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Fußball-Presseschau: Rehhagel, der Karl Moik des Kickens

Die Deutschen sitzen an der Tafel einer Kultur, bei der Prahlhans Küchenmeister ist. Das denken jedenfalls die Österreicher über uns. Auf den Fußball lässt sich das 1:1 übertragen, sagen die bösen Nachbarn. In München herrscht darüber hinaus weiterhin Sturmwarnung. stern.de und indirekter-freistoss blicken in die Gazetten.

Peter Heß (Frankfurter Allgemeine Zeitung) erlebt in Frankfurt wiedererstarkte Stuttgarter: "Der Meister hat nicht nur aus der Krise herausgefunden, er spielt wieder so souverän und frisch wie einst im Mai. Das 4:1 bei der überforderten Eintracht trug die Merkmale der erfolgreichen Stuttgarter Titel-Kampagne im Frühling 2007. Wurde der VfB im bisherigen Saisonverlauf fast ausschließlich durch den Torjäger Mario Gomez vor dem Abrutschen in die Abstiegszone bewahrt, brachte jetzt ein nicht zu bändigendes Stuttgarter Kollektiv die Eintracht zur Verzweiflung. (…) So verhalten und ruhig die Stuttgarter mit ihrer Krise umgegangen waren, so abgeklärt reagierten sie auf die Lobeshymnen nach dem Spiel." Tobias Schächter (Berliner Zeitung) stellt klar: "Zufallsmeister, in Stuttgart das Unwort des Jahres, spielen anders."

Ronny Blaschke (Süddeutsche Zeitung) betont das Außergewöhnliche beim Spiel zwischen Cottbus und Bremen, dem Auftritt zweier ehemaliger schwerkranker Patienten: "Ein Sieg ohne Schnörkel wie der des SV Werder verschwindet in der Regel schnell im Schlund der Geschichte. Dass aber niemand die Schatulle der Floskeln öffnete, um Sprachunkraut wie "Bayern-Jäger" oder "Arbeitssieg" an die Luft zu lassen, deutete auf eine Besonderheit hin. Der Wettlauf um Nachrichten, die keine sind, und die Gier nach Zitaten, die schneller vergessen als gesagt sind, machte eine Pause. Die Geschichte des Tages hatten zwei Spieler geschrieben, für die vor Monaten noch unklar war, ob sie es jemals wieder in die Bundesliga schaffen würden: Ivan Klasnic und John Jairo Mosquera prägten das Spiel auf ihre Art. Sie haben sich zu Symbolfiguren einer Elf emporgeschwungen, die sich derzeit weniger durch Ideenflut in der Offensive auszeichnet, sondern durch Effizienz und Beharrlichkeit, und das, obwohl zeitweise so viele Spieler auf der Verletztenliste standen wie auf dem Spielberichtsbogen. Dabei wäre es noch untertrieben, Klasnic und Mosquera als Langzeitverletzte zu bezeichnen. Beide waren gesundheitlich so sehr angeschlagen, dass manche Begleiter um ihr Leben fürchteten."

Bayern-Siege sind nun harte Arbeit

Elisabeth Schlammerl (Frankfurter Allgemeine Zeitung) beschreibt die Schönheitsfehler des Münchner Erfolgs gegen Wolfsburg: "Mit dem 2:1-Sieg, dem ersten Erfolg nach zwei Unentschieden und einer Niederlage, haben sich die Mannschaft und Ottmar Hitzfeld ein wenig Ruhe verschafft. Der kräftige Wind, der über München in den vergangenen zwei Wochen wehte, wird nun etwas nachlassen, aber die Sturmwarnung kann noch nicht ganz aufgehoben werden, vor allem, weil es immer wieder zu kleineren lokalen Gewittern kommt. Gleich nach dem Spiel hatte Willy Sagnol, zum ersten Mal seit seiner Knieverletzung vor gut einem halben Jahr wieder im Kader, einen Vereinswechsel angekündigt. (…) Die Leichtigkeit des Bayern-Spiels, mit der die Mannschaft zu Saisonbeginn sich selbst und das Publikum berauscht und damit die Ansprüche in die Höhe geschraubt hatte, fehlte auch am Samstag. Die Tore fallen nicht mehr selbstverständlich, Siege wie der gegen Wolfsburg sind nun harte Arbeit."

