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Fußball-Bundesliga: Eidgenossen in der Krise

Marcel Koller wurde Anfang der Woche beim VfL Bochum gefeuert und der kürzlich noch gefeierte Lucien Favre steht bei Hertha BSC mächtig unter Druck. Beide Schweizer symbolisieren die Krise im deutsch-schweizerischen Fußballverhältnis. Es droht sogar eine Zäsur.

Von Stefan Osterhaus, Berlin

Wie viel Zeit ihm noch bleibt, weiß Lucien Favre vermutlich selbst nicht mal. Der Trainer von Hertha BSC ist angezählt, die Leistungen seiner Mannschaft sind desolat, das Team steht in der Liga auf dem letzten Platz. Ist es der gleiche Coach, der noch in der letzten Saison als kluger Modernisierer des Berliner Spieles gefeiert wurde?

Seine Floskeln jedenfalls sind die gleichen: "Es ist schwierig." Schwierig wird es am Mittwochabend gegen 1860 München im DFB-Pokal - ein Spiel, dass die Hertha bestimmt nicht hoch gewinnen muss - und falls doch, so wartet mit Hoffenheim am Wochenende ein Kontrahent, gegen den sich die Erfolgsaussichten bescheiden ausnehmen.

Nur noch Lucien Favre

Wird Favre gefeuert, wäre dies eine Zäsur im deutsch-schweizerischen Fußballverhältnis. Er ist ohnehin der letzte eidgenössische Trainer hier. Marcel Koller ist zu Wochenbeginn bereits gefeuert worden. Der VfL Bochum trennte sich von einem Mann, der über Jahre das Ideale aus den Möglichkeiten dieses Klubs herausgeholt hatte. Und einer, der immer wieder mit der Schweiz assoziiert wurde, musste im September seinen Platz auf der Bank räumen: Jürgen Seeberger wurde von Alemannia Aachen entlassen.

Er ist zwar Deutscher, doch bevor er in Aachen unterschrieb, hatte er keinen deutschen Klub trainiert. Von 1994 an bis zu seinem Engagement bei der Alemannia hatte Seeberger nur den Schweizer Fußball kennengelernt, er war gewissermaßen ein Repräsentant des helvetischen Spitzenfußballs. Und so stellt sich die Frage: Was ist los mit der Schweizer Fußballschule? Die galt vor ein paar Jahren als nachahmenswertes Modell. Und die Trainer hatten einen exzellenten Ruf. Christian Gross reüssierte mit Basel in der Champions League, die Nachwuchsarbeit der Schweizer galt auch für den DFB als gutes Beispiel. Doch das Image hat sich gewandelt. Marcel Koller scheiterte bei seiner ersten Bundesligastation in Köln. Und später versuchte es der FC mit Hanspeter Latour noch einmal mit einem Schweizer.

Doch auch Latour wurde in Köln entlassen, obwohl er genau jene Fähigkeit mitbrachte, die sowohl Koller als auch Favre abgeht: Latour wusste virtuos mit den Medien zu spielen. Die Fachkräfte Koller und Favre hingegen interessieren sich vor allem für ihren Job und nicht für die Nebengeräusche. Die aktuelle Situation, an der gewiss nicht allein der Trainer die Schuld trägt, wussten sie nicht zu vermitteln.

Rückzug der Arrivierten

Dabei ist es um den Schweizer Fußball nicht schlechter bestellt als noch vor wenigen Jahren. Noch immer spielen gute Kicker in anderen Ligen. Tranquillo Barnetta in Leverkusen, Gökhan Inler bei Udinese Calcio oder Valon Behrami (West Ham United) sind jung und spielstark, ein Talent wie Eren Derdiyok beeindruckte mit seinen ersten Auftritten bei Bayer Leverkusen. Der Schweizer Fußball wird von den "Secondos" geprägt, den Nachfahren der Einwanderer. Aber auch das gab es schon früher, da waren die Yakin-Brüder.

Einer der Arrivierten zog es zu Saisonbeginn vor, sich der Konkurrenz zu entziehen und den Heimweg ins vermeintlich sichere Basel anzusteuern: Alexander Frei hat Dortmund verlassen, und am Oberrhein traf er auf Marco Streller. Der hat es auch mal in der Bundesliga versucht, wenngleich ihm die Klasse von Frei fehlt. Natürlich wird der Rückzug Freis kritisch betrachtet. Und auch die beharrliche Weigerung von Christian Gross, nach einem gescheiterten Versuch in Tottenham noch einmal ins Ausland zu gehen, wird als Indiz für mangelnde Entschlusskraft im Schweizer Fußball gesehen. Dabei ist Gross' Name über Jahre hinweg gehandelt worden, wann immer in der Bundesliga ein interessanter Posten frei wurde.

Nicht mal der Nationaltrainer ist Schweizer - aber Ottmar Hitzfeld ist gerade dort als Trainer geprägt worden. Sogar auf der Bank der deutschen Nationalelf sitzt mit Joachim Löw ein Mann, der auf eine lange Schweizer Vergangenheit verweisen kann. Und es ist noch gar nicht lange her, dass Favre als Mann für höhere Aufgaben gehandelt wurde. Nicht auszuschließen, dass die Bundesliga nach dem Pokalspiel ohne Schweizer Trainer auskommen muss. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre dürfte dies auch noch lange so bleiben.

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