel bereits enorm unter Druck. Wenn sich nicht rasch etwas ändert, ist vielleicht schon im Achtelfinale Schluss. Die Münchner sind gegen die Schweizer Favorit. Aber das waren sie gegen Freiburg auch. Der Trainer ist jetzt gefordert. Heynckes steht in der Pflicht und muss gegen Basel den Turnaround schaffen. "Der Trainer wird sicher die richtigen Worte und Maßnahmen finden", meinte Nerlinger nach der Nullnummer in Freiburg und erhöhte damit zusätzlich den Druck.

Für Montag ist an der Säbener Straße eine Krisensitzung angesetzt, in der nochmals die Vorkommnisse von Freiburg aufgearbeitet und Klartext geredet werden soll. In München geht die Angst vor einer weiteren Saison ohne Meistertitel um. Und in der jetzigen Form wird auch der Traum vom Champions-League-Endspiel im eigenen Stadion niemals Realität.

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