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Frauenfußball: Unsere Golden Girls

in aller Stille gewann die Deutsche Nationalmannschaft ihren ersten WM-Titel. Ob dieser Erfolg für den Frauenfußball das Wunder von Carson ist, wird sich zeigen. Bisher hielt sich die Euphorie stets in Grenzen.

Der Deutsche Fußball-Bund hatte die Angelegenheit früh geklärt, mit einem Verbot. Damit nicht "der Körper und die Seele der Frau unweigerlich Schaden" erlitten, hätten Frauen nichts auf dem Fußballplatz verloren, entschieden die Herren im Jahr 1955. Die Zeiten haben sich geändert, jedenfalls offiziell, auch beim DFB. Und deshalb sitzt dessen Präsident, Gerhard Mayer-Vorfelder, nun im Stadion von Carson und schwitzt im schwarzen Dreiteiler unter der kalifornischen Sonne.

"Ich finde, man kann das sehr gut anschauen"

, sagt er mit Blick auf das Feld. Aber Fußball bleibe ein Kampfsport. "Es ist nicht die fraulichste Sache. Manchmal denke ich schon, o Gott, muss das sein, das tut mir ja selbst ein bisschen weh."

Zwei Tage lang hatte er überlegt, ob er wirklich nach Los Angeles fliegen sollte. Dann entschied er sich für ja, das verlange der Respekt. Schließlich ging es um eine Weltmeisterschaft. Das bedeutet normalerweise: Nichts geht mehr in Deutschland, Deutschland, Deutschland. Außer Fahnen schwenken und trinken. Vor allem, wenn "wir" siegen. Dabei hatte die Mehrheit des Landes zunächst gar nicht mitbekommen, dass "wir" irgendwo spielen.

Doch plötzlich konnten die Medien nicht genug kriegen vom Frauenfußball. Schließlich hatte die deutsche Elf Titelverteidiger USA entthront - ausgerechnet auf amerikanischem Boden. Die staunenden Deutschen erfuhren, dass die Mannschaftskapitänin Bettina Wiegmann öfter für ihr Land gespielt hat als Lothar Matthäus. "Bild" entdeckte Torhüterin Silke Rottenberg, taufte sie "unsere Kahn". Und dass der DFB-Präsident nicht beim Spiel der Männer gegen Island sein konnte, schien mit einem Mal nur logisch: "Jetzt wird Frauen-Fußball zur Chefsache. Fußball-Mädels wichtiger als Rudi."

Daheim sitzen 13,5 Millionen Leute vor den TV-Geräten, mehr als am Vortag beim EM-Qualifikationsspiel der Männer. Aber davon ahnen die Spielerinnen nichts an diesem strahlenden Morgen. Vor sich halbleere Ränge, die sich langsam füllen. Im vergangenen Jahr in Japan saß Mayer-Vorfelder mit dem Innenminister und dem Bundeskanzler auf der Ehrentribüne. Diesmal haben die beiden Faxe geschickt, immerhin. Der deutsche Botschafter sagte in letzter Minute ab. Mayer-Vorfelder schwitzt noch immer. Unten auf dem Rasen sind die Schwedenmädels mit ihren fliegenden blonden Zöpfen nicht nur hübscher als die deutsche Mannschaft, sie schießen auch noch das erste Tor. In der Pause kommt Jürgen Klinsmann. Es werde schon werden, sagt er. Der frühere Nationalstürmer lebt seit einigen Jahren in Los Angeles, in den letzten Tagen hat er den Frauen oft beim Training zugeschaut. "Was die qualitativ leisten, ist allererste Klasse", sagte er. "Die können das Spiel lesen. Die haben einen Blick dafür, schon bevor sie den Ball bekommen."

Die goldene Trophäe

steht am Spielfeldrand, rund zwei Kilo schwer, 37 Zentimeter hoch. Bereits vor einem halben Jahr hat Tina Theune-Meyer, die Trainerin, ein Bild des Pokals an alle Spielerinnen verteilt. Damit sie wissen, wofür sie sich schinden. Vor acht Jahren haben sie es schon einmal versucht - da verloren sie im Finale 0 : 2 gegen Norwegen.

Aber dieses Mal wollen sie es schaffen. Wollen es so unbedingt schaffen, dass sie in den Tagen zuvor kaum ansprechbar sind. Man hätte annehmen können, die Fußballerinnen würden die Aufmerksamkeit genießen. Die Mädchen, die in der deutschen Bundesliga vor ein paar hundert Zuschauern spielen und höchstens von der Lokalzeitung interviewt werden. Aber die Spielerinnen wollten nur klösterliche Ruhe. "Wir müssen unsere Balance finden", sagte Theune-Meyer. Zwei Tage vor dem Spiel dann totales Medienembargo. Der Rummel störe die Konzentration. Die Klatschpresse war nicht da. Sie hätte sich eh gelangweilt - es gab nichts zu berichten. Keine nächtlichen Streifzüge, keine Stinkefinger, keine Groupies vorm Hotel. Nur Kinder, die Autogramme wollten.