Prahlhans ist Meister in der deutschen Fußballküche

Oskar Beck (Welt am Sonntag) spottet über die Selbstliebe und die Selbstbezogenheit Fußballdeutschlands: "Wir müssen nur unter uns selbst sein, und gleich sieht der deutsche Fußball wieder besser aus, als er ist. Eine Verunsicherung erschüttert spätestens seit der Nullnummer gegen Wales den Glauben jedes guten Deutschen an das Gute seines Fußballs, und nach der kurzen Zwischenerholung in der Bundesliga geht nun in den nächsten Tagen schon wieder das Zittern vor der internationalen Bloßstellung los. Schalke versucht sich in Valencia, Bremen gegen Real und die Stuttgarter stochern gegen Glasgow weiter nach ihrem ersten Punkt - neulich hat sich Sat.1 schon geweigert, das Spiel unseres so genannten Meisters in voller Länge zu übertragen, und anlässlich des abschließenden Champions-League-Spiels des VfB in Barcelona würde sich keiner wundern, wenn das Fernsehen sogar vorsorglich zurückkehrt zur Schwarzweißübertragung mit Bildstörung. Zumindest sind unsere Nachbarvölker oft nur halb so beeindruckt von unserem Fußball wie wir selbst. Dieser Tage hat ein Schweizer Sportmagazin den durch das ketzerische Buch "Beckenbauer, ein Bayer zwischen Wahn und Wirklichkeit" bekannt gewordenen österreichischen Literaten Harald Irnberger interviewt, und der hat mit anderen Worten dasselbe gesagt wie sein berühmter Landsmann Karl Kraus: Die Deutschen sitzen an der Tafel einer Kultur, bei der Prahlhans Küchenmeister ist. Jedenfalls ist der Grantler Irnberger von der deutschen Überheblichkeit mindestens doppelt so überzeugt wie von der deutschen Spielweise im Fußball, und gnadenlos legt er uns sogar noch Otto Rehhagel zur Last: Wenn wir ihn richtig verstehen, hält er ihn für den Karl Moik des Kickens. So weit haben wir es also inzwischen gebracht: Von einem Österreicher müssen wir uns sagen lassen, dass wir nur halb so gut sind, wie wir tun."

Vorgeschmack

Marko Schumacher (Stuttgarter Zeitung) kommentiert den Raubmord an Peter Burgstaller, einem österreichischen Ex-Profi, in Durban sowie die beschwichtigende Reaktion Joseph Blatters: "Natürlich hat es im Mai 2004 gute Gründe gegeben, bei der WM-Vergabe neue Wege zu gehen. Erstmals wird das Turnier in Afrika stattfinden, es soll Entwicklungshilfe leisten und einen gebeutelten Kontinent in den Fokus der Weltöffentlichkeit rücken. Von Beginn an hatte allerdings die Kriminalitätsrate Zweifel hervorgerufen, ebenso die rechtzeitige Fertigstellung der Stadien. Die Fifa versprach, die örtlichen Behörden würden beide Probleme lösen. Der Mord an Burgstaller hat der Welt nun vor Augen geführt, dass die Sicherheit das zentrale Thema ist, auch wenn Streiks im Stadienbau neue Verzögerungen auslösen. Er war ein Vorgeschmack auf das, was viele im Sommer 2010 befürchten, wenn die Welt zu Gast in Südafrika ist. Es wäre ungerecht, den Südafrikanern schon jetzt die Fähigkeit abzusprechen, die WM erfolgreich auszurichten. Allerdings wird sich vieles ändern müssen, und man darf sich schon fragen, ob dies bis dahin überhaupt möglich ist. Die Augen-zu-und-durch-Devise des Fifa-Präsidenten Blatter jedenfalls ist die denkbar schlechteste Strategie."

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