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DFB-Team vor dem Frankreich-Spiel: Birgit Prinz - kein bisschen Ballack

Es ist nicht das Turnier der Birgit Prinz - im Gegenteil. Die einstige Superstürmerin hat den Anschluss verloren. Warum ihr Fall mit Michael Ballack dennoch nicht zu vergleichen ist.

Von Klaus Bellstedt, Düsseldorf

Birgit Prinz spricht im Moment nicht - nicht mit der Presse. Der letzte öffentliche Satz der deutschen Rekordnationalspielerin ist fünf Tage alt. In der Mixed Zone der Frankfurter WM-Arena vergangenen Donnerstag nach dem Grusel-Kick gegen Nigeria, den die DFB-Frauen mit 1:0 gewannen, bellte die 33-Jährige einen Reporter an, der sie höflich um eine Einschätzung der eigenen Leistung gebeten hatten: "Da habe ich keine Lust drauf, können Sie selber machen." Ihre vorgeschobene Unterlippe bebte. Seitdem ist Sendepause.

Nadine Angerer kennt Birgit Prinz, die dreimalige "Weltfußballerin des Jahres", "gefühlte 100 Jahre". Die Torhüterin sagt: "Sie wird manchmal als griesgrämig und distanziert hingestellt, aber das ist sie überhaupt nicht. Sie ist halt nicht so die Person, die sich in den Mittelpunkt stellt. Sie wird eher dahin gedrängt." Es ehrt Angerer, wie sie über ihre Kapitänin spricht. Das gehört sich auch so. Aber das Bild, das sich der neutrale Beobachter bei dieser WM bisher von Birgit Prinz machen konnte, ist ein anderes.

Mehr geschlagen als abgeklatscht

Denn Birgit Prinz geht gerade durch die Hölle. Die Angreiferin ist das Topthema. Seit 343 Minuten ist sie im DFB-Trikot ohne Treffer, in den letzten zehn Spielen wurde Prinz jeweils ausgewechselt. Ihr unrühmlicher Abgang während der Partie gegen Nigeria ist schon jetzt eines der Bilder dieses Turniers. Ihre Mitspielerinnen wurden von ihr mehr geschlagen als abgeklatscht. Der Blick, der die Bundestrainerin traf, hätte auch einem Feind gelten können. Ob Prinz in dem Moment wusste, dass diese 52. Minute in Frankfurt das Ende ihrer Karriere in der Nationalmannschaft bedeuten könnte? Die gelernte Physiotherapeutin ist inzwischen auch Diplom-Psychologin, wahrscheinlich hat sie es schneller als alle anderen gemerkt.

Langsam, kompliziert, ja fast resigniert wirkte ihr Spiel gegen Nigeria. Gegen Kanada im deutschen WM-Eröffnungsmatch war das ähnlich. Offen zu Tage treten während dieser Weltmeisterschaft vor allem ihre körperlichen Defizite. "Grundsätzlich auf dem Sportplatz läuft es noch ganz gut, noch laufen mir die Jungen nicht davon", hat Birgit Prinz in einer Gesprächsrunde kurz vor dem Start des Turniers gesagt. Aber das stimmt nicht. Auf dem Rasen wirkt sie oft wie eine, die nicht mehr hinterkommt, die desorientiert ist und nicht weiß, welchen Pass sie als nächstes spielen soll.

Erträglicher wird der Schmerz nicht

Zu spüren, nicht mehr mit dem Rest mithalten zu können, muss für einen Sportler grausam sein. Für Birgit Prinz, für die die WM zum krönenden Abschluss ihrer Karriere werden sollte, ist das eine neue Erfahrung. Und auch wenn die Rekordnationalspielerin und -torschützin es selber am besten weiß, dass sie nicht mehr gut genug für die Stammelf ist: Erträglicher wird der Schmerz dadurch nicht. Distanz und Griesgrämigkeit sind wohl nur die logische Konsequenz.

Gegen Frankreich im letzten WM-Gruppenspiel (ab 20.45 Uhr im stern.de-Liveticker) in Mönchengladbach wird Birgit Prinz auf der Bank Platz nehmen. Die Duisburgerin Inka Grings rückt dafür in die Startformation. Sie soll im Angriff für mehr Dynamik sorgen. So direkt wollte das Silvia Neid den Reportern auf der Abschlusspressekonferenz zwar nicht sagen. Zwischen den Zeilen war aber eine klare Tendenz gegen Prinz zu erkennen. Und tatsächlich: Nach mehr als zwei Jahren muss die deutsche Spielführerin erstmals die Bank drücken.

Ihr Denkmal wird unbeschädigt bleiben

"Hut ab vor der Leistung von Birgit, die so lange auf höchstem Niveau gespielt hat. Irgendwann zählt das aber nicht mehr. Denn es geht um die momentane Form", sagte die Bundestrainerin, die sich - anders als Joachim Löw im Fall seines Ex-Kapitäns Michael Ballack - nicht vor einer schnellen Entscheidung in der Causa Prinz gedrückt hat. Neid hat eine Antwort gefunden und sich damit ihres größten Problems rechtzeitig entledigt. Eine Mannschaft kann das beflügeln. "Ich hatte gute Gespräche mit Birgit. Wir sehen das beide ähnlich." Auch das ist bei Löw und Ballack bis heute anders.

Birgit Prinz ist die erfolgreichste Fußballspielerin aller Zeiten, sie hat fast alles gewonnen, was man im Fußball gewinnen kann. Das hat sie weiser gemacht als viele andere. Die 33-Jährige ist klug genug, ihre Ansprüche zurückzuschrauben und keinen Stammplatz in der deutschen Nationalmannschaft bei dieser WM mehr zu beanspruchen. "Birgit ist nicht bester Laune, aber sie versucht das Beste daraus zu machen", gab die deutsche Co-Trainerin Ulrike Ballweg in diesen Tagen ein wenig von Prinz’ Gefühlen preis. Die Super-Stürmerin a.D. weiß: Ihr Denkmal bleibt unbeschädigt.

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