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FUSSBALL-BUNDESLIGA: »Das tut sehr, sehr weh«

Gegen den Sturz von der Tabellenspitze stemmten sich nur wenige Bayer-Akteure, wie paralysiert wirkten sie. Die Leverkusener erlitten beim 0:1 gegen Nürnberg ein neues Titel-Trauma auf bayerischem Boden.

Neu-Nationalspieler Thomas Brdaric weinte bitterlich, Mittelfeldstar Michael Ballack flüchtete wortlos und Manager Reiner Calmund war kreidebleich. Knapp 200 Kilometer von Unterhaching entfernt erlebte Bayer 04 Leverkusen einen 0:1-Schock beim endgültig vor dem Abstieg geretteten 1. FC Nürnberg und ein neues Titel-Trauma auf bayerischem Boden. »Ich bin am meisten von dieser Niederlage enttäuscht, da ich mit Haut und Haaren für diesen Verein lebe. Wenn man in der ganzen Saison so großartigen Fußball gespielt hat, tut das sehr, sehr weh«, sagte Calmund mit brüchiger Stimme. Binnen einer Woche entglitt den Leverkusenern ein Vorsprung von fünf Punkten und die Tabellenführung in der Bundesliga, die nun mit einem Zähler mehr Borussia Dortmund (4:3 beim HSV) eroberte.

»Wir sind die Verlierer des Tages, doch wir haben so viele schöne Siege gefeiert, da müssen wir auch nach dieser Niederlage unseren Mann stehen«, bewahrte Klaus Toppmöller in seiner schwersten Stunde als Bayer-Chefcoach Haltung. Trotz aller Niedergeschlagenheit warf der 50-Jährige die Flinte aber nicht ins Korn und formulierte seinen Glauben an das Unglaubliche. »Die Chance ist noch da. Werder Bremen hat zuletzt auch in Leverkusen gewonnen«, sagte er mit Blick auf Dortmunds Gegner im Bundesliga-Finale, »vielleicht gibt es am Ende ja noch so etwas wie Gerechtigkeit.« Oder ein blaues Wunder, da auch Titelverteidiger Bayern München (1:0 in Wolfburg) wieder mitmischen und Bayer sogar noch auf Platz drei stoßen kann.

»Wir können jetzt nicht aufhören, Fußball zu spielen«

Gegen den Sturz stemmten sich nur ganz wenige seiner Bayer-Akteure, die wie paralysiert wirkten. »Jetzt ist Dortmund am Zuge. Die Möglichkeit ist noch da«, meinte Abwehrchef Jens Nowotny, der vor zwei Jahren die »Schmach von Unterhaching« miterlebte, kämpferisch. Auch Mittelfeldmann Bernd Schneider glaubt nicht, dass der BVB nun locker den Titel holt. »Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, wenn man an der Spitze steht und gewinnen muss«, so der Nationalspieler. Deshalb müsse man trotz der mehr als 60 Pflichtpartien in den Knochen noch einmal alle Kräfte gegen Hertha BSC mobilisieren. »Wir können jetzt nicht aufhören, Fußball zu spielen«, appellierte er an seine Mitspieler, die in der Kabine wie ein Häuflein Elend saßen. »Das war nicht so schön«, berichtete er.

Neben der theoretischen Chance auf den Meistertitel steht für die Bayer-Mannschaft in den kommenden Wochen noch weit mehr auf dem Spiel. Sie hat nach dem 2:2 im Halbfinal-Hinspiel der Champions League bei Manchester United in der zweiten Partie am Dienstag beste Aussichten auf den Einzug in das Finale der »Königsklasse«. »Vielleicht können wir uns gegen Manchester den Frust von der Seele rennen«, hofft Calmund auf schnelle Kompensation der Nürnberger Pleite. Sollte dies nicht gelingen, bliebe als dritte Titel-Chance das DFB-Pokalendspiel am 11. Mai gegen Schalke 04.

Häme und Spott

Trotz des womöglich erneuten Einbruchs auf der Bundesliga-Zielgeraden muss der dreimalige Vizemeister nun nicht mit Häme und Spott rechnen. Nach ihren famosen Siegen gegen Barcelona, Liverpool oder Manchester hat er sich Sympathien bei Fans und Konkurrenz erworben. »Für den ?Meister der Herzen? können wir uns nichts kaufen. In unserer Gesellschaft zählt nur der Titel«, meinte Calmund bitter, fügte aber hinzu: »Das Wichtigste ist, wir stehen wieder auf.«

Aufgebäumt haben sich mit unerwarteter Vehemenz die Nürnberger, die von Absteiger 1. FC Köln (2:0 gegen Freiburg) Schützenhilfe erhielten. »Unsere Aufgabe ist gelöst. Es tut mir Leid für die Leverkusener. Ich habe da noch viele Freunde«, sagte Paulo Rink, der erst zur Rückrunde von Bayer zu den Franken gewechselt war. Für den Sieg und den endgültigen Verbleib in der ersten Liga sorgte aber nicht er, sondern Teamkollege Marek Nikl, der das Tor des Tages (23. Minute) erzielte, und Schlussmann Darius Kampa. Er rettete mit seinen Paraden den Erfolg vor 44 416 Zuschauern über die Zeit.

»Schwieriges Jahr mit vielen Nebengeräuschen«

»Wir haben gegen die beste Mannschaft der Liga den Klassenerhalt geschafft, alles andere ist egal«, frohlockte »Club«-Trainer Klaus Augenthaler nach einem »schwierigen Jahr mit vielen Nebengeräuschen« und genehmigte sich ein Weißbier. Ein Stein vom Herzen fiel auch Club-Präsident Michael A. Roth. »Wir hätten nicht garantieren können, wie es in St. Pauli ausgegangen wäre«, gab er zu. Zusammen mit Trainer Augenthaler habe er mal durchgerechnet und festgestellt, dass die Nürnberger fünf Punkte mehr hätten haben müssen. »Die Mannschaft ist also nicht so schlecht wie ihr Tabellenstand«, meinte Roth.

Andreas Schirmer und Klaus Bergmann

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