HOME

Fußball-Bundesliga: Fan-Rebellion gegen Ticket-Inflation

Alarm in der Fußball-Bundesliga. Erzürnt über die Ticketpreise gehen Fans auf die Barrikaden. Das Revierduell zwischen Schalke und Dortmund wird boykottiert.

Von Klaus Bellstedt

Derby-Zeit in der Fußball-Bundesliga: Am 4. Spieltag (ab 15.30 Uhr im stern.de-Liveticker) kommt es zu gleich drei hoch brisanten Begegnungen. Im Niedersachsen-Duell spielen Wolfsburg und Hannover gegeneinander, am Sonntag kommt es zum Klassiker zwischen Schalke und Dortmund, dazu steht die Hamburger Stadtmeisterschaft zwischen Aufsteiger FC St. Pauli und dem HSV an. Die Fans werden natürlich wieder in die Stadien strömen und den Clubs die Bude einrennen. Halt, falsch! Beim Revier-Derby wird die Schalke-Arena merkwürdigerweise nicht ausverkauft sein - in der Bundesliga regt sich nämlich Widerstand gegen steigende Eintrittspreise.

Vor allem die von den meisten Vereinen erhobenen Topzuschläge sorgen für Unmut. Aus Verärgerung über die Ticketkosten für das Revierderby zwischen dem FC Schalke und Borussia Dortmund am Sonntag riefen über 300 BVB-Fanclubs zum Boykott der Partie auf. Mit dieser in der bisherigen Liga-Historie einmaligen Aktion soll ein Zeichen gegen Preistreiberei gesetzt werden: "Das richtet sich nicht gegen bestimmte Vereine. Es ist unser Ziel, dass sich die gesamte Liga mit diesem Problem auseinandersetzt", sagt Aktionssprecher Marc Quambusch.

"Kein Zwanni für 'nen Steher"

Immerhin 1600 BVB-Fans haben bisher ihre Karten für das Derby in Gelsenkirchen zurückgegeben. Preise von 22 Euro für einen Stehplatz erscheinen ihnen zu hoch. "Man wird wie Vieh behandelt und muss Preise wie in der Oper zahlen", klagt Guido Schulz von "schwatz-gelb.de" in der Zeitung "Reviersport" über die Tendenz zu immer höheren Zuschlägen.

Was zunächst als lokales Phänomen und Zeichen der großen Rivalität zwischen Schalke- und Dortmund-Anhängern gewertet wurde, zieht nun aber auch größere Kreise. Fanclubs des Hamburger SV, SC Freiburg und VfL Wolfsburg bekundeten auf der Internetseite der Organisatoren mit dem Slogan "Kein Zwanni für 'nen Steher" ihre Solidarität. Mehr noch: Ein Bremer Fanclub gab den Boykott aller Champions-League-Partien von Werder bekannt. Am vergangenen Dienstag beim Spiel der Grün-Weißen in der Königsklasse gegen Tottenham Hotspur bekamen Frings und Co. das bereits zu spüren. Im Weserstadion herrschte eine Atmosphäre wie auf dem berühmten Pariser Friedhof Père Lachaise. "Angesichts der unerträglichen Preispolitik des Vorstands bleibt uns keine Alternative", heißt es auf der Internetseite von "infamous youth".

Werder-Boss Klaus Allofs reagierte ziemlich angefasst und widersprach den Vorwürfen, die Eintrittspreise seien zu hoch. "Dann sollen die mal ihre Kollegen aus dem englischen Block fragen, was in der Premier League gezahlt wird oder in anderen Stadien", schimpfte Allofs. Beim Rückspiel an der White Hart Lane kostet die günstigste Karte etwas mehr als 50 Euro. Allofs weiter: "Wir machen uns große Gedanken, wie wir die Preise gestalten. Wir wollen alle mit ins Boot holen und am liebsten alle Fans glücklich machen. Die Preispolitik von Werder ist sehr moderat." Werder liegt mit seinen Champions-League-Preisen auf einem ähnlichen Niveau wie Schalke (40 bis 70 Euro) und ist teurer als Bayern (25 bis 60 Euro).

Jugendliche Fußball-Fans die Leidtragenden

Bereits seit Mitte der 80er Jahre müssen Fans für wichtige Spiele ihres Clubs tiefer in die Taschen greifen. Mit zusätzlichen Forderungen für Schlagerspiele von mitunter bis zu 50 Prozent vergraulen viele Clubs ihre Anhänger. Zwar sind die Ticket-Preise im Vergleich zu anderen europäischen Top-Ligen niedriger, aber offenbar auf dem Weg an die Schmerzgrenze.

Wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur DPA bei allen Bundesligisten ergab, erheben lediglich Leverkusen, St. Pauli und Mainz keine Top-Zuschläge. Im Wissen um die Brisanz meiden viele andere Clubs inzwischen diesen Begriff, verkaufen ihre Tickets aber in unterschiedlichen und vom Gegner abhängigen Kategorien. Vor allem bei Gastspielen des deutschen Rekordmeisters FC Bayern werden höhere Preise aufgerufen. Weitere Vereine mit Topzuschlag-Potenzial sind Bremen, Hamburg, Schalke und Dortmund.

Auf der steten Suche nach Mehrerlösen im Ticketing wandeln viele Clubs auf schmalem Grat. "Wir dürfen hier nicht Zustände bekommen wie in England", mahnt Quambusch mit Verweis auf die in den vergangenen Jahren horrend gestiegenen Eintrittspreise in der Premier League. Dort seien vor allem jugendliche Fußball-Fans die Leidtragenden. "Es geht nicht um Ticketpreise von 8 Euro auf der Haupttribüne am Mittelkreis. Wichtig ist aber, dass es weiter auch genügend Tickets gibt, die sich auch junge Leute leisten können. Sonst schließen die Clubs eine ganze Generation und damit ihre Zukunft aus." Die Identität des Fußballs steht auf dem Spiel.

Mit DPA

P.S.: Ärgern Sie sich auch über zu hohe Fußballticketpreise? Diskutieren Sie mit uns auf der "Fankurve", unserer Facebook-Seite für Fußballfans.

Wissenscommunity