HOME

Fußball: Abseits-Stellung: Fußballprofis in der Rezession

Die Rezession hat nun auch den Fußball erreicht. Die Klubs reduzieren ihre Kader, rund 200 Profis sind arbeitslos. In der Not entwickelt sich eine ungekannte Solidarität.

Der Junge macht große Augen, als er von seinem Traum erzählt: Profi werden. Schön Geld verdienen, bisschen berühmt werden und vor allem - mit den Besten kicken. Dubi ist 18 Jahre alt, gilt als größtes Talent zwischen Karlsruhe und Offenburg, und bei seinem Klub, dem Landesligisten SV Bühlertal, sagen alle stolz: Der wird einer. Ganz sicher. Ein paar Monate später wechselt Dubravko Kolinger zum Karlsruher SC, der zur deutschen Spitze zählt. 1994 sieht die Zukunft golden aus für den Abwehrmann.

Neun Jahre später ist er weder reich noch berühmt. 15 Spiele in der Bundesliga und 56 in der 2. Liga, für den KSC und den FC St. Pauli. Jetzt, mit 27, ist er arbeitslos. Seit Februar schon, weil er seinen Vertrag in Hamburg aufgelöst und auf vier Monatsgehälter verzichtet hat. Der Trainer wollte ihn nicht mehr, auf der Tribüne hielt er es nicht aus. "Ich kann das nicht absitzen", sagt er, "so einer bin ich nicht." Für die 2. Liga reicht sein Können allemal. Aber es meldet sich keiner. Er sagt, er müsse Geduld haben. In der Tat. Auf dem Transfermarkt tut sich wenig. Seit die Fernsehgelder einbrachen, specken die Klubs ihre Kader ab. Natürlich haben die Stars noch immer unfassbar bezahlte Traumjobs. In der Bundesliga verdient auch ein Durchschnittsmann weiterhin 250 000 Euro. Während sich diese Glücklichen auf die neue Saison vorbereiten, die am 1. August beginnt, trainiert in der Duisburger Sportschule Wedau eine Notgemeinschaft ausgemusterter Profis unter der Leitung von Wolfgang Rolff. Zwei Dutzend vereinslose Kicker werden es in den nächsten Wochen sein, die postindustrielle Tristesse ringsum ist genau die richtige Kulisse.

Trainingslager für arbeitslose Fußballprofis

Die Rezession hat also auch das Glamour-Gewerbe Fußball erreicht, rund 200 Spieler sind derzeit ohne Verein - bei etwa 1600 Fußballprofis in Deutschland eine Quote von rund zwölf Prozent. Die prominentesten sind Weltmeister Thomas Hässler und der ehemalige Nationalspieler Paulo Rink. Sie trainieren, warten, hoffen. Und einstweilen bleibt vielen nichts anderes übrig, als sich beim Arbeitsamt zu melden. Auch wenn es manchem peinlich ist. "Ich habe den Eindruck, dass die meisten Spieler mit der Situation überfordert sind", sagt Thomas Hüser, Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsfussballspieler (VdV). In der Krise entwickelt sich daher ein ungekanntes Solidargefühl in der sonst so egomanen Branche. Die VdV, die das Duisburger Trainingslager veranstaltet, gewann allein vergangene Saison mehr als 100 Mitglieder dazu. Inzwischen sind es 990 von etwa 1600 Profis, darunter fast alle Nationalspieler; wer fehlt, ist Michael Ballack. Um etwas zu tun, rief der Dortmunder Christoph Metzelder den Marketing-Mann seines Ausrüsters an - am Tag darauf schickte Nike 40 komplette Ausrüstungen ins Arbeitslosencamp.

Als Spieler hat Oliver Held, 30, alle Höhen und Tiefen erlebt. Mit Schalke gewann er den Uefa-Cup, mit St. Pauli stieg er vor ein paar Wochen aus der zweiten Liga ab. "Ich warte auf Angebote", sagt er, "aber arbeitslos melde ich mich nicht, als Selbstständiger bin ich nicht nur vom Fußball abhängig." Held besitzt eine Waschanlage, eine Computerfirma, hat einen Gastronomiebetrieb, war klug genug, sich aufs Ende seiner Karriere vorzubereiten. Der Beruf des Fußballers ist naturgemäß ein vorläufiger. Diese Einsicht haben nur wenige. An einen anderen Beruf zu denken, das komme für ihn nicht infrage, sagt Helds Kollege Kolinger: "Dafür habe ich jetzt keinen Kopf. Ich kann noch ein paar Jahre kicken. Danach ist noch Zeit."