Die zweite Halbzeit beginnt mit dem Ausgleich, und kurz vor Schluss wechselt die Trainerin eine neue Spielerin ein. Nia Künzer, 23, Studentin. Und die köpft das Tor. Weltmeister!!! Mit einem Golden Goal, genau wie vor zwei Jahren, als sie die Schwedinnen schon einmal besiegten. Damals wurden die Deutschen Europameister, zum fünften Mal. Die Euphorie hielt sich trotzdem in Grenzen. Aber nun sind sie die Besten, die Allerbesten. Die meisten Zuschauer gehen schon vor der Siegerehrung. Die deutschen Spielerinnen scheinen es nicht zu bemerken. Sie hüpfen auf dem Podium, Arm in Arm. Rottenberg hat noch immer ihre Torwart-Handschuhe an und wird sie die nächste halbe Stunde nicht ausziehen. Im Stadion brüllen die Leute: "Sverige, Sverige." Wenig Deutsche da. Herr Mayer-Vorfelder blickt strahlend zur Großleinwand: Zum tollen Tor gehört ein sehr vorzeigbares Gesicht.

In der Tat ist es so, dass die deutsche Nationalmannschaft alle Klischees zotiger Stammtischrunden bedient. Bei vielen Spielerinnen sind die weiblichsten Attribute ihre Ohrringe, sie tragen verbotene Frisuren und laufen wie Bauarbeiter. Oder eben wie Fußballer. Bis auf dieses Mädchen aus Frankfurt, Nia Künzer. Ihr letztes und einziges Tor, das sie in der Nationalmannschaft überhaupt geschossen hat, liegt zwei Jahre zurück, gegen Portugal. Und jetzt: Gold-Nia! Lange blonde Haare und ein süßes Lächeln.

Silke Rottenberg geht als Letzte in die Kabine. Die tiefe Falte, die sie seit Tagen zwischen ihren Brauen hatte, ist verschwunden. "Ich bin noch mal über den Rasen gerannt, um das alles zu realisieren", sagt sie. "Und wie geil das ist. Wie verdammt geil das ist. Wir haben es der ganzen Nation gezeigt. Deutschland steht Kopf." Sagt sie. In Los Angeles.

In den Tagen zuvor

hatte sie sich den Vergleich mit dem tragischen Helden Oliver Kahn verbeten. Und jetzt erst recht. Wenn man schon vergleichen wolle, könne man endlich sagen, was die Frauen den Männern voraushaben: "Der Ball wird länger im Spiel gehalten. Bei Männern wird jeder dritte Pass mit einem Foul gestoppt. Frauen sind robuster. Wenn die liegen bleiben, sind sie wirklich verletzt. Dagegen sind Männer richtige Weicheier."

Alles sei so satt bei den Kollegen. Für das Taschengeld, das sie verdiene, "würde sich Herr Kahn nicht mal die Schuhe anziehen". Im wahren Leben ist sie Oberfeldwebel bei der Luftwaffe. Birgit Prinz arbeitet als Physiotherapeutin, Kerstin Garefrekes, die während der WM vier Tore geschossen hat, zahlt Obdachlosen in Rheine Sozialhilfe aus.

Ob sich finanziell jetzt was ändern werde? "Nö", sagt Birgit Prinz. Wäre sie ein Mann, hätte sie längst Millionen auf dem Konto. "Aber wenn ich mich jedes Mal darüber aufregen würde, hätte ich schon vor zehn Jahren aufhören müssen." Sie spiele ja nicht Fußball, um ihr Leben zu finanzieren. "Man darf sich nicht so wichtig nehmen. Es geht schließlich nur um Fußball."

Birgit Prinz ist eine von drei Spielerinnen aus dem Team, die in den vergangenen Jahren einen Vertrag in den USA hatte. Nun geht sie nach Frankfurt zurück. Die Wusa, die amerikanische Frauen-Profiliga, wurde vor ein paar Wochen fürs Erste aufgelöst, sie ist pleite. Dass ausgerechnet die USA, das Land, in dem Frauenfußball gefördert wurde wie nirgends sonst, die Liga einstellen, sei bedauerlich. Das ändere aber nichts "an dem Schub", der nun wohl nach Deutschland komme, sagt Mayer-Vorfelder am Abend beim Bankett. "Die Mädchen haben sich in mein Herz gespielt." Und, tja, das mit dem Geld sei ein Problem. Er glaube schon, dass es mal eine Profiliga geben werde, aber frühestens in sechs Jahren. "Der Werbebereich hat das noch nicht erkannt. Dabei kann man ja eine typisch frauliche Werbung machen. Zum Beispiel mit Parfüm."

Steffi Kammerer / print

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