Fußball-Presseschau Aggressives Werben um junge Spieler


Die Presse macht sich ernsthafte Sorgen um Werder Bremen. Rafael van der Vaart soll ein Heiratsschwindler sein und das aggressive Einkaufen von jungen Ballkünstlern wird gegeißelt. stern.de und indirekter-freistoss.de blicken in die Gazetten.

Die Leistung der Bremer beim 2:1 gegen Dinamo Zagreb kommentieren die Journalisten mit Entsetzen. Jörg Marwedel (SZ) erschrickt: "Auch beim nicht unbedingt verdienten 2:1 gegen Zagreb hat sich bestätigt, was sich schon beim DFB-Pokalspiel in Braunschweig und beim ersten Bundesligaspiel in Bochum angedeutet hatte: Werder Bremen ist derzeit nicht mehr Werder Bremen. International haben sie jedenfalls kaum einmal eine schlechtere Halbzeit abgeliefert als die erste in diesem Spiel. Das hat auch damit zu tun, dass zwölf Spieler momentan verletzt ausfallen. Gleichwohl fällt auf, dass die einzelnen Mannschaftsteile kaum wissen, was die Mitspieler vorhaben und wohin sie laufen. Allein Tim Wiese, Mertesacker und Boubacar Sanogo hatten annähernd Normalform."

Auch Andreas Lesch (Berliner Zeitung) schwant nichts gutes: "Die Bremer haben sich als eine einzige große Problemzone präsentiert. Sie schickten elf Spieler auf den Platz, aber kein Team. Sie fanden keinen Halt, keine Orientierung, keine Struktur; sie geisterten ziellos umher, sie waren eine Mannschaft ohne Mitte, eine Ansammlung von Missverständnissen. (...) Die Bremer durchleben nach Jahren des Aufschwungs eine kritische Phase. Sie sind in der neuen Saison noch nicht angekommen, aber die Saison nimmt darauf keine Rücksicht."

Bittere Kritik an Rafael van der Vaart, der seinen Weggang nach Valencia durch Äußerungen in der Öffentlichkeit zu erzwingen versucht, obwohl er Hamburg Liebe schwor. Michael Horeni (Frankfurter Allgemeine Zeitung) entlarvt ihn als Heiratsschwindler: "Die Klub-Raute im Herzen, die heillos nostalgische Fußballfans in der Hansestadt bei den Wanderprofis von heute noch immer so gern verorten würden, hat sich in Rekordzeit aufgelöst. Van der Vaart, der seine Verbundenheit zu Hamburg immer besonders rehäugig hervorgehoben hatte, investiert seine Leidenschaft nun viel lieber in eine noch virtuelle spanische Fernbeziehung. Vierzehn Millionen Euro hat der FC Valencia dem HSV zunächst geboten - mit dem ersten Annäherungsversuch haben die Spanier schon mal jede Nähe zwischen Star und Noch-Arbeitgeber gekappt. (...) Es tut ziemlich weh, was van der Vaart dem gesunden Menschenverstand so zumutet, wo mit Herz & Schmerz doch nur die branchenüblichen Erpressungsversuche kaschiert werden."

Ralf Köttker (Welt) rät dem Klub, auf den Vertrag mit van der Vaart zu pochen: "Der HSV tut gut daran, diesem Egoismus nicht nachzugeben. Es wäre sportlich unverantwortlich, die zentrale und derzeit nicht adäquat ersetzbare Figur gehen zu lassen. Außerdem würde die sportliche Führung an Glaubwürdigkeit verlieren, wenn sie sich nach den Beispielen Boulahrouz oder van Buyten wieder erpressbar macht. Spieler wie van der Vaart müssen lernen, dass Verträge nicht nach Lust und Laune gebrochen werden können. Und dass es Wichtigeres gibt als ihr Wohlergehen. (...) Menschlich gehört van der Vaart bereits jetzt zu den großen Enttäuschungen der neuen Saison."

Marko Schumacher (Stuttgarter Zeitung) gibt angesichts des Transfers des Ungarn Adam Szalai, 19-jähriger Regionalligaspieler des VfB Stuttgart, zu Real Madrid zu bedenken: "Sein Wechsel belegt die jüngste Entwicklung, dass die europäischen Großclubs bei der Suche nach künftigen Stars immer aggressiver zu Werke gehen. Neuerdings stehen nicht mehr nur die Toptalente im Fokus, sondern auch Leute aus der zweiten und dritten Reihe. Im großen Stil und aus allen Herren Ländern verpflichten die Vereine häufig nach dem Zufallsprinzip Perspektivspieler - in der Hoffnung, dass einem von ihnen der große Durchbruch gelingt. War dieses Phänomen bisher vornehmlich aus England bekannt, wo für 14-jährige Jugendspieler bisweilen Millionensummen bezahlt werden, so steigen nun auch verstärkt die Spanier in diesen Markt ein. Ob der frühe Wechsel unerfahrener Nachwuchskicker zu Topclubs der richtige Weg ist, bezweifeln viele Beobachter."

Auch Michael Ashelm (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) sorgt sich um diesen neuen Trend: "Die Suche nach den kleinen Ballkönigen ist zu einem globalen Leistungssport geworden, in den sich Talentspäher, Berater und Vereine mit aller Kraft stürzen. Gerade verabschiedete sich der FC Bayern von seinem Grundsatz, die jüngsten Talente für den Verein nur im Münchner Umland zu suchen. Wie Barcelona, Madrid, Arsenal oder Manchester nutzte der Rekordmeister seine guten Auslandskontakte und holte sich einen 13 Jahre alten Peruaner an die Angel: Pier Larrauri Corroy."


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