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Insolvenzen: Traditionsklubs am Abgrund

Erst die Bayern-Gala, nun die WM: Fußball-Deutschland badet in Euphorie. Doch hinter der Hochglanzfassade droht eine beispiellose Pleiteserie. Von Heinz-Roger Dohms

Jetzt, da wieder WM ist, muss Rahn auch wieder aus dem Hintergrund schießen, im Fernsehen, im Radio, auf allen Kanälen. Weltmeisterschaft = Bern '54 = Siegtorschütze Rahn = deutsche Fußball-Euphorie.

Helmut Rahn selbst, wenn er denn noch leben würde, wäre dieser Tage gleichwohl wenig euphorisch. Sein Heimatklub Rot-Weiss Essen nämlich, 1955 mit Rahn Deutscher Meister, steht vor dem Aus. 2,7 Millionen Euro muss der Ruhrgebietsverein bis Ende der Woche auftreiben. Die Lage sei "existenziell bedrohlich", sagt Vorstand Thomas Hermes.

Essen ist kein Einzelfall, im Gegenteil. In anderen Fußballstädten wie Bielefeld, Dresden, Rostock, Aschaffenburg oder Zwickau sieht es ähnlich aus. Überall im Land haben sich Traditionsvereine in der Hoffnung auf bessere Zeiten übernommen - um nun von den Ausläufern der Wirtschaftskrise erfasst zu werden. Während die Bundesliga boomt, die Van-Gaal-Bayern die Fans begeistern, die Vorfreude auf die WM wächst, droht Fußball-Deutschland hinter dieser Hochglanzfassade eine beispiellose Pleiteserie.

Problemherd 2. Bundesliga

Schon in Liga zwei fangen die Probleme an. Viele Klubs planten mit einer schwarzen Null, sagt Christian Seifert, Chef der Deutschen Fußball Liga DFL, im Fachmagazin "Kicker". Wenn dann etwas Unvorhergesehenes passiere, ende das Geschäftsjahr fast automatisch mit einem Verlust. Bestes Beispiel ist die Bielefelder Arminia, die diese Saison die einkalkulierte Rückkehr in die Bundesliga verpasste. Nun fehlen 10 Millionen Euro, ein regionales Konsortium um den Oetker-Konzern und den Modeunternehmer Gerry Weber soll den Verein retten.

Dramatischer noch geht es in der dritten und der vierten Liga zu, wo sich viele einst klangvolle Namen tummeln. Geld vom Fernsehen, für die meisten Klubs die wichtigste Einnahmequelle, fließt hier nur noch spärlich. Hansa Rostock, mit 9 Mio. Euro verschuldeter letzter DDR-Meister, ist nach dem Abrutsch in die Drittklassigkeit kaum noch überlebensfähig. Andernorts ist der Existenzkampf längst verloren: In den vergangenen Wochen und Monaten meldeten Viktoria Aschaffenburg, der FSV Zwickau, der SSV Reutlingen und Tennis Borussia Berlin Insolvenz an.

Wer will, kann in dem Niedergang Parallelen zur Finanzkrise erkennen. Denn viele Klubs haben sich schlicht verspekuliert - mit riskanten Wetten auf den eigenen Erfolg. Am Ende schließlich folgt stets der Ruf nach dem Staat. In Aachen zum Beispiel springt die Stadt mit einer Millionenbürgschaft ein, in Jena kommt das Bailout vom Land Thüringen. Und allerorts werden die kommunalen Sparkassen dazu gedrängt, sich an etwaigen Rettungsaktionen zu beteiligen. Das alte Rahn-Motiv, modern interpretiert, lautet: Aus dem Hintergrund müsste Geld fließen.

Diesen Artikel haben wir für Sie in der Financial Times Deutschland gefunden

Von Heinz-Roger Dohms

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