VdV plant Kurse für arbeitslose Profis

Die VdV will, dass ihre Mitglieder umdenken. Neulich veranstaltete sie mit der Personalberatung TMP/Hudson ein Seminar, um Spielern Perspektiven für das Karriereende aufzuzeigen, der erste Kurs für arbeitslose Profis soll folgen. Abwehrspieler Markus Happe, gerade mit dem 1. FC Köln in die 1. Liga zurückgekehrt, war bei dem Pilotprojekt dabei. Er ist 31, hat Abitur, studiert wie 80 VdV-Kollegen an der Fernuni Sportmanagement. Sein Vertrag läuft noch ein Jahr. Happe: "Was habe ich nach 14 Jahren Profifußball jemandem mit zehn Jahren Berufserfahrung entgegenzusetzen?" TMP/Hudson erstellte sein Persönlichkeitsprofil. "Erstaunlich, wie die einen durchschauen", sagt Happe, "das war sehr hilfreich. Damit kann man gar nicht früh genug anfangen."

Mehr Selbstständigkeit der Profis ist das Ziel

Inzwischen entdecken die Vereine ihre Verantwortung; der Hamburger SV etwa will jungen Spielern solche Seminare anbieten. Gut möglich, dass sich so eine neue Generation von Profis entwickelt: die mehr Eigenverantwortung tragen - und über die Gegenwart hinaus denken. Bislang taten die Funktionäre alles, um die Lebenstüchtigkeit der jungen Männer nicht zu überfordern. Spitzenklubs nehmen ihren Profis jeden Behördengang ab. Viele Spieler sind bei Vertragsverhandlungen gar nicht dabei, hoffen, dass die Berater tatsächlich ihre Interessen vertreten. Die aber vertreten allzu oft ihre eigenen. Buhlen mehrere Klubs um einen Spieler, entscheidet nicht selten die Höhe der Provision, wer den Zuschlag erhält. Viele Spieler haben keine Ahnung, wie viel Kohle ihr Berater einstreicht. Manche interessiert es nicht; andere trauen sich nicht zu fragen, aus Angst, das vermeintliche Vertrauensverhältnis zu zerstören. Ein Berater verhandelte kürzlich mit einem deutschen Europacup-Teilnehmer über den neuen Vertrag eines jungen Nationalspielers. Nach der Begrüßung, der Name des Hochbegabten war noch nicht gefallen, fragte er die Vereinsführung: "Wie hoch ist meine Provision?" Der Nachwuchsmann bekam Wind von der Sache und trennte sich von dem Agenten.

Die Kluft zwischen reich und arm in der Liga wird zunehmen

Immer wieder kursieren in der Szene Namen von Trainern, die bei Transfers mitkassiert haben - beweisen kann keiner was, aber es fällt auf, dass sie in der 1. Bundesliga nicht mehr angestellt sind. Ebenso werden Klubmanager der Bereicherung verdächtigt, die auffällig oft Spieler ein und desselben Beraters verpflichteten. Und nun sind es vor allem die Sportler, die auf der Straße sitzen. Sind sie selbst schuld? Waren sie zu gierig? Der Kölner Happe wird energisch: "Schadenfreude kann ich nicht nachvollziehen. Die Vereine haben ja die Gehälter hochgetrieben." In Zukunft wird die Kluft zwischen Spitzenverdienern und Durchschnittskickern wohl noch größer. Ganz am Ende stehen die No-Names der 2. Liga. Sie sind austauschbar. Werden sie von ihren Vereinen aussortiert, stehen sie oft ohne Perspektive da. Und aus der Regionalliga, die ja als professioneller Unterbau gedacht war, ist zu hören, dass manche Spieler zusätzliche Halbtagsjobs annehmen müssen.

Die Macht liegt wieder bei den Vereinen

Etwa 100 000 Euro verdient ein gestandener Zweitligaspieler. Kolinger wohnt in Eggenstein bei Karlsruhe, zehn Minuten vom Wildparkstadion entfernt. Er würde dort auch für die Hälfte auflaufen, der KSC, längst zweitklassig, ist sein alter Klub, aber dem Trainer passt er nicht ins Konzept. "So ist das Geschäft", sagt er. Kolinger macht sich keine Illusionen mehr. Es hat sich alles ins Gegenteil verkehrt. Nach dem Bosman-Urteil von 1995 lag die Macht bei den Spielern. Nun, seit dem Kollaps des Medienunternehmens Kirch, fehlt den Klubs das Geld, um die Riesenkader durchzufüttern. Plötzlich setzen die Vereine die Profis unter Druck. Warten, bis Ende August die Transferliste schließt, und handeln die Spieler gnadenlos runter. Der FC St. Pauli, der doch so gern zurück will ins Rampenlicht, bietet Bewerbern gerade mal 3000 Euro brutto im Monat. Der Staat zahlt Jobsuchenden bis zu 481 pro Woche. Und auf dem Arbeitsamt ist das Verletzungsrisiko eher gering.

Rüdiger Barth/Markus Götting / print

Wissenscommunity