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Fußball-Presseschau: Hertha BSC wie die Sowjetunion

Sturm über Berlin: Die 0:3-Niederlage von Hertha BSC Berlin veranlasst die Presse zu Schwarzmalerei. Die Dortmunder haben Kampfgeist und Moral wiedergefunden, und beim FC Bayern gibt es einen neuen wunden Punkt. stern.de und "indirekter Freistoß" blicken in die Gazetten.

Nach dem 0:3 gegen Frankfurt - Andreas Lesch ("Berliner Zeitung") kritisiert kühl die Sprunghaftigkeit des Hertha-Managers Dieter Hoeneß: "Der Fußballklub Hertha BSC ist schon immer sehr innovativ gewesen. Er hat in den vergangenen Jahren einen Modetrend nach dem anderen entdeckt; jeder war so geheim, dass niemand sonst ihn bemerkte. In den 90er Jahren unterwarf die Westberliner Hertha sich der Wiedervereinigungsmode und kaufte Ostprofis. Dann erspähte sie die Brasilienmode. Es folgten der Trend zum gestandenen Typen und die Idee, den eigenen Nachwuchs rudelweise in die Erstligaelf zu befördern. Geholfen hat alles nichts, und so hat der Dieter-Hoeneß-Klub noch einmal alle Kraft zusammengenommen und den jüngsten, den schrägsten Schrei der Branche kreiert: die Welt zu Gast bei Hertha. Die Hertha kommt so international daher wie nie, sie spielt gerade ein bisschen Globalisierung, und sie hat sich, getrieben von Trainer Lucien Favre, radikale Reformen verordnet. Jetzt lernt sie, dass Globalisierung und Reformen nie schmerzfrei funktionieren. Die Hertha versucht sich mal wieder im Hauruck-Verfahren neu zu erfinden und wirkt, wie so oft, einen Tick zu radikal."

Auch Sven Goldmann ("Tagesspiegel") nimmt Herthas Trainer aus der Verantwortung und erwartet eine lange Dürre: "Hertha BSC unter Lucien Favre erinnert im Frühjahr 2008 an die Sowjetunion unter Michail Gorbatschow. Jeder weiß, dass die Reformen ohne Alternative sind. Aber jeder spürt auch, dass man in ein paar Monaten nicht nachholen kann, was über Jahre versäumt wurde. Und dass allzu kühne Erwartungen an der Realität scheitern müssen."

Andreas Burkert ("Süddeutsche Zeitung") haut der 2:1-Sieg der Bayern in Rostock nicht vom Hocker: "Eine Woche mit zwei Starterfolgen in die Rückrunde liegt nun hinter den Bayern. Doch diese beiden Siege dürften sie wohl kaum von ihren dezenten Zweifeln befreit haben. Denn in Rostock haben sie ja mal eben im Schnelldurchgang ihre Hinserie nachgestellt. In dieser hatten sich die Bayern nach euphorischem Entrée bleischwer und ideenlos in die Winterpause gerettet. Schlüssige Erklärungen für den Trend sind bisher ausgeblieben. Die zweiten 45 Minuten haben ausgereicht, dass die Suche nach Erklärungen schon wieder begonnen hat. Und diese Suche führt unweigerlich zu einem wunden Punkt der neuen, teuren Bayern: der Abhängigkeit vom Mann aus Hitzfelds Windschatten, Franck Ribéry. Wegen Oberschenkelschmerzen war er zur Halbzeit ausgewechselt worden - und somit all das, was das Spiel der Bayern ausgezeichnet hatte. Hitzfelds Leute haben ohne den Flügelläufer ausgesehen wie eine Boeing, die auf halber Strecke eine Tragfläche verloren hat."

Stefan Osterhaus ("Financial Times Deutschland") kommen die Verdienste und Qualitäten des aktuellen Bayern-Trainers zu kurz:

"Hitzfelds Engagement ist im Grunde genommen Vorruhestand pur. Das liegt nicht am Coach, der engagiert wie gewohnt täglich zur Trainingseinheit schreitet. Es liegt einfach daran, dass sein Nachfolger Jürgen Klinsmann heißt. Alles wird darauf hinauslaufen, dass in München eine neue Zeitrechnung beginnt. Es ist das Pech des Mannes aus Lörrach, dass er einfach der Trainer vor Klinsmann ist. Dabei hat es unbestreitbare Vorteile, bereits jetzt zu wissen, dass Hitzfeld geht. Sein Abschied wird die Anhänger nicht plötzlich treffen. Schon jetzt kann jeder darüber nachdenken, was die Bayern an ihm gehabt haben und umgekehrt. Jeder, dem der deutsche Fußball am Herzen liegt, soll noch mal in sich gehen und überlegen, wer vor Hitzfeld die Champions League nach Deutschland geholt hat."

Richard Leipold ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") zieht aus dem 3:3 zwischen dem Duisburg und Dortmund mehrdeutige Schlüsse: "Auch ein Unentschieden kann Gewinner und Verlierer hervorbringen. Wer hier gewonnen und wer verloren hatte, war zwar nicht am Ergebnis abzulesen, wohl aber an den Gesichtern und an den Worten der Protagonisten. Während die Duisburger wie Verlierer vom Platz schlichen, hatten die Dortmunder über den einen Punkt hinaus allerlei Tugenden zurückgewonnen, die ihnen auf rätselhafte Art abhandengekommen schienen: Selbstvertrauen und Kampfgeist, Mut und Moral. (…) Der Zugewinn könnte über den Teilerfolg dieses Spieltags hinausreichen, falls die Dortmunder nicht wieder in alte Fehler verfallen, wie es oft geschieht, wenn ihnen etwas Gutes gelungen ist."

Jörg Marwedel (Süddeutsche Zeitung) bemängelt beim 1:1 gegen Hannover die Einseitigkeit des Hamburger Trainers:

"Nun ist verbrieft, dass Huub Stevens in dem einen Jahr seiner Amtszeit dem Team Disziplin und eine kaum überwindbare Abwehr beschert hat. Aber noch nie war es sichtbarer, dass er als Stratege für das Offensivspiel seiner Mannschaft in etwa so viel wert ist wie Schneeschauer an einem sonnigen Nachmittag. So versteckte er Spielmacher Rafael van der Vaart als einzige echte Spitze und korrigierte dies auch nicht, als der Kapitän nicht ins Spiel kam."

Roland Zorn ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") fordert, die Winterpause zu verkürzen oder abzuschaffen:

"Warum sich die Bundesliga überhaupt noch den Luxus erlaubt, ihren Spielbetrieb in der gar nicht mehr so kalten Jahreszeit ruhen zu lassen, ist die zunehmend dringlicher zu stellende Frage. Da demnächst mit der wiedereingeführten Relegation und dem exklusiv auf einen Samstagabend verlegten Champions-League-Finale noch mehr Terminenge herrschen wird, sollte die Liga endlich den Mut aufbringen, ihre Stadiontore spätestens Mitte Januar wieder zu öffnen. Es wäre eine zeitgemäße und im europäischen Trend liegende Reform, die vielen vieles leichter machte und die üblichen Rhythmusstörungen nach zu langer Winterpause minimieren könnte."

